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Helgoland: Die trotzige Insel

Foto: helgoland.de

Wegen Tourismus Bürgermeister will Landverbindung für Helgoland

Der Tourismus auf Helgoland steckt in Schwierigkeiten. Jetzt will der parteilose neue Bürgermeister die Insel mit einem hochfliegenden Plan attraktiver machen. Am Wochenende haben die Helgoländer die Wahl. Der Bürgerentscheid dürfte knapp ausfallen.
Von Andrea Jeska

Hamburg - An diesem Wochenende steht für die Insel Helgoland die Zukunft auf dem Spiel. Am Sonntag, 26. Juni, entscheiden die Bewohner der Insel darüber, ob es eine Landverbindung zwischen der Hauptinsel und der ihr vorgelagerten Düneninsel geben soll. Bis zu einer Sturmflut im Jahr 1721 waren beide Inseln eins, nun sollen sie es wieder werden. Die Landverbindung würde die Fläche von Deutschlands einziger Hochseeinsel verdoppeln und 300.000 Quadratmeter Platz für dringend erforderliche touristische Veränderungen schaffen.

Nicht nur neue Hotels und ein Feriendorf können entstehen, zur Auswahl der Möglichkeiten stehen auch eine Hochseeerlebniswelt und eine neue Marina. Außerdem würde die Landungsbrücke verlängert werden, das Ausbooten entfiele, auch Kreuzfahrtschiffe könnten Helgoland zukünftig anlaufen.

Der Bürgerentscheid ist weit mehr als eine freundliche demokratische Geste der Verwaltung an die Bewohner. Seit Jahren wird auf der Insel darüber gestritten, welcher Wind künftig auf dem hochdefizitären Eiland wehen soll, die Fronten sind lange verhärtet. Die einen, das sind zumeist die älteren, die in der Vergangenheit ihre Konten mit dem Verkauf von Mehrwertssteuer-befreitem Schnaps füllen konnten, wollen, dass Helgoland bleibt, was es ist. Ein Naturparadies mitten im Meer ohne großen Trubel und Bettenburgen. Sie fürchten einen touristischen Ausverkauf mit Großhotels, Veränderungen des Ökosystems, unabsehbare Folgekosten. Die anderen, das sind die jungen Unternehmer, die Familien, die auch ihren Kindern eine Zukunft schaffen wollen, mutmaßen, dass auf der Insel die Lichter ausgehen, wenn nicht bald etwas geschieht. Schon lange hat Helgoland den Anschluss an den modernen Tourismus verloren und die Gästezahlen sind rückläufig.

Zu Hochzeiten kamen 800.00 Tagesgäste, fuhren die Schiffe mehrmals täglich zur Insel und die Fahrpreise waren subventioniert. Heute sind es nur noch 300.000 Gäste, Tendenz fallend, und bei schlechtem Wetter gibt es keine Überfahrten. Die Kinder der Bewohner fliehen wegen Mangel an Abwechslung und Zukunftsperspektiven auf das Festland. Das Durchschnittsalter auf Helgoland liegt bei 58 Jahren, das Durchschnittsalter der Gäste um einiges darüber. Die Einwohnerzahl hat sich zudem halbiert, zur Zeit wohnen 1200 Menschen fest auf der Insel. 2000 Bewohner aber wären nötig, um eine funktionierende Infrastruktur zu erhalten. Schon jetzt gibt es kaum Mediziner, die sich dort niederlassen wollen, die meisten Ärzte reisen zu festgesetzten Sprechzeiten vom Festland an.

Ein neues Tourismuskonzept könnte die Rettung sein, das touristische Niveau heben, Arbeitsplätze und Raum schaffen. Zwar lässt sich am kleinbürgerlichen Aussehen der 50er-Jahre-Wiederaufbauarchitektur auf Helgoland kaum etwas ändern, immerhin steht diese unter Denkmalschutz, doch Helgolands pollenfreie Luft und abseitige Lage zieht inzwischen Langzeiturlauber an. Auf diese ist Helgoland aber nicht eingestellt: keine Unterkünfte, kein Spaßangebot, keine gehobene Küche. Die Gästezimmer der Insel waren für den Platzbedarf eines bundesdeutschen Urlauberanspruchs der 50er Jahre geschaffen worden, längst aber hatte sich der Anspruch verdreifacht. Lediglich das Designhotel Atoll Ocean Ressort kann mit Chic und Komfort punkten.

Eine Landverbindung würde auch von der Politik begrüßt. Helgolands parteiloser Bürgermeister Jörg Singer hat errechnet, dass in den vergangenen zwölf Jahren über 100 Millionen Euro an öffentlichen Mitteln in den Erhalt geflossen sind. "Die Kommune Helgoland ist also durchaus eine Belastung für den öffentlichen Haushalt."

Die Idee der Landverbindung ist dabei nicht neu. Schon 2008 entwarf der Harburger Bauunternehmer Arne Weber, der Helgoländer Wurzeln hat, einen entsprechenden Masterplan zur Rettung der Insel. Die geschätzten Kosten von 80 Millionen Euro war er bereit, als Investor zu tragen. Der Plan verschwand dennoch schnell in Schubladen, zu groß war der Widerstand der Insulaner. Erst als der parteilose Jörg Singer im Januar neuer Bürgermeister der Insel wurde und "dringenden Handlungsbedarf" feststellte, kam die Landverbindung wieder auf den Tisch. Zumal die RWE und die Bremerhavener Firma Wind MW demnächst einen Off-Shore-Windpark in der Nordsee bauen wollen und Helgoland gerne als Basis für Servicestationen nutzen würden. Dafür aber muss Land zur Verfügung gestellt und müssen Flächennutzungsrechte geändert werden. Singer, der vorher Unternehmensberater war, mahnte Investitionen und Ideen an. "Helgoland muss sich bewegen." Auch die Windparkbetreiber drängen. "Ich kann mir kaum vorstellen, dass die noch ewig warten werden."

Für Sonntag erwartet Singer eine knappe Entscheidung. Trotz der desolaten wirtschaftlichen Lage sind die Widerständler nicht milder geworden und der Streit über Helgolands Zukunft tobt erbitterter denn je. Mit Buttons, Fahnen und T-Shirts wird für oder gegen die Landverbindung geworben. Inzwischen steht fest, dass 80 Millionen für Landaufschüttung und Folgekosten nicht reichen werden. Singer schätzt, dass Kosten von mehreren 100 Millionen entstehen. Unternehmer Weber will weiterhin zu seinem Investitionsangebot stehen. "Aber es haben sich auch schon andere mögliche Investoren gemeldet", so Singer.

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