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Prag: Oasen für junge Kunst

Foto: Eva-Maria Simon

Prags Kunstszene Die bunte Stadt

Prag hat mehr zu bieten als goldene Dächer. Hinter den Barock- und Renaissancefassaden verbirgt sich eine lebendige, junge Kunstszene. Man muss sie nur finden. Wer einen Streifzug durch Hinterhöfe und Gassen wagt, kann in ambitionierten kleinen Galerien noch echte Entdeckungen machen.
Von Eva-Maria Hommel

Prag - Von der Karlsbrücke zum Altstädter Ring spazieren täglich Hunderte Touristen. Die wenigsten biegen zwischendurch rechts ab - schade eigentlich. Denn dort führt eine Gasse in einen Innenhof, und dahinter versteckt sich die Galerie Parnas. Ein moderner Anbau, mit einem schrägen Glasdach, lichtdurchflutet.

Was sich darin verbirgt, wirkt aber auf den ersten Blick eher düster: Wandfüllende Werke des russischen Künstlers Victor Safonkin, die oft an Schlachtengemälde erinnern. Auf den zweiten Blick wirken die Helden, Fabelwesen und Tiere aber auch etwas skurril und komisch. Doch die meisten Prag-Besucher erhaschen noch nicht einmal einen ersten Blick auf die Kunstwerke.

"Touristen habe ich hier seit drei Jahren nicht mehr gesehen", sagt Ilja Valko, Direktor der Galerie. Er sitzt am Laptop und kümmert sich um Kaufinteressenten in aller Welt. "In Prag gibt es eine große Vielfalt an zeitgenössischer Kunst", sagt Valko, "aber man findet sie nicht so leicht."Tatsächlich: Wer in Prag mehr als alte Gemäuer sehen will, muss auch mal in Hinterhöfe und Gassen gucken. Oft verbergen sich dort Schätze der Gegenwart, die - mal komisch, mal verstörend - einen reizvollen Kontrast zur steinernen Schönheit der Stadt bilden.

Ein Spaziergang durch die Gassen führt dann zum Beispiel zum altehrwürdigen Haus "Zum Goldenen Ring". Die Dauerausstellung "Nach dem Samt" der städtischen Galerie spielt auf die Samtene Revolution von 1989 an, als sich die Tschechoslowaken vom Sowjetregime befreiten. Seitdem probieren Künstler die neue Freiheit nach Herzenslust aus. Da ist ein leerer Raum, und aus der Wand kommt eine riesige Blutfontäne aus Kunststoff - gruselig, absurd, übertrieben, komisch? Vielleicht alles auf einmal.

Blutfontäne und Pinkelbrunnen

Provokation und Humor ohne große Erklärung, das ist auch das Prinzip von David Cerný. Der Prager Bildhauer ist europaweit mit seiner Skulptur "Entropa" bekannt geworden, die er anlässlich der tschechischen EU-Ratspräsidentschaft im Jahr 2009 in Brüssel präsentierte. Darauf stellte er Bulgarien als Stehklo dar, die deutschen Autobahnen erinnerten an Hakenkreuze.

Cernýs plastische Interpretationen finden sich in ganz Prag: Wer über die Moldau zur Kleinseite spaziert, kann vor dem Kafka-Museum zwei Kerle entdecken, die in ein Becken pinkeln. Das hat die Umrisse Tschechiens. Ein paar Gehminuten entfernt, im Garten der deutschen Botschaft, hat der Bildhauer den Flüchtlingen von 1989 ein Denkmal gesetzt: Ein Trabi auf vier Beinen erinnert an die DDR-Bürger, die wochenlang auf dem Botschaftsgelände auf ihre Ausreise in die Bundesrepublik warteten.

Auch die böhmische Geschichte hat Cerný ins Visier genommen. In einer Passage am Wenzelsplatz hängt ein Pferd mitsamt Reiter kopfüber an der Decke. Die Ähnlichkeit mit der Statue für den böhmischen Nationalheiligen Wenzel am Kopf des Platzes ist nicht zu übersehen.

Kunst im Palast, Künstler in der Kiste

Direkt gegenüber der Passage mit dem Pferd führt ein schmaler Gang zur Galerie Langhans. In dem Atelier mit eiserner Freitreppe, in den Fluren und hellen Räumen stellen junge Fotografen aus aller Welt aus. Die Galerie folgt der Tradition des Kunstfotografen Jan Langhans, der Ende des 19. Jahrhunderts mit seinen Porträts bedeutender Persönlichkeiten berühmt wurde. 1948 wurde die Galerie verstaatlicht, heute führt Langhans' Urenkelin sein Werk weiter. Für den Sommer ist eine Ausstellung osteuropäischer Fotografen geplant.

Im Café im Hof können Kunstsucher fernab vom Trubel der Innenstadt verschnaufen. Wer danach noch mehr zeitgenössische Kunst will, findet sie im ehemaligen Messepalast, der heute Teil der Nationalgalerie ist, im Industrieviertel Holešovice nahe der Moldau. Ein gläserner Aufzug lässt die Besucher nach oben schweben, vorbei an freien Galerien.

Das funktionalistische Gebäude, von außen eher trist, beeindruckt von Innen durch seine Leichtigkeit. Oben stellen zeitgenössische Bildhauer aus Tschechien und der Slowakei aus. Auf den anderen Galerien gibt es Werke der tschechischen Moderne zu sehen, wie vom Jugendstil-Künstler Alfons Mucha, sowie europäische Kunst etwa von Miró oder Joseph Beuys.

Im Juni wird der Messepalast zu einem Zentrum der Prager Quadriennale. Zu dem Kunst- und Performancefestival erwarten die Organisatoren mehr als 40.000 Gäste aus 62 Ländern. Auch auf den Straßen wird dann viel los sein: 30 Kisten, von Künstlern, Schauspielern und Architekten gestaltet oder sogar bewohnt, sollen neugierige Zuschauer anlocken.

Kreatives Werken im Fabrikgebäude

Nicht weit entfernt vom staatlichen Messepalast ist das unabhängige Kulturzentrum Dox. Von außen bildet das ehemalige Fabrikgebäude einen deutlichen Kontrast zu den verzierten Fassaden der Altstadt. Von innen aber wirkt es mit seinen schrägen Aufgängen, großzügigen Hallen und einem Turm wie ein modernes Schloss. "Ich habe dieses fantastische Gebäude gesehen und sofort gewusst: Daraus muss man was machen", sagt Gründer Leoš Válka.

Seit 2008 bietet das Museum zeitgenössischen Künstlern ein Forum. Die Wechselausstellungen finanziert es vor allem mit Sponsorengeldern. Es sei nicht einfach, genug Geld zu beschaffen, sagt Válka. Aber die Resonanz sei gut. Rund 30 Prozent der Besucher kämen aus dem Ausland. "Wir wollen den Leuten einen Grund mehr geben, nach Prag zu kommen", so Válka. Wer noch nicht genug Gründe hat, sollte einfach mit offenen Augen durch die Stadt gehen.

Im Zentrum gibt es viele kleine Galerien - manche einfach in Wohnhäusern, nur auf einem Zettel angekündigt. Um die zu finden, braucht es Tschechischkenntnisse oder einen guten Freund. Doch auch draußen ist die neue Kunst gar nicht so schwer zu entdecken. Wer öfter den Blick nach oben richtet, wird manchmal auf Dachvorsprüngen ein modelliertes Huhn entdecken. Was das soll, bleibt das Geheimnis des Künstlers.

Auch das Metronom im Letná-Park lässt Spielraum für Interpretationen. Die bewegliche Skulptur pendelt über dem Moldauufer genau dort, wo früher eine überlebensgroße Stalin-Statue stand. Heute haben Skater den Sockel in Beschlag genommen und hängen an den Halteseilen ihre Schuhe auf. Kunstfreunde schauen dort abends über die bunte Stadt und wissen: Es gibt noch viel zu entdecken.

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