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Bahnhöfe von London: Viktorianische Prunkstücke

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Londons Bahnhöfe Viktorianische Prachtbauten

Bahnfahren in London ist nicht einfach. Besucher der britischen Hauptstadt müssen sich zwischen 14 Bahnhöfen zurechtfinden. Aber verlaufen kann sich lohnen, denn fast alle Stationen sind Prunkstücke aus der viktorianischen Blütezeit der Eisenbahn.

London - Bahnreisende, die "vom Kontinent" nach London kommen und zu einem anderen Ziel auf der Insel weiterfahren wollen, irren nicht selten von Infoschalter zu Infoschalter. Sie suchen nicht nur nach dem Gleis ihres Anschlusszuges, sondern auch nach dem Bahnhof und dem Weg dorthin. Denn die britische Hauptstadt verwirrt mit 14 Stationen, darunter neun große. Einen Zentralbahnhof gibt es an der Themse nicht.

Im Ballungsraum London leben mehr als acht Millionen Menschen, die scheinbar ständig unterwegs sind. Im Nahverkehr konkurrieren zahlreiche Privatgesellschaften, von denen sich 24 unter dem Namen National Rail zusammengeschlossen haben. "Obwohl jede Gesellschaft ihre eigenen Züge fahren lässt, haben sich alle auf ein gemeinschaftliches Tarifsystem geeinigt und akzeptieren in der Regel die Fahrscheine der Konkurrenten", erklärt Sean Stephens, Inhaber eines kleinen Reisebüros nahe der Oxford Street.

Die schnellste Verbindung zum Kontinent, wie die Briten das europäische Festland nennen, bietet der Tunnel unter dem Ärmelkanal. Der Hochgeschwindigkeitszug "Eurostar" bringt Fahrgäste aus Paris und Brüssel, die im ehrwürdigen Bahnhof St. Pancras mit seiner prachtvollen neogotischen Fassade aus dem Jahr 1868 ankommen. Ab Dezember 2013 will auch die Deutsche Bahn ihre ICE-Züge bis hierher fahren lassen.

Am Informationsschalter von St. Pancras gibt die Bahnangestellte Jane bereitwillig Auskunft. "Der Zug nach Edinburgh fährt vom Kings Cross auf Gleis eins", sagt sie und fügt hinzu: "Den Bahnhof finden Sie gleich gegenüber." Wer allerdings mit dem Schlafwagen in die Hauptstadt Schottlands will, der muss zur knapp einen Kilometer entfernten Station Euston weiter. Eine Alternative zum Fußmarsch ist die U-Bahn, Taxifahrer maulen wegen der zu kurzen Strecke.

Hinweis zum "Hogwarts Express"

Im Mutterland der Eisenbahn bedienen die Gesellschaften zum Teil dieselben Strecken. "Nach Birmingham beispielsweise fahren die Züge der West Coast Main Line von der Euston Station und die der Deutsche-Bahn-Tochter Chiltern Railways von der Marylebone Station", sagt Stephens. Chiltern Railways bringen Touristen auch nach Stratford-upon-Avon, die Geburtsstadt von William Shakespeare.

Die Kathedralen aus der viktorianischen Blütezeit der Eisenbahn sind weitaus mehr als nur Verkehrsknotenpunkte. Als Sehenswürdigkeiten ziehen sie Touristen an, vor allem Fans der Schiene, die manchmal die mangelnde Sauberkeit in älteren Gebäudeteilen beklagen. Als Schmuckstück gilt St. Pancras. Der Eurostar-Bahnhof wurde im Innern komplett modernisiert und verfügt inzwischen wieder über ein Luxushotel.

Der benachbarte Kings Cross, der wichtige Kopfbahnhof für Züge nach Schottland, steht bei den Freunden von Harry Potter hoch im Kurs. Sie suchen nach dem in den Romanen beschriebenen Bahnsteig 9 3/4, von dem ihr Idol mit dem "Hogwarts Express" ins Internat fährt. Die Schienen existieren natürlich nicht, doch die Bahnhofsverwaltung hat ein Nummernschild des Gleises an der Wand aufgehängt, in der sich - so der Roman - die geheime Tür zum Zug befindet.

Zu jedem Flughafen eine andere Direktverbindung

Wie ein imposanter Palast erstreckt sich die Victoria Station in Londons Zentrum, nicht weit vom Buckingham Palace und dem Parlament. "Es war einmal der wichtigste Bahnhof der Stadt, er wickelte den Verkehr mit dem europäischen Festland ab", erinnert sich Eisenbahnfan Karl Nawratil aus Wien, der Fotos aus allen Positionen schießt. Heute erreicht man von hier Vororte und den Badeort Brighton. Eine Verbindung in die weite Welt besteht über den Flughafen Gatwick, zu dem ein Shuttle verkehrt.

Größte Bedeutung für den internationalen Flugverkehr hat die mehr als 150 Jahre alte, renovierte Paddington Station. Sie ist Start- und Zielpunkt der direkten Zugverbindung zum Flughafen London Heathrow, dem größten Europas. Etwa 20 Euro kassiert die Gesellschaft für die knapp halbstündige einfache Fahrt zweiter Klasse. Auch die anderen Flughafenverbindungen liegen in dieser Preisklasse.

Vom Bahnhof Liverpool Street im Bankenviertel fährt der Stansted Express zum gleichnamigen Flughafen. Auch Züge in die Universitätsstadt Cambridge und zum Hafen Harwich mit den Fährverbindungen zum Festland starten hier. Reisende nach Liverpool sollten diesen Bahnhof auf keinen Fall ansteuern. "Sorry, da müssen Sie zur Station Euston", heißt es am Infopoint.

Der Reisende erwartet wie bei allen anderen Bahnhöfen einen Prachtbau vergangener Zeit. "Es ist aber die scheußlichste Station in ganz London", ereifert sich der Kaufmann Steward Browne, der nach Birmingham unterwegs ist. "Den klassizistischen Bau hat man 1962 abgerissen und durch diesen flachen Betonklotz ersetzt." Selbst massive Proteste der Londoner hätten dies nicht verhindern können.

Horst Heinz Grimm, dpa
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