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Auf Lachsfang: Seeschlacht vor Rügen

Foto: Andreas Lindlahr für BEEF!

Männer auf Lachsfang Seeschlacht vor Rügen

Die Invasion der Schleppfischer kommt Jahr für Jahr. Wenn 100 Männer mit 50 Booten in der Ostsee vor Rügen aufkreuzen, sind sie auf der Jagd nach dem Fisch ihres Lebens - dem ausgewachsenen, 20 Kilo schweren Atlantischen Lachs. Ein Abenteuer für echte Männer.
Von Christoph Scheuring

Schaprode - Vielversprechend sah das nicht aus, was hier mit dem Wetter passierte. Es war an einem klaren, kühlen, sonnigen Morgen Ende April. Die Kirchturmuhr zeigte Viertel nach sechs, keine Wolke am Himmel, aber aus Nordost wehte eine frische Brise die Promenade herunter. "Sechs bis sieben Beaufort", lautete die Voraussage. "In Böen acht." Die Männer schauten skeptisch hinaus aufs Meer.

Ungefähr hundert waren es, die zu dieser frühen Stunde heruntergekommen waren zum Hafen Schaprode. Keine einzige Frau. Nur richtige Kerle. Nicht solche, die spitze Schuhe oder eckige Brillen tragen, sondern Typen mit Baseballkappen und kleinen Taschen am Gürtel, in denen ein Taschenmesser steckt. Die meisten hatten Fleecejacken an in Moosgrün und Navyblau. Und fast alle hatten diese braune, rot geäderte Haut, die von unzähligen Stunden auf dem Wasser erzählt.

Es war der Auftakt zum 5. Rügener Lachstrolling-Treffen. Eines der spektakulärsten Angelwettbewerbe in unseren Breiten. Seit fünf Jahren findet das Event Ende April vor der Westküste Rügens statt. Organisiert von ein paar Enthusiasten mit Unterstützung des deutschen Boots-Angler-Club e. V.

Drei Tage lang fahren dann fünfzig Boote mit hundert Männern hinaus aufs Meer, um Lachse zu fangen, die groß wie Wildschweine sind und an der Angel ähnlich tapfer kämpfen wie George Forman damals gegen Muhammad Ali. Es geht um den Fisch des Lebens, von dem man noch seinen Enkeln erzählen kann: ein Meter zwanzig lang, zwanzig Kilo geballte Kraft, ein ausgewachsener Atlantischer Lachs, der König der Fische.

Wie ein Bulldozer unter Wasser

Nirgendwo in Europa sind die Chancen auf solch einen Fang größer als im März oder April hier vor der Küste. Das liegt daran, dass der Lachs zwar seine Kindheit in irgendwelchen Flüssen verbringt, aber seine besten Jahre dazu nutzt, um in der Ostsee andere Fischkinder wegzuhauen. Meistens folgt er dabei den großen Heringsschwärmen, und die wiederum sammeln sich im Winter vor Rügen, um später zum Laichen in die Boddengewässer zu ziehen. Nach drei bis vier Jahren im Meer wiegt der Lachs ungefähr zwanzig Kilo und benimmt sich an der Angel wie ein Bulldozer unter Wasser. Um diese Monster zu fangen, waren die Männer hier.

Ich war einer von ihnen. Dabei ist dieser Sport eigentlich nicht der richtige Zeitvertreib für Menschen mit einem überschaubaren Konto, weil es dazu ein Boot braucht mit ungefähr sechs Meter Länge und siebzig PS und außerdem ein Funkgerät, ein Echolot, einen Autopiloten und einen Kartenplotter, mit dessen Hilfe man wieder in den Hafen zurückfindet.

Und dann braucht es noch ein Dutzend Ruten, genauso viele Rollen, mindestens fünfzig Köder und zwei Downrigger, was eine Art Kran ist, mit dem man einen kiloschweren Bleiklumpen durchs Wasser schleift. Er dient dazu, die Köder auf der richtigen Tiefe zu halten. Am Ende ist so ein Boot leicht 30.000 Euro schwer. Und trotzdem stapelt sich um diese Jahreszeit halb Europa vor der Küste von Rügen. Die Boote kommen auf dem Seeweg aus Polen oder Dänemark oder Schweden herüber oder sie stechen von den beiden Sportboothäfen Rügens in See. Einer davon ist Schaprode.

Auch hier sah es an diesem Morgen aus wie vor einem Baumarkt an einem Samstagvormittag: Jeder Meter Steg war zugeparkt, überall schleppten Männer mit äußerst kompetentem Gesichtsausdruck irgendwelche Gerätschaften zu ihren Booten. Diese trugen Namen wie "Aggressor", "Hechtkiller" oder "Raubfisch". Eines hieß "Auszeit". Ein anderes war sehr großflächig mit einem schnaubenden Wasserbüffel übermalt.

Bis an die Zähne bewaffnet aufs Meer

Und alle waren bis auf die Zähne bewaffnet. Von den Kabinendächern ragten Batterien von Angelruten in den Himmel wie die Geschütztürme auf einem Kriegsschiff. Die meisten hatten auch noch einen Gefechtsstand am Heck. Aber nicht alle nahmen am Wettbewerb teil. Der Veranstalter hatte die Anzahl der Boote auf fünfzig begrenzt.

Eines davon steuerte ich. Ich rechnete schwer mit einem Sieg. Auch wenn ich absolut keine Ahnung hatte von der Materie. Dafür hatte ich die Lizenz, Experten um Rat zu fragen. Zum Beispiel Frerk Petersen, 46, diplomierter Fischerei-Biologe und Deutschlands bekanntester Bootsangler. Wie alle Wissenschaftler hatte er einen analytischen Zugang zum Thema. "Trolling ist Glücksspiel", sagt er. "Aber wie bei jedem Glücksspiel kann man durch vernünftiges Handeln die eigenen Chancen signifikant erhöhen."

Dazu braucht es nicht einmal viel anglerisches Geschick. Man muss kein Gefühl im Handgelenk haben für den gekonnten Wurf. Man muss die Topografie eines Gewässers nicht lesen können, weil sich auch der Lachs dafür nicht interessiert. Und man muss nicht einmal nach Kanten oder Felsen oder untergegangenen Frachtern auf dem Meeresgrund suchen, in deren Schatten sich eventuell ein Lachs versteckt. Lachse verstecken sich nicht. Jedenfalls nicht im Meer.

Stattdessen marodieren sie in kleinen Schlägertrupps durch das freie Wasser. Immer auf der Suche nach einem leckeren Hering, den sie wegklatschen können. Selten sind die Gangs größer als acht bis zehn Mann. Und je fetter der einzelne Kraftprotz im Laufe der Jahre wird, desto kleiner wird am Ende die Truppe. Erst wenn er vor Kraft kaum noch laufen kann, macht er sich auf den Weg zurück in die Heimat. Die liegt oftmals viele Hundert Kilometer entfernt in den Flüssen Polens, Dänemarks oder Schwedens. Sogar ein Fisch aus Nordnorwegen wurde hier schon mal gefangen. Das konnte man daran erkennen, dass er von Forschern markiert worden war.

"Aggressor" tritt gegen "Auszeit" an

Nur deutsche Fische gibt es vor Rügen nicht, weil es in Deutschland keinen ernsthaften Lachsfluss gibt, der in die Ostsee entwässert. Das bedeutet: Da investieren andere Länder Unmengen an Geld und Fleiß, um die Lachspopulation in ihren Flüssen zu stützen. Und dann fischen die deutschen Angler die wildesten Kämpfer weg, bevor sie eine Chance haben, sich zu vermehren. So was finden andere Länder weniger lustig. Dafür finden es deutsche Angler nicht so erbaulich, dass Polen, Schweden und Dänen in Armeestärke ihr Hoheitsgewässer plündern.

Männer in spitzen Schuhen würden jetzt wohl sagen: "Wo ist das Problem, das ist doch eine Win-Win-Situation, oder?" Ich dagegen dachte: Der einzige, der hier gewinnt, bin ich. Auch wenn ich noch nicht wusste, wo ich den Fisch aufstöbern sollte. "Jedenfalls nicht da, wo Möwen ins Wasser stürzen", meinte Petersen. "Das denken Laien immer. Aber so einfach ist es dann auch nicht." "Was ist mit einem Fischfinder?", fragte ich. "Die Geräte sind doch so genau, dass sie ein Fischei in fünfhundert Meter Wassertiefe lokalisieren könnten." "Ich betreibe das Trollingfischen jetzt seit fast zwanzig Jahren", antwortete er. "Aber ich habe noch nie einen Fisch gefangen, der vorher schon auf dem Echolot zu sehen war." Nach seiner Erfahrung muss man die Suche deshalb systematisch betreiben.

Schon weil sie Ähnlichkeiten hat mit der Geschichte vom Heuhaufen und der Nadel: Auf der einen Seite ist da Ostsee vom linken bis zum rechten Horizont, zwischen zwanzig und sechzig Meter tief. Und jeder Quadratmeter sieht aus wie der nächste.

Und auf der anderen Seite flitzen irgendwo ein paar Lachse herum. Manchmal direkt unter der Oberfläche. Manchmal in tieferen Schichten. Pausenlos unterwegs. Und von oben sowieso nie zu sehen. "Eigentlich geht es beim Trolling nur darum, möglichst effektiv und möglichst gründlich möglichst viel Wasserfläche zu scannen", sagte Petersen. Das macht der Trollingangler, indem er mit seinem Boot möglichst viele Blechlöffel hinter sich herschleift, die so tun, als wären sie appetitliche Fische.

Kampfsport auf gepolstertem Sitz

Deshalb die vielen Ruten. Und deshalb die Downrigger, weil es keinen Sinn macht, wenn alle Köder dabei auf einem Haufen klumpen. Außerdem hat der Trollingangler noch eine Art Minisurfbrett erfunden, das mit einer Leine am Boot befestigt wird und so konstruiert ist, dass es auf Zug nach außen driftet, bis es dreißig Meter querab neben dem "Aggressor" oder der "Auszeit" läuft. An dieser Leine werden dann noch mehr Köder geführt, sodass der Trollingangler am Ende das Wasser auf sechzig Meter Breite und zwischen zwei und zwanzig Meter Tiefe durchpflügt. In der Hoffnung, dass einer seiner Löffel dem Lachs dabei direkt vor der Nase baumelt. Das Ganze funktioniert wie ein riesiger Rechen. Ungefähr.

"Und die richtigen Köder sind dabei nicht so wichtig?", fragte ich. "Die richtigen Köder bekommst du von mir." Außerdem bekam ich eine exakte Liste. Welches Blech mit welcher Farbe in welcher Tiefe bei welchem Wetter. Die Liste war das Destillat seines Lebens als Trollingangler. "Damit bist du in jedem Fall auf der sicheren Seite." Ich konnte es bereits vor meinem geistigen Auge sehen: mannhafte Kämpfe und danach tonnenweise Lachs an Bord und alles mit einem Steuerrad in der Hand und jede Menge PS unter dem Hintern. "Trolling ist die einzige Kampfsportart, die man von einem gepolsterten Sitz aus betreibt", dachte ich. "Viel näher kann man dem Paradies nicht sein."

Zumindest hatten all jene Angler, die ich bisher gesehen hatte, vor Glück geleuchtet. Jedes Boot, das am Vorabend zurückgekehrt war von einem Beutezug und in den Hafen einlief, hatte Lachse geladen. Zehn Kilo, zwölf Kilo, ein Meter fünf, ein Meter acht, ein Meter siebzehn. Die wenigsten Skipper hatten sich dabei auf die gesetzlich erlaubten drei Fische beschränkt. Allerdings hatten sie auch mehr Angeln an Bord als die vorgeschriebenen drei Ruten pro Mann. Ich hatte für den heutigen Tag mit fünf Ruten vorgesorgt. Leider kamen sie nicht zum Einsatz.

"Liebe Freunde", sagte der Veranstalter um Viertel vor sieben ins Megafon. "Auch wenn man hier im Hafen nichts davon merkt: Wir haben draußen eine Welle von zwei bis zweieinhalb Metern. Das ist für die meisten Boote von Euch zu viel. Der Wettbewerb ist für heute gecancelt." Die Fleeceträger nickten verständnisvoll. In meinen Ohren klangen "zwei Meter" erst einmal nicht so gewaltig. "Das Problem der Wellen ist auch nicht so sehr deren Höhe", meinte der Mann mit dem Megafon, als alle anderen längst wieder in ihren Betten lagen. Sein Name war Mathias Fuhrmann. Studierter Geologe, analytischer Denker. "Das Problem ist die Dünung."

Im eiskalten Wasser kann man keine zehn Minuten überleben

Die ist hier meistens so kurz, dass die Welle vorn schon über die Bordwand klatscht, während der Rest des Bootes noch ins Wellental reitet. Boote, die keine Selbstlenzer sind, laufen unter solchen Bedingungen gern mal voll. Ganz abgesehen davon, dass es eine schlechte Idee wäre, in dieser Welle wenden zu wollen. Und ganz besonders schlecht ist die Idee zurzeit, da das Wasser sechs Grad kalt ist und der Mensch keine zehn Minuten darin überleben würde. "Und jetzt?", fragte ich. "Jetzt könnte man zum Beispiel einen Kaffee trinken gehen und über die Geschichte des Lachstrollings reden", sagte der Analytiker. Das Lokal hieß "Der Fährmann" und lag einen halben Kilometer weiter nördlich neben dem Fähranleger.

Der Weg dorthin führte durch einen Ort, der noch nicht vom Reichtum vor der Küste erzählte. Die einzigen, die hier passabel vom Lachs leben konnten, waren Fuhrmann und seine Kollegen, weil sie zahlungskräftige Angler hinausfuhren zum Fisch.

In Skandinavien ist jeder Lachstrolling-Wettbewerb ein gesellschaftliches Ereignis. Dann ist die ganze Stadt auf den Beinen, das Fernsehen überträgt live, und eine Armada von Booten rückt aus aufs Meer. Warum das auf Rügen noch anders ist? Wie immer in der Ex-DDR ist auch das noch dem langen Arm der Partei und Erich Mielke geschuldet. Genauer gesagt liegt es an der Tatsache, dass in der DDR Boote noch schwieriger zu bekommen waren als Autos, weil man damit leicht zum Klassenfeind hätte flüchten können.

Besonders traf dies auf Rügen zu, da die dänische Insel Møn nur dreißig Seemeilen entfernt davon liegt. Bei gutem Wetter hätte man das locker mit einem Schlauchboot geschafft. Deshalb waren hier Menschen schon subversiv, wenn sie nur an der Küste standen und hinausschauten aufs Meer. Also auch jeder Angler. Spätestens wenn es dämmerte, wurden alle vom Strand gejagt.

Träume jenseits des Horizonts

Wahrscheinlich siedelten aus diesem Grund die Träume der ostdeutschen Angler jenseits des Horizonts: Norwegen, Dänemark, die schwedischen Schären. Als dann die Mauer fiel, interessierte sich erst einmal niemand für die deutschen Hoheitsgewässer. Die lagen weiterhin jungfräulich vor der eigenen Haustür. Noch vor zehn Jahren bevölkerten nur ein paar Hechtangler die Schaproder Stege.

Erst im Jahr 2005 fing dann Mathias Fuhrmann draußen vor der Küste den ersten Lachs. Beim nächsten Fisch hatte er dann einen Redakteur einer Angelzeitschrift dabei. Ihr Bericht machte Rügen innerhalb weniger Jahre zu einem der begehrtesten Lachsreviere Europas.

"Allein in der vergangenen Woche haben die Angler hier mehr als sechs Tonnen Lachs aus dem Wasser gezogen", erzählte Fuhrmann. "Fisch ist da, so viel ist sicher." "Und wie sieht's morgen aus", fragte ich. "Haben wir eine Chance?" "Möglich", meinte er, "das Wetter auf Rügen ändert sich schnell." Allerdings nicht schnell genug. Der nächste Tag brachte unverändert Wind aus Nordost, sechs bis sieben Beaufort, bei 1017 Hektopascal, identische Welle. Und auch am letzten Tag flaute der Wind nur unwesentlich ab, sodass Fuhrmann die Verantwortung für andere Lachsangler nicht übernehmen wollte. "Wir können euch nicht daran hindern, rauszufahren. Aber wir appellieren an euch, dass ihr euer Leben nicht nutzlos riskiert."

In Bezug auf mein Leben schien er die Sache weniger problematisch zu sehen. Er stellte mir den besten Guide, der verfügbar war, an die Seite. Dessen Boot hatte siebzig PS, war aus Aluminium und zertifiziert für höheren Wellengang. Es hatte vorn und hinten ebenfalls eine Reihe Geschütze. Damit fuhren wir durch das Boddengewässer hinaus aufs Meer. Zwölf Knoten waren erlaubt. "Pro Person", dachte wahrscheinlich unser Guide.

Nordwärts Richtung Schweden

Mit an Bord war noch ein anderer Kunde. "Ich heiße Rico", sagte der Bootsführer, als wir nach dreißig Minuten die letzte Tonne vor dem offenen Meer passierten. Von Beruf ist er Tischler. Im Moment sah er eher aus, als wäre er auf einer Expedition in die Antarktis: Thermoanzug, verspiegelte Brille, die gefütterte Kapuze so tief im Gesicht, dass von ihm nichts mehr zu sehen war außer der Brille. Hier draußen war die Welle immer noch hoch genug, dass unser Boot durch die Dünung buckelte wie ein wild gewordener Bulle. Manchmal ritten wir majestätisch einen Wellenrücken hinunter.

Manchmal krachte der Bug in ein Wellental, dass die Gischt fast über uns zusammenschlug. Rico demonstrierte trotzdem jene Form maritimer Lässigkeit, die hoffen ließ, dass er wusste, was er da tat. Ich kauerte hinter dem Windschild des Steuerstands und gab mir Mühe, nicht über Bord zu gehen.

Nach weiteren dreißig Minuten war die Küste hinter uns nur noch ein schmaler Strich. Laut Echolot hatte das Wasser hier eine Tiefe von exakt zwanzig Metern. Dies war der Moment, da Rico das Boot auf zwei Knoten herunterbremste. Er schaltete auf Autopilot, bestückte jede Angel mit einem bunten Blechlöffel samt Drillingshaken, hievte die Bleiklumpen ins Wasser und brachte die kleinen Surfboards aus. Insgesamt angelten wir mit zehn verschiedenen Ködern. Aufgefächert auf sechzig Metern, in fünf verschiedenen Tiefen, jeder Blinker in einer andere Farbe. Die Petersen-Liste fand leider keine Berücksichtigung. Ich selbst bewegte keinen einzigen Finger. So tuckerten wir nordwärts Richtung schwedische Küste.

In der ersten Stunde passierte nichts. Nur die Sonne brannte Löcher ins Hirn. Nach der zweiten Stunde hatten wir den Proviant des ganzen Tages vertilgt. Dann begann plötzlich die Angelrolle ganz außen zu knarren. Irgendeine Kraft zog mindestens einhundert Meter Schnur von der Spule. Rico griff sich die Rute und prüfte, ob am anderen Ende wirklich ein Fisch hing und nicht vielleicht eine verrostete Fliegerbombe.

Mitten in die überfüllte Seeschifffahrtsstraße

Dann reichte er mir das Ensemble herüber. Ich setzte mich in den Polstersessel neben dem Steuerstand und stemmte die Füße gegen die hintere Bank. Das Boot fuhr währenddessen weiter geradeaus. Mitten hinein in einen der überfülltesten Seeschifffahrtsstraßen Europas. Das ging nicht anders, weil sich die übrigen neun Angelschnüre sonst verknotet hätten zu einem bunten Zopf. Von rechts kam ein Frachter, an dessen Bordwand "Beluga" stand. Dahinter die "Transatlantic". Von der anderen Seite näherte sich ein Segelboot. Ricos Job war es, die Riesen im Auge zu halten.

Mein Job war es, den Fisch zu dirigieren. Dazu musste ich die Rute mit aller Kraft nach hinten zerren, um sie anschließend langsam nach vorn zu senken und dabei ganz schnell zu kurbeln, als würde man mit einem Handrührer Sahne steif schlagen. Das tut man zwischen einhundert und eintausend Mal. Zerren und Kurbeln. So lange, bis der Fisch die ganze Schnur wieder zurück ins Wasser zieht. Ein großer Lachs schafft das etliche Male. Manche springen dabei sogar aus dem Wasser wie der Killerwal in "Free Willy".

Meiner tat keines von beidem. Stattdessen folgte er dem Boot wie ein störrischer Dackel. Als ich ihn endlich im Kielwasser hatte, war es kein Lachs, sondern ein Hornhecht, dem der Haken im Bauchlappen saß. Das war kein erbaulicher Anblick. Aber einer, der anzeigte, dass die Lachssaison langsam zu Ende ging. Wenn der Hornhecht kommt, verschwinden die Lachse in andere Regionen, und die Trollingfischer packen ihre Geräte ein.

Zum Glück fing wenigstens der andere Kunde noch einen echten Siegerfisch. Der Lachs benahm sich von Anfang an anders als meine Beute. Zuerst zerrte er fast die komplette Schnur von der Rolle. Richtung Seeschifffahrtsstraße. Dann sprang er mit einem fulminanten Satz aus dem Wasser. Etwa vierhundert Meter achtern. Mein Kollege begann damit, die Schnur wieder auf die Rolle zu wickeln. Dasselbe Wuchten-und- Kurbeln-Prinzip. Nach einer Viertelstunde konnte er den Fisch immer noch nicht sehen. Aber er befand sich jetzt irgendwo unter dem Kiel des Bootes.

Ein Fisch, zum Sterben schön, mit erschrockenen Augen

Dann verschwand das Biest erneut in den Tiefen. Wenn es nicht der großartigste Moment eines Anglerlebens gewesen wäre, hätte es Ähnlichkeiten damit gehabt, eine Waschmaschine drei Stockwerke hochzuschleifen, um sie anschließend wieder aus dem Fenster zu kippen. Trotzdem erlahmten zuerst die Kräfte des Lachses. Nach zwanzig Minuten kam er zum ersten Mal an die Oberfläche. Weitere fünf Minuten danach schnappte sich unser Guide einen Kescher, in dem ein Kleinwagen Platz gehabt hätte.

Damit schaufelte er den Fisch auf die Planken: fast einen Meter lang, silberner Bauch, grünschwarzer Rücken, zum Sterben schön, mit erschrockenen Augen. "Was für ein toller Fisch", sagte der andere Kunde. "Mir reicht es, wenn ich so etwas Schönes sehen kann." Das ist die Catch-and-Release- Philosophie: Man bringt niemanden um, mit dem man vorher eine halbe Stunde lang Spaß gehabt hat. Die Schönheit hier bekam trotzdem den Knüppel zwischen die Augen.

Das lag daran, dass das Fleisch der Lachse hier ebenfalls ein Erlebnis ist: Da hat sich der Fisch den ganzen Winter lang Kraft angefuttert, weil er jetzt zurückschwimmen wollte in die Heimat für seine finale Orgie. So wie es alle anderen tun. Die paddeln dann die Flüsse hinauf, hören auf mit dem Essen, sogar ihre Mägen bilden sich dabei zurück, dann haben sie zehn- oder zwanzigmal Sex mit wechselnden Partnern, so lange, bis ihre Kraft aufgebraucht ist und sie im klaren Wasser entschlummern. Und alles, was sie für diese magischen Momente brauchen, haben sie sich vorher im Meer besorgt. Nie sind sie muskulöser, nie ist ihr Fleisch fester und kräftiger und nie hat es einen höheren Fettanteil.

Allerdings auch nicht so fettig wie das der Turbo-Kollegen vom Supermarkt. Deren Fleisch ist röter, weicher und deutlich weniger strukturiert, was manche mittlerweile für zarter halten. Ähnlich wie bei einem frei laufenden Biohuhn, das heutzutage auch oft als zäh empfunden wird. Im Vergleich zur aufgeschwemmten Hormonvariante. Rico filetierte unseren Riesen noch auf dem Boot. "Und?", fragte er und servierte das frischeste Sushi der Welt.

"Wunderbar", sagte ich. Dann drückte ich ihm etwas Geld in die Hand. Es war ein spontaner Impuls. Irgendwie hatte Trollingfischen mit Guide Ähnlichkeiten mit kolonialer Großwildjagd. Bedeutender Sport, keine Frage. Aber ich selbst war dafür wohl doch nicht ganz Manns genug.

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