Samstag, 20. April 2019

Kroatien Ein Land mittendraußen

Kroatien: Wind, Weite, Abenteuer
Arthur F. Selbach

3. Teil: Sentimentalitäten gegen Jeans und iPod

Kroatien will aufholen. Dementsprechend befinden sich die Kräfte des Alten und des Neuen in einem erbitterten Kampf. Auf der einen Seite wird bestochen und gemauschelt, auf der anderen aufgeräumt und ausgemistet. Die Fronten verlaufen kreuz und quer durch die Gesellschaft, nicht selten sogar mitten durch einzelne Personen.

Der durch eine Autobombe getötete Ivo "Puki" Pukani war als Journalist und Zeitungsverleger unermüdlich damit beschäftigt, Licht in die Korruptionsaffären seines Landes zu bringen - und soll gleichzeitig seine wachsende Macht genutzt haben, um sich selbst als kräftig verdienender Akteur am mafiösen Spiel zu beteiligen. Ivo Sanader, ehemaliger Premierminister, bildete eine wichtige Triebfeder für die Modernisierung. Er brach mit dem feierlich-nationalen Erbe Franjo Tudjmans, entmachtete die ultrarechten Kreise seiner Partei und wirkte als Galionsfigur auf Kroatiens Weg in die EU - bis er nach Ende seiner Amtszeit wegen großformatiger Wirtschaftskriminalität verhaftet wurde.

In postkommunistischen Gesellschaften ist die unheilige Ehe zwischen Politik, Wirtschaft und organisiertem Verbrechen das traurige Standardprogramm. Korruption stellt eine schwer zu stoppende Epidemie dar, die eine Gesellschaft von der höchsten bis zur untersten Ebene erfasst. Mangels Vertrauen in die politische Klasse arbeiten viele Kroaten schwarz, weil sie einem Staat, der ihnen wenig zu bieten hat, ihre Steuern nicht gönnen. Weil die Liebe zum Geld keine echte Gemeinschaft, sondern ein Zweckbündnis aus Millionen von pragmatisch denkenden Einzelwesen hervorbringt, taugt sie allein wenig, wenn es darum geht, eine Gesellschaft zusammenzuhalten.

Vom Wertesystem zur Corporate Identity

Die aktuelle Krise, heißt es, gefährde Kroatiens Weg in die EU. Aber hinter der momentanen EU-kritischen Stimmung wirkt ein viel wichtigerer Reflex. Intuitiv und besser als manch ein westeuropäisches Land hat Kroatien verstanden, was Demokratie im 21. Jahrhundert ausmacht: Sie entwickelt sich vom Wertesystem zur Corporate Identity. Daraus folgt: Mafiöser Filz, totgebombte Journalisten und verhaftete Premierminister sind ein Imageproblem. Genau wie verfolgte Minderheiten und glorifizierte Kriegsverbrecher. In einer Gesellschaft, die diesen Zusammenhang begriffen hat, haben Korruption, Nationalismus und andere balkanisch-rückständige Sentimentalitäten gegen Jeans und iPod langfristig keine Chance.

Es ist, als habe eine turbulente Geschichte aus Fremdherrschaft, Exil, Vertreibung und Gastarbeiter-Völkerwanderung die Kroaten zu wahren Überlebens- und Anpassungskünstlern geformt. Junge Kriegsflüchtlinge waren gezwungen, nacheinander in verschiedenen Ländern zu leben. Sie haben spielend Englisch, Deutsch, Italienisch und Schwedisch gelernt, an wechselnden Orten studiert und Arbeit gefunden. Die Begriffe "Identitätskrise" oder "Migrationshintergrund" hat man aus ihren Mündern niemals gehört. In puncto Flexibilität und Pragmatismus macht den prototypischen Mitteleuropäern niemand etwas vor.

Wenn der Balkan wie der Horizont ist, dann bewegt sich Kroatien in atemberaubendem Tempo in die entgegengesetzte Richtung, schnurstracks in die leere Mitte Europas. Angesichts der jugoslawischen Historie ist es unmöglich, dies zu bedauern. Die melancholischen Töne zwischen diesen Zeilen sind Folge eines persönlichen Problems. Fahren Sie hin, vielleicht werden Sie mich verstehen. Wer Kroatien derzeit bereist, unternimmt eine Expedition an die Grenze zwischen gestern und heute, zwischen alt und neu. Er wird feststellen: Sie verläuft quer durch das eigene Herz.

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