Samstag, 20. April 2019

Zagreb Eine geschwätzige Verführerin

Zagreb: Die Bezaubernde
Gerald Hänel

Eigenwillig, geheimnisvoll, aufschneiderisch - die alte Dame Zagreb mit ihrer bewegten Vergangenheit hat Charakter und überrascht immer wieder. Doch sie ist lange nicht nur Geschichtenerzählerin.

Zagreb - Ein guter Prahler hat viele Geschichten auf Lager. Zagreb ist so: voller Geschichten. Mein Zagreb ist so. Eine Stadt, die ich als Schriftsteller schätze, weil sie mir mit ihren Legenden, Anekdoten und Liedern wie eine Kollegin vorkommt. Städte haben Talente. New York ist eine Modeschöpferin mit irischen Wurzeln. Florenz eine Bildhauerin. Paris verführt. Zagreb - kann erzählen.

Das kommt nicht von ungefähr. Mit ihren Konflikten und Katastrophen hat die Stadt eine fast absurd bewegte Vergangenheit und damit einiges zu sagen. Tataren und Osmanen, Plünderer und Besatzer, Kommunisten und Nationalisten, dazu die üblichen Verdächtigen - Pest, Feuer und im Jahre 1880 ein verheerendes Erdbeben: Zagreb ist wenig erspart geblieben. Erholt hat sich die Stadt dennoch jedes Mal. Ihre Narben sind ihre Geschichten.

Bei meinem letzten Besuch empfängt sie mich mit Regen. Keinem kurzatmigen Schauer, der kommt, fällt und vergessen wird, sondern mit einer uneinsichtigen Sintflut, die uns Tag und Nacht geduckt und grau über Flüsse scheucht, die eigentlich Straßen sind. Unterwegs ist nur, wer keine andere Wahl hat. Der Rest weilt im Kaffeehaus. Die Zagreber lieben ihre Kaffeehäuser. Bei Regen umso mehr. Ich beschließe, Zagreb zuzuhören. Regen schafft beste Stimmung für Geschichten. Ich gehe ihnen nach, zu den Schauplätzen, zu den Erzählern in den Kaffeehäusern. Es schüttet ununterbrochen, und die Stadt erzählt.

Wie jede gute Erzählerin weiß auch Zagreb um den eigenen Namen ein Mysterium zu schaffen. Dass es für all die Versionen der Namensgebung gleich eines 223 Seiten fassenden Buches bedarf, ist sympathisches Übermaß. Die älteste Variante ist wohl auch die bekannteste: Ein durstiger Markgraf hält während einer Dürre an einer Quelle, wo die junge Manduša das tut, was junge Frauen in alten Geschichten an Quellen eben tun: Wäsche waschen, schön sein, solcherlei. Der Markgraf ruft ihr zu, etwas faul und ohne vom Pferd zu steigen: "Mandušo, zagrabi!" - "Manduša, schöpf!" Was sie dann auch macht. Von zagrabi soll also Zagrebs Name stammen. Immerhin, Manduša wurde die Namensvetterin für den Manduševac-Brunnen auf dem Ban-Jelai-Platz.

Im Regen spaziere ich über den großen Platz, auf dem der Brunnen heute unscheinbar wirkt. Als störe selbst ihn das Wetter, als mache er sich kleiner. Im Sommer sitzen junge Menschen auf den Stufen um den Brunnen, er ist in ihren unzähligen Verabredungen das entscheidende Stichwort.

Heute bleiben zwei durchnässte japanische Pärchen in der Nähe stehen. Ihre Aufmerksamkeit gilt ihrem Touristenführer, bis sie alle vier plötzlich in Richtung Brunnen schauen. In ihren Augen vielleicht die Vorstellung, wie die junge Manduša dem Grafen das Wasser reicht, vielleicht die Überlegung, was die beiden danach wohl machten; schon ziehen die vier weiter, schnell und ohne sich umzublicken. Auf der anderen Seite des Platzes geben sie ihren Kampf mit dem Wind und ihren viel zu großen Regenmänteln auf und verschwinden hinter den beschlagenen Scheiben eines Cafés.

Ich mache mich auf den Weg in die Oberstadt. Es donnert. An einem Tag wie diesem will ich Schutz finden in einer Geschichte, die vom Schutz erzählt. Durch diese Geschichte kann man regelrecht laufen. Oder Fahrrad fahren. Oder man kann darin beten. Sie handelt vom Steinernen Tor. Und davon, wie ein altes Stadttor eine Kapelle wurde.

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