Namibia Afrikas heile Flanke

Namibia verankerte als eines der ersten Länder den Umweltschutz in seiner Verfassung. Heute ist seine gesamte Küste ein grandioser Nationalpark. Die Anzahl der Wildtiere im Land wächst kontinuierlich, aber radikaler Rohstoffabbau und Armut machen dem Land zu schaffen.
Von Alexandra Fuller

Namib - Morgendämmerung, drei Wochen vor der Wintersonnenwende am östlichen Rand der Namib-Wüste. Nebelschleier zeichnen sich grau vor dem rosa Himmel über einer Sanddüne ab. Ein Schakal trottet auf Kameldornbäume zu. Ein Spießbock folgt beharrlich seinem Weg zu einem Wasserloch. Ein schillernder Schwarzkäfer krabbelt über den roten Sand.

Neben mir steht Rudolph !Naibab, ein Safariführer, der in der unwirtlichen Region Kunene aufgewachsen ist. Auf der Farm seiner Großmutter hat er Schafe, Ziegen und Esel aufgezogen. !Naibab, 30 Jahre alt, hat die Weisheit eines viel älteren Mannes. Das mag an seiner Kindheit in der Wüste liegen. "Hier macht man sich jeden Tag Gedanken um Leben und Tod", sagt er. "Und ich bin im Krieg aufgewachsen. Das lässt einen auch schnell klug werden."

Der Bürgerkrieg in Namibia begann 1966 und dauerte 22 Jahre. 1990, als Namibia die Unabhängigkeit erlangte, war es eines der ersten Länder der Welt, das den Umweltschutz in seiner Verfassung festschrieb. 2,2 Millionen Hektar der Südwestküste hat die Regierung zum Sperrgebiet-Nationalpark erklärt. Damit steht nun beinahe die Hälfte der Fläche von Namibia unter Schutz. Mit der Einrichtung des Dorob-Nationalparks 2010 verschmolz der gesamte, 1570 Kilometer lange Küstenstreifen zum Namib-Skelettküsten-Nationalpark.

Das 37.000 Hektar große private Schutzgebiet Kulala Wilderness grenzt an den Namib-Rand-Naturpark. An diesem Tag ist die Auswilderung von zwei Geparden geplant. Die beiden Raubkatzen fauchen und weigern sich, die Transportbox zu verlassen. Also ziehen wir uns zurück und warten, während der Wind uns durch alle Knopflöcher bläst. Gerade als ich mein Notebook weggepackt habe, verlassen sie plötzlich den Anhänger. Innerhalb von Sekunden verschwinden sie aus unserem Blickfeld.

Die Anzahl der Wildtiere in Namibia wächst wieder, vor allem in Schutzgebieten außerhalb der Nationalpark-Grenzen. In den achtziger Jahren gab es maximal 10.000 Springböcke im Norden; heute sind es um die 160.000. Um das Jahr 1990 waren Spitzmaulnashörner in Namibia fast ausgerottet, heute gibt es mehr als 1400.

Die meiste Zeit hat die westliche Welt Namibia und sein abweisendes Klima ignoriert. "Das Land, das Gott im Zorn erschaffen hat", wurde es genannt. Aber das verschonte Namibia nicht von der Ausbeutung. Die vorgelagerten Inseln waren überladen mit stickstoffreichem Guano, der für Schießpulver und Dünger verwendet wurde. Und in den kalten Gewässern des Atlantiks tummelten sich Wale. Anfang des 20. Jahrhunderts waren die sechs Meter hohen Guano-Ablagerungen bis auf den bloßen Felsen abgebaut und die zu den Glattwalen gehörenden Südkaper fast ausgerottet.

Der erste Diamant im Süden wurde im Jahr 1908 von dem einheimischen Eisenbahnhilfsarbeiter Zacharias Lewala gefunden. Er brachte ihn zu seinem Vorgesetzten August Stauch aus Thüringen, der heute als Entdecker der Diamantenvorkommen bei Lüderitz gilt. Innerhalb von Monaten errichtete die deutsche Regierung, die Südwest-Afrika damals als Kolonie besaß, ein 22.000 Quadratkilometer großes Sperrgebiet, zu dem nur die Diamantgesellschaften Zugang hatten. Im Süden des neuen Parks werden noch immer Diamanten abgebaut. Die Angst vor Räubern ist so groß, dass das "Sperrgebiet" einer verbotenen Zone gleichkommt.

Namibia ist heute der viertgrößte Exporteur von nicht-fossilen Mineralien in Afrika und weltweit der viertgrößte Produzent von Uran. Von diesem Reichtum kommt bei den unteren Bevölkerungsschichten kaum etwas an. Namibia gehört zu den Ländern mit der ungerechtesten Einkommensverteilung der Welt.

Zwei Minen produzieren Uran, eine davon liegt im Namib-Naukluft-Nationalpark. Für die Gewinnung verbraucht Namibia Unmengen seiner knappen Ressource Wasser. Eine Mine schluckt etwa 4,5 Millionen Kubikmeter pro Jahr. Zur Zeit meines Besuchs wurde das Wasser aus fossilen Grundwasserleitern entnommen, die von den spärlichen Regenfällen nicht wieder ausreichend aufgefüllt werden.

"Wir sind eine aufstrebende Nation", erklärte mir Midori Paxton, damals Mitarbeiterin im Ministerium für Umwelt und Tourismus in Windhoek. "Es ist unrealistisch, die Förderung von Rohstoffen in unseren Schutzgebieten zu verbieten. Aber wir tun alles dafür, die negativen Folgen für die Umwelt zu minimieren." Sie deutet auf eine Stelle im Dorob-Nationalpark, wo eines der wichtigsten Flechtenfelder des Landes liegt. Flechtenfelder halten den Boden stabil und sind eine wichtige Nahrungsquelle für wirbellose Tiere. Doch das Feld, das mir Paxton auf der Landkarte gezeigt hat, ist zerstört. Gruben durchziehen es. Schwere Lastwagen und Geländefahrzeuge haben tiefe Reifenspuren hinterlassen. Es kann Jahrhunderte dauern, bis die langsamen Regenerationsmechanismen der Wüste das wieder ausgeglichen haben.

Wie stark und aufrichtig Namibias Bemühungen für den Umweltschutz wirklich waren, wird am Ende hier geschrieben stehen - auf den uralten Böden seiner geschützten Gebiete.

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