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Bauen in Ruanda: Wie ein Münchener Architekt ein Land prägt

Foto: Angelika Bardehle

Hotelbau Ruandas neuer Optimismus

Der Münchener Architekt Roland Dieterle baut im afrikanischen Ruanda ein Kongresszentrum, ein Museum und demnächst das erste Luxusökohotel. Seit Beginn des Projekts hat er viel Lehrgeld gezahlt. Gleichzeitig lernte er von Afrika Optimismus und Frohsinn.
Von Andrea Jeska

Kigali - Wenn der Münchener Architekt Roland Dieterle sagt, er sei bereits hundert Mal nach Kigali geflogen und empfinde die Hauptstadt Ruandas als zweite Heimat, dann steckt hinter dieser Aussage eine sieben Jahre währende Abenteuergeschichte, die - wie die meisten Abenteuergeschichten - mit einem Aufbruch ins Ungewisse begann. Seither hat Dieterle keine Meere und keine Berge bezwungen, wohl aber tausend Hügel, denn so viele hat angeblich das ostafrikanische Land Ruanda.

Der 57 Jahre alte Architekt baut in der Hauptstadt des kleinen ostafrikanischen Landes Ruanda ein Kongresszentrum mit einer Arena für 2500 Personen. Angeschlossen sind ein Museum über ruandische Geschichte, Büroräume, ein Hotel mit 290 Zimmern und ein 1200 Quadratmeter großer Spa- und Wellnessbereich. Das 300-Millionen-Euro-Projekt ist ein globales Großunternehmen über drei Kontinente: Der Bauherr ist eine ruandische Projektgesellschaft, der Bauunternehmer ist die chinesische Beijing Construction and Engineering Company (BCEG) und die planende Instanz ist Dieterles Architektenbüro Spacial Solution.

Auf 130.000 Quadratmetern Grund entsteht auf einem der Hügel Kigalis ein Gebäude, das eine Landmarke der Stadtsilhouette und Wegweiser für die künftige Stadtarchitektur sein wird. Der afrikanischen Kunst entlehnt ist das spiralenförmige Dach auf dem Dom des Kongresszentrums und das Gesamtkonzept folgt strengen ökologischen Maßstäben. Das Energiekonzept sieht unter anderem vor, dass die Abwärme in Kühlung umgewandelt wird; auch begrünte Loggien tragen zur Kühlung bei.

Dieterle hat 15 Jahre lang für die Firma Siemens internationale Bauprojekte verwirklicht. Einmal hat er für den arabischen Raum ein Unterwasserhotel konzipiert, welches nie gebaut, aber auf einer Pressekonferenz in Dubai vorgestellt wurde. Über verschlungene Wege gelangten die Pläne dieses Hotels nach Ruanda. So fanden sich zwei Suchende: ein berufsmüder Architekt mit Lust auf etwas Neues und ein zutiefst traumatisiertes Land mit einem unbedingten Willen zu einer besseren und stabilen Zukunft.

Landumschlossen, rohstoffarm, überbevölkert

Dieterle sah sich damals mit seinen Visionen bei Siemens nicht mehr "richtig aufgehoben". Da er eine Professur für internationales Projektmanagement an der technischen Hochschule in Stuttgart - und damit ein Auskommen - hatte, wagte er sich mit 50 Jahren in die Selbstständigkeit und gründete Spacial Solutions. Der Name ergab sich aus seiner Vision von einer Architektur, die dem Menschen Raum lässt.

In Ruanda im Jahr 2005 waren die schlimmsten Wunden des 94er Völkermords der Hutu an den Tutsi geheilt, und Präsident Paul Kagame sah die Zeit gekommen, sein Land aus der Armut zu führen. Ruandas Optionen waren nicht groß: Es ist eines der kleinsten Länder Afrikas und dazu landumschlossen, rohstoffarm und überbevölkert. Man beschloss also, eine Art Drehscheibe für Ostafrika im Dienstleistungsbereich zu werden. Bankenwesen, IT-Technologie, Austragungsort für Konferenzen und die Vermittlung von Know-how stehen heute im Portfolio des Landes.

Vor allem will Präsident Kagame die Moderne nach Ruanda holen, und nimmt sich dafür Singapur und Dubai zum Vorbild. Auch bei der Umgestaltung Kigalis vom erweiterten afrikanischen Dorf in eine boomende Hauptstadt schweben ihm die großen Finanzzentren Asiens vor. Dieterle flog auf Einladung des Präsidenten zum ersten Mal nach Kigali und legte die Karten offen auf den Tisch. Er habe ein junges und noch kleines Unternehmen und schon vieles gebaut, aber noch kein Kongresszentrum. Seine Gesprächspartner sahen darin keinen Nachteil: "In Afrika laufen die Dinge über persönliches Vertrauen. Und das habe ich mir offenbar schnell erworben. Mit meiner Mischung aus Realitätssinn und visionärem Denken war ich wohl genau der Richtige."

Der Anfang war schnell gemacht. Eine Vertragsunterschrift, ein kurzes Briefing - und von da an war Dieterle Ruandas bekanntester Architekt. Ende dieses Jahres, so sah es der Zeitplan vor, sollte die Eröffnung des Kongresszentrums sein. Zu enthusiastisch gedacht, wie sich schnell herausstellte. "Das wird sich mindestens um 18 Monate verzögern", sagt Dieterle ein wenig grimmig. Nach sieben Jahren später ist viel von seinem Enthusiasmus der Ernüchterung gewichen. Die transkontinentale Dreifaltigkeit des Projekts verlangsamt wichtige Prozesse.

Lehrherrn für Gelassenheit und Lebensfreude

"Das Projekt hat eine Komplexität, die mit der Elbphilharmonie vergleichbar ist, aber verteilt auf drei Kontinente", erklärt Dieterle. Mal agiert der afrikanische Bauherr nicht, "manche Kompetenzlosigkeit schreit zum Himmel", dann wieder zicken die Chinesen und halten Versprechungen nicht ein. Mentalitäten prallen aufeinander, in der entstehenden Reibung geht viel Energie verloren. Hinzu kommen Personalprobleme - "Da geht nur jemand hin, wenn er zwei Jahre im Voraus sein Gehalt sicher hat" -, logistische Schwierigkeiten - "50.000 Tonnen Zement und aller Stahl mussten aus China über Häfen in Tansania und Kenia angeliefert werden" -, und schließlich schlug auch noch die Finanzkrise zu Buche.

An manchen Tagen sinniert der Münchener heute, ob er besser die Finger davon gelassen hätte. "Wir sind ein paar Mal kurz davor gewesen, alles hinzuwerfen, weil uns Geduld, Geld und Kraft ausgingen." Doch der Bau in Ruanda war Dieterles erster Auftrag als selbstständiger Architekt, und vielleicht bindet das ähnlich wie die erste Liebe. Den negativen Seiten seines afrikanischen Engagements hält er die guten Erfahrungen entgegen.

"Unterm Strich kommt viel dabei heraus. Wir helfen, das Land voranzubringen und auch die deutsche Wahrnehmung zu verändern. Diese dreht sich noch immer um den Völkermord, aber Ruanda hat sich schon lange auf den Weg in eine Zukunft gemacht. " Wie in einem Zeitraffer könne er bei seinen Besuchen in Kigali sehen, was sich verändere. "Ruanda hat mit wahnsinnigem Fleiß einen enormen Sprung nach vorne gemacht, und es ist toll, davon ein Teil zu sein."

Dieterle, ein eher distanzierter und ernster Mann, sieht seine ruandischen Geschäftspartner auch als Lehrherrn für Gelassenheit und Lebensfreude. "Es wird ja oft beschrieben, wie Afrikaner trotz widriger Umstände ihren Optimismus bewahren, und es stimmt. Ich versuche, mir davon jedes Mal ein Stück mitzunehmen." Und weil es alles in allem "für mich persönlich sehr aufregend war", hat Dieterle schon lange sein zweites Ruanda-Projekt entworfen.

Am Ufer des bislang vom Tourismus weitgehend unberührten Kivu-Sees, zwischen Ruanda und dem Kongo gelegen, will er ein Luxushotel für Geschäftsleute und Reisende bauen, das sich in seiner Form an der geschwungenen terassenförmigen Landschaft orientiert. "Ruanda hat sehr hohe Umweltauflagen und der Tourismus, der entwickelt wird, richtet sich nach ökologischen Vorgaben. Darauf basiert auch unser Konzept für das Hotel in Kibuye." Noch hat der Bau nicht begonnen, weil nicht alle Investoren im Boot sind. "Wir wollen das aber auf alle Fälle durchziehen, um auch zur Entwicklung der Provinz beizutragen. Gerade die Region am Kivu-See war vom Genozid besonders betroffen. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir helfen, dort einiges zum Guten zu wenden." Die Abenteuergeschichte findet also noch kein Ende.

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