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Graz: Österreichs bunte Provinzschönheit

Foto: Graz Tourismus

Weltkulturerbe und Design Graz ist gut für Überraschungen

Graz galt den Österreichern lange als "Pensionopolis". Der beliebte Ruhesitz mit Weltkulturerbestatus hat sich aber zu einer Provinzschönheit mit regem Kulturleben gewandelt. Junge Designer und viel studentisches Leben machen die Hauptstadt der Steiermark zum kreativen Hotspot.

Graz - Elisabeth Soos ist eine unaufgeregte Frau. Aber vor einem hat sie Angst: Motten. Deswegen beäugt sie genau, was in ihrem kleinen Laden in der Grazer Färbergasse an den gewölbten Wänden klettert und fliegt. Soos ist Designerin, ihr Werkstoff ist Loden. Der gute, alte, natürliche, steirische Stoff, der fast ausschließlich in der traditionellen Trachtenmode seine Verwendung findet. Schade findet die 28-Jährige das. "Das ist so ein schönes Material, aus dem sich Kleidung für das ganze Jahr gestalten lässt."

Die studierte Industriedesignerin, die immer nur nähen wollte, hat bald nach ihrem Diplom umgesattelt - und näht tatsächlich. Zunächst in einem Atelier, gänzlich ohne Laufkundschaft, jetzt in einem kleinen Geschäft in der quirligen Färbergasse, mitten in der Innenstadt. Giftgrün sind ihre Lodenjacken und pink, orange, rot und lila. Aber auch Mäntel in dezenten Farben hängen auf den Kleiderstangen. Alles wird in Kleinserien produziert, die Stücke kosten um die 300 Euro.

Sie ist nicht die einzige Jungdesignerin, die ihre Entwürfe in den trubeligen Gassen der Weltkulturerbe-Stadt im äußersten Osten Österreichs anbietet: Vom Schmuckdesign über Modelabels, von Industriedesign bis zur Architektur gibt es kaum etwas, das es nicht gibt. Eigentlich ist ganz Graz voller Geschäfte, in denen modernes, buntes, fröhliches Design im Mittelpunkt steht - aktuell zählt die Stadt um die 90 derartige Shops, einige davon rund um das Kunsthaus im Lendviertel, andere im Jakominiviertel.

Die kreative Generation findet in der Stadt an der Mur die besten Voraussetzungen: "Allein vier Unis haben wir hier, die Fachhochschulen und Akademien nicht mitgezählt", sagt der Historiker Wolfgang Petermandl. Das spiegelt sich auch in der Einwohnerzahl der zweitgrößten Stadt des Landes wieder: Von den 260.000 Grazern sind 50.000 Studenten. "Das macht das Leben jung und bunt und quirlig", so der Historiker.

Ein Ufo mitten in Graz

Auch Elisabeth Soos lebt gern hier - sie hat eine Zeit lang im Ausland gearbeitet, wollte aber wieder zurück in ihre Geburtstadt: "Ich mag es, wenn man dauernd Bekannte trifft und in einer doch recht provinziellen Stadt ist." Graz ist sicher nicht Wien - braucht sich aber nicht vor der österreichischen Hauptstadt zu verstecken. Graz hat das größte und traditionellste Kaufhaus Österreichs, einen Dom, die Oper und ein Schauspielhaus, zahlreiche Parks, Gärten und Märkte, auf denen eine besondere Spezialität verkauft wird: das steirische Kürbiskernöl. Und das Zeughaus, das mit seinen 32.000 Waffen das besterhaltene seiner Art auf der ganzen Welt ist.

Über allem thront der Schlossberg mit seinem markanten Uhrenturm. Viele Wege führen hinauf. Schon um 3000 vor Christus war das Gebiet um den Berg besiedelt. Heute führen 260 Treppenstufen dort hoch, eine Standseilbahn und ein hochmoderner Aufzug mitten durch den Fels.

Graz ist keine altbackene Stadt - das "Pensionopolis", wie man in Österreich lange spöttelte, weil so viele Pensionäre aus Wien in die steirische Provinz zogen. Allerdings ist Graz auch keine Stadt der ultramodernen Gebäude - vielmehr prägt die historische Altstadt mit ihren verwinkelten Gassen und Dutzenden Innenhöfen das Bild. Aber Graz hat auch moderne Architektur aus Glas, Beton und Stahl.

"Man hat aber immer versucht, das Zeitgenössische mit dem Weltkulturerbe der Altstadt zu vereinen", sagt Historiker Petermandl. Besetzt war die östlichste Hauptstadt eines österreichischen Bundeslandes schon von diversen Völkern. "Und ein jeder hat so gebaut, wie er es aus einer Heimat kannte." Also gibt es hier Romanik, Gotik und Barock, Klassizistisches und Jugenstilhäuser, windschiefe, biberschwanzgedeckte Dächer in der Altstadt und modernes Bauwerk auf der anderen Seite der Mur.

Österreichs heimliche Liebe

Das Kunsthaus ist eines dieser Bauwerke, die hier eigentlich fehl am Platz sind und sich dennoch in das Stadtbild einfügen. Von oben sieht man den Entwurf eines britischen Architektenduos am besten - Polyacryl über Stahl, ein bisschen schaut das Bauwerk aus wie ein Spenderorgan. Auch die stählerne Insel in der Mur, eigentlich ein Schiff und von beiden Uferseiten aus begehbar, hat etwas von einem Ufo mitten in Graz - und ist dennoch mit ihrem Café ein beliebtes Ziel für Einheimische und Besucher gleichermaßen.

Graz, die Provinzstadt, die sich lange Zeit selbst als Österreichs heimliche Liebe bezeichnete, hat sich emanzipiert - spätestens, seit sie 2003 Europäische Kulturhauptstadt war und nun den Beinamen City of Design tragen darf. Vor zwei Jahren erst hatte sich Graz bei der Unesco darum beworben - und ist nun Mitglied eines Creative Cities Network, dem auch Metropolen wie Berlin, Buenos Aires, Montreal und Shanghai angehören.

Die Qualität hat in diesem Fall gesiegt, da sind sich die Grazer sicher - nicht alles werde schließlich über die Fülle des Angebots entschieden. Und trotzdem, auch in dieser Hinsicht hat die Stadt neben der Designer-Szene, den Hochschulen und der weit verzweigten Kreativwirtschaft einiges zu bieten, sagt Historiker Petermandl: "20 Museen, 24 Galerien, 20 Festivals - es wird nicht langweilig."

Verena Wolff, dpa

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