Montag, 22. April 2019

Kroatien Ein Land mittendraußen

Kroatien: Wind, Weite, Abenteuer
Arthur F. Selbach

2. Teil: Labor für die europäische Kultur

Den zeitgenössischen Kroatien-Reisenden erwartet weder Jugo-Romantik noch Balkan-Chaos, sondern eine Gesellschaft mit einem klaren Ziel: Europa. Gemeint ist nicht das Europa der tief verwurzelten Traditionen und notorischen Identitätskonflikte.

Gemeint ist die EU, also jene Mischung aus freiem Markt und politischem Pragmtismus, die gemeinhin als Zauberformel für Frieden und Wohlstand gilt. Vor allem für Wohlstand. Im Kopf sind die Kroaten längst im europäischen Konsumentenparadies angelangt. Ausgestattet mit der casual uniform aus Turnschuhen und iPhone, lässt man das Gewesene hinter sich, steigt über eine unbewältigte Kriegsvergangenheit ebenso energisch hinweg wie über nationalistische oder ethnische Rest-Gärungen.

Nach und nach wurden sogar die Generäle des "Heimatkriegs" vom Sockel gehoben und gegebenenfalls auf Druck der EU nach Den Haag ausgeliefert. Die frei gewordenen Stellen als Nationalhelden hat man mit "Tycoons" besetzt, also mit jenen neureichen Supermännern, die seit der Privatisierung der Staatsbetriebe das ehemalige Volkseigentum unter sich aufteilen. Statt alten Heimatverteidigern huldigt man Turbokapitalisten, um deren Jachten und Affären sich die Klatschspalten reißen - treffender kann eine Gesellschaft ihren Wertewandel kaum illustrieren.

Was aber, wenn die Zauberformel versagt? Genau wie im Westen hat auch die Europa-Liebe der Kroaten keinen romantischen Kern. Für viele Menschen geht es um existenzielle Bedürfnisse - Arbeit, Sozialhilfe, Ausbildung, medizinische Versorgung, im schlimmsten Fall um Essen und beheizte Wohnräume. Seit der Finanzkrise ist die Arbeitslosigkeit auf fast zwanzig Prozent gestiegen.

Seit Monaten kein Gehalt

Manch einer, der noch einen Job hat, bekommt seit Monaten sein Gehalt nicht ausgezahlt. Tag für Tag verabreden sich Tausende Demonstranten über Facebook, um in verschiedenen kroatischen Städten den Rücktritt der Regierung zu fordern. In die Proteste gegen Korruption und Politikerversagen mischen sich erste EU-kritische Töne. Hier zeigen sich die Auswirkungen des Kuhhandels, der auf dem gesamten Kontinent gilt: Europa-Liebe gegen Lebensstandard. Wenn Letzterer nicht steigt, sinkt die Erstgenannte.

Der Balkan, heißt es, sei schon immer ein Labor für die europäische Kultur gewesen. Dort könne man das europäische Wesen auf engstem Raum wie unter dem Vergrößerungsglas beobachten. Kroatien beweist ein weiteres Mal, dass an diesem Klischee etwas dran ist. Wie im Zeitraffer durchläuft das Land die großen Umbauprozesse, die das westliche Europa seit dem Zweiten Weltkrieg von Grund auf verändert haben. Die Trennlinie zwischen "Alter" und "Neuer" Welt verläuft keineswegs durch den Atlantik. Sie ist überhaupt keine geographische Linie, sondern markiert eine Wandlung in Mentalität und Lebensart.

Im alten Europa ging es um das Miteinander und Gegeneinander von verschiedenen Kulturen. Nationen und Individuen erkämpften und besangen ihr Recht auf Unterschied. Das neue Europa hingegen handelt von Anpassung. Es zielt auf die Aufhebung von Grenzen, auf Annäherung, Integration,Harmonisierung und Chancengleichheit, kurz: nicht auf die Betonung, sondern auf die Nivellierung von Andersartigkeit. Individualismus ist das Recht, genauso auszusehen, zu essen und zu arbeiten wie alle anderen. Nicht im Eigensinn, sondern in höchstmöglicher Flexibilität liegt die wichtigste Tugend.

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