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Durch Europas größten Canyon: Rafting in Montenegro

Foto: TMN

Rafting in Montenegro Abenteuer in Europas größtem Canyon

Glasklar und türkisblau zieht sich der Fluss Tara durch Montenegro. Wer Abenteuer sucht, sollte ihn auf einer Rafting-Tour kennenlernen. Die tiefste Schlucht Europas, wilde Felsen und die reißende Strömung sorgen selbst bei Profis für einen Adrenalinkick.

Kolašin - "Rechts, rechts, ja genau, und jetzt alle zusammen", brüllt Nenad-Neso in einem Mix aus Serbo-Kroatisch und Englisch gegen das Tosen des Wassers an. Der erfahrene Rafter treibt seine Mannschaft an. Vor dem Boot wirbeln Wasserstrudel, dazwischen ragen Felsen aus dem Fluss. Sechs Leute stoßen ihre Paddel in das aufgewühlte Wasser. Das wütende Rauschen und Gurgeln der Stromschnellen mischt sich mit ihrem Keuchen.

Wie ein Messer schneidet der Fluss Tara hier in die Berge Montenegros, nicht weit von der Küste Kroatiens entfernt. An der tiefsten Stelle hat sich der wilde Strom 1300 Meter in das Gebirge gegraben - und so die gewaltigste Schlucht Europas und nach dem Grand Canyon in den USA die tiefste der Welt geschaffen. Immer wieder hebt der Fluss das Schlauchboot vorne in die Luft und lässt es mit voller Wucht auf die Oberfläche zurückschnellen. Wasser spritzt auf die Mannschaft, knöcheltief steht es bereits im Boot. Alle rammen die Paddel in die Tara und klemmen die Füße unter die Riemen am Bootboden, um nicht den Halt zu verlieren. Dann, so unvermittelt wie sie aufgetaucht sind, liegen die Stromschnellen hinter ihnen, und die wilde Tara fließt wieder ruhig dahin.

Ausgerüstet mit Neoprenanzügen, signalroten Helmen und Schwimmwesten ist das Team, eine Gruppe befreundeter Männer, in aller Frühe aus dem Bergdorf Kolašin aufgebrochen. Einige von ihnen sind aus Moskau, andere leben in Montenegro. Sie alle sind gekommen für das ultimative Abenteuer: Drei Tage Rafting auf der Tara, durch den gewaltigen Canyon von Montenegro bis nach Bosnien-Herzegowina.

Glasklar und türkisblau schlängelt sich der rund 140 Kilometer lange Fluss durch die Berge Montenegros, von der Quelle im Komovi-Gebirge an der Grenze zu Albanien bis nach Norden, wo er sich am Rande Bosniens mit dem Fluss Piva mischt. Nur wer sich in ihren bisweilen tückischen Strom wagt, kann der Tara wirklich nahekommen. Denn ihre Ufer liegen fernab aller Straßen tief in der Schlucht. Nur an wenigen Stellen führen Wege hinab ans Wasser.

Im Herbst können nur Profis die Tara meistern

Hier befinden sich die Lager der Rafter. Geschäftiges Treiben herrscht am steinigen Ufer nahe des Orts Splaviste: Neoprenanzüge werden übergestreift, Proviant in Plastiksäcke verpackt, Boote und Floße zu Wasser gebracht. "Alle mal anpacken", ruft Miki und beginnt, das Schlauchboot vom Dach seines Geländewagens loszumachen. Seit 13 Jahren bringt der Montenegriner Abenteurer in die Schlucht. "Die ersten paar Kilometer haben viele Stromschnellen und Felsen - da heißt es paddeln", sagt Miki. Später werde der Canyon ruhiger und breiter, um dann auf den letzten 15 Kilometern vor der Grenze zu Bosnien noch einmal gefährlich zu werden. "Im Sommer können auch Anfänger auf dem Fluss reiten", sagt Miki. "Aber im Frühling und Herbst ist Rafting auf der Tara nur etwas für Profis und Adrenalin-Junkies".

Schmelzwasser und Regenfälle sorgen dann für reißende Stromschnellen. Für Miki - "durch meine Adern fließt Tarawasser" - die perfekte Zeit, um Spaß zu haben und seine Leute zu trainieren. Nenad-Neso ist einer seiner Besten. Ohne ihn wären die sechs Möchtegern-Tara-Bezwinger in ihrem Schlauchboot verloren. Immer wieder dreht sich das Boot um sich selbst, wenn die Paddel trotz seiner Anweisungen nicht im Takt sind. Manchen Felsen kann die Crew gerade noch ausweichen.

Zu beiden Seiten des Flusses erheben sich majestätisch die Steilwände der Schlucht. Wie eine Fata Morgana spannen sich kurz hinter Splaviste die filigranen Bögen der Tara-Brücke über den Canyon und klammern sich in die Steilhänge der Ufer. Winzig klein sind auf ihr Menschen zu sehen, die nach unten in den Canyon blicken. Die Männer im Schlauchboot winken mit ihren Paddeln in der Hand und rufen fröhlich "Hallo" nach oben.

Ihrem Erbauer hat die Brücke kein Glück gebracht. Der Ingenieur Lazar Jaukovic erschuf sie 1941, ein Jahr bevor die deutschen und italienischen Truppen in Montenegro einmarschierten. Kaum war sie gebaut, musste Jaukovic sie schon wieder sprengen, um den Vormarsch der Faschisten zu stoppen. Wenig später wurde er von den Deutschen oder einem ihrer Verbündeten erschossen - auf der Tara-Brücke.

Abenteuerliche Fahrt durch die Berge

Ausgangspunkt der Rafting-Touren ist die Pension "Vila Jelka", die der 32-jährige Miki mit seinem Vater im Bergdorf Kolašin betreibt. Der verschlafene Ort mit seinen über die Berghänge verstreuten Häusern ist von Podgorica, der Hauptstadt Montenegros, in knapp zwei Stunden zu erreichen. Touristisch ist er dennoch kaum erschlossen. Die meisten Urlauber fahren an die Küste Montenegros, an die Adria.

Vor der Jugoslawien-Krise war Montenegro ein Tummelplatz für Schöne und Reiche aus Ost- wie Westeuropa, nach dem Bürgerkrieg touristisches Niemandsland. Es folgten Jahre der Goldgräberstimmung, verbunden mit blinder Bauwut: Russische Investoren überzogen die Küste mit grauen Betonburgen, dazu schossen überall illegal gebaute Bauten aus dem Boden. Heute ist der große Boom der Nachkriegsjahre wieder vorbei, doch zur Hauptsaison sind die Strände voll.

Das gebirgige Hinterland Montenegros war und ist dagegen ein Ziel für Abenteurer geblieben. Dabei ist Montenegro kleiner als Schleswig-Holstein. Gerade einmal drei Stunden sind es vom Strand bis in die Berge nach Kolašin. Am Vormittag im Meer schwimmen und am Nachmittag Ski fahren? In Montenegro theoretisch möglich. Doch die 120 Kilometer von der Adria-Küste ins wilde Gebirge haben es in sich. In steilen Serpentinen schlängeln sich die Straßen kurz hinter Podgorica in die Berge hinein. Immer wieder liegen Felsbrocken auf der Fahrbahn, die Leitplanken sind rostig braun, und manchmal sind die gähnenden Abhänge am Straßenrand vollkommen ungesichert.

Den Montenegriner kümmert das alles nicht. Das Handy am Ohr, orientalisch-fröhliche Balkan-Musik im Radio und den Fuß konstant auf dem Gaspedal rast er die engen Straßen hinauf und überholt selbst in den steilsten Kurven. Die Polizei, chronisch unterbezahlt und dafür hoch motiviert, versteckt sich hinter zahlreichen Wegbiegungen, um der Tollkühnen Herr zu werden. Doch die warnen sich gegenseitig fürsorglich mit Lichtzeichen - und rasen weiter.

Mut antrinken für den Teufelsritt

Kreuze mit Plastikblumen in grellen Farben und kitschige Bilderrahmen mit den Porträts junger Frauen und Männer zeugen von den vielen Unfällen auf den Bergstraßen. Überall auf den Felsen bieten in krakeliger Schrift "Auto Slep", Autoabschleppdienste, ihren Service an. Unbeeindruckt vom Kamikazeverkehr grasen Pferde direkt neben den Straßen, Kinder treiben mit Ruten Kühe die steilen Abhänge hinab. Ausgebrannte Autowracks heben sich schwarz vor der Gebirgskulisse ab.

Einheimische nennen Montenegro "Crna Gora", "schwarzer Berg". Dabei sind die höchsten Gipfel weiß getupft von Schneefeldern, weiter unten bedecken saftig grüne Wälder die Hänge. In der klaren, kalten Bergluft hängt der Geruch von Grillfleisch, und immer wieder zieht einem auch der beißende Rauch von brennendem Plastik in die Nase. Wilde Müllkippen sind in Montenegro überall zu finden, selbst in den dünn besiedelten Bergen.

Dabei hat sich der seit 2006 unabhängige Staat Umweltbewusstsein groß auf die Fahnen geschrieben. Der "erste ökologische Staat" will Montenegro sein. Der Schutz von Umwelt und Natur steht als Staatsziel in der Verfassung des Landes. "Unser Land auf Ökotourismus umzustellen, ist die Zukunft für Montenegro", sagt Miki. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Miki prescht schon mal vor. Wer mit ihm eine mehrtägige Rafting-Tour durch die Tara-Schlucht macht, wird mit Essen aus Eigenproduktion versorgt: Bio-Kartoffeln, selbst hergestellter Kajmak - ein cremiger Frischkäse - Eier, Fisch und natürlich Rakija, der selbst gebrannte Pflaumen- und Apfelschnaps. Abgefüllt in eine Zwei-Liter-Plastikflasche und sicher verstaut in einem wasserfesten Sack, ist der Rakija auch auf der Tara-Tour der sechs Freunde dabei. Das Boot auf einer Kiesbank geparkt, pausieren die Männer an Land. Mit einem großen Messer werden dicke Scheiben Brot abgeschnitten, dazu gibt es deftigen Speck und immer wieder einen großen Schluck Rakjia. Mut antrinken für den weiteren Teufelsritt auf der Tara.

Als bei der Weiterfahrt am rechten Ufer eine weiße, christlich-orthodoxe Kapelle auftaucht, verstummen Montenegriner wie Russen schlagartig. Eben noch haben sie feixend gelacht, als sich über einen von ihnen und seinen Fotoapparat eine Wasserfontäne ergossen hat, jetzt sitzen sie alle ernst dreinblickend mit gebeugten Köpfen im Boot und bekreuzigen sich leise murmelnd. Der Segen Gottes kann ja nicht schaden beim Ritt durch die Tara-Schlucht.

Patrizia Schlosser, dpa
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