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Kathmandu: Das Antiquitäten-Hotel Dwarika's

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Kathmandu Ein Kleinod im Gewühl

Vor 60 Jahren fing der nepalesische Regierungsbeamte Dwarika Das Shrestha an, alte Schnitzereien zu sammeln. Irgendwann hatte er so viele Fenster und Säulen beisammen, dass es für ein Hotel reichte. Das "Dwarika's" ist heute eine von dezentem Luxus geprägte Oase der Ruhe im quirligen Kathmandu.
Von Annette Bopp

Kathmandu - Wer aus Europa in die nepalesische Hauptstadt Kathmandu einreist, wird unmittelbar ins Chaos geworfen: Armut, Hunger, Hitze, Staub, Dreck, Lärm. Die Slalomfahrt mit dem Taxi zum Hotel führt mitten durch ein beispielloses Verkehrschaos, begleitet von unablässigem Hupen in jeglicher Lautstärke und Tonlage.

Der Wagen hält vor einer hohen Backsteinmauer. Ein Portier in Livree öffnet freundlich grüßend die mit Schnitzereien reich verzierte Holztür. Es ist die Pforte zum Paradies: Ruhe, blühende Bäume, Vogelzwitschern, Wasserplätschern. Sonne, die sich in den violetten Trauben von Glyzinienblüten fängt. Schattige Sitzgruppen laden zum Verweilen.

Dwarika's Hotel zeigt, dass Tourismus nicht mit einer Zerstörung von historischem Erbe einhergehen muss. Angefangen hat alles 1952. Da beobachtete der junge Regierungsbeamte Dwarika Das Shrestha beim Joggen, wie Tischler beim Abriss eines Hauses mitten in Kathmandu die kunstvoll geschnitzten Fensterrahmen zu Brennholz zersägten. Es tat ihm in der Seele weh, die jahrhundertealte Handwerkstradition derart zerstört zu sehen. Spontan bot er den Tischlern einen Tauschhandel an: er beschaffte ihnen neues Bauholz, sie gaben ihm die alten kaputten Rahmen.

In den folgenden Jahren wurde er zum leidenschaftlichen Sammler solcher Holzarbeiten: Säulen, Türen und Fenster. Wo er ging und stand, hielt er Ausschau nach diesen Schätzen, teilweise waren sie über 700 Jahre alt. Ein teures Hobby. Denn jedes Fenster besteht aus hunderten von Einzelteilen, die alle mühsam zusammengefügt und restauriert werden müssen. Nur noch wenige Handwerker verstehen sich auf diese Kunst.

Terracottaziegel statt Beton

Zusammen mit seiner Frau Ambica fand Dwarika Das Shrestha die Lösung: Sie verkauften ihre Kuh, stockten ihr eigenes Häuschen im Zentrum von Kathmandu um fünf Zimmer auf und verbauten dort die bereits fertigen Rahmen. Das war 1960. Von den Mieteinnahmen finanzierten sie die Restauration weiterer Fundstücke, die sie mittlerweile im ganzen Land einsammelten. In den 1970er Jahren kamen zunehmend Touristen nach Nepal, die Nachfrage nach Gästezimmern stieg.

Ambica und Dwarika Das Shrestha gründeten ihre eigene Agentur "Kathmandu Travel and Tours", und 1977 war es soweit: "Dwarika's Hotel" eröffnete mit einem Angebot von zehn Zimmern. Bis 1991 wuchsen mehrere weitere Gebäude auf dem Grundstück der Familie empor, und auch hier folgte Dwarika Das Shrestha alter Tradition. Er ließ nicht etwa moderne Betonbauten hochziehen wie viele andere in der nepalesischen Hauptstadt, die voller Bausünden steckt. Monatelang suchte er nach einem Hersteller von Terracotta-Ziegelsteinen alter Machart: vorne rechteckig, nach hinten konisch zulaufend.

Die Steine werden einzeln sorgfältig von der Rückseite gemörtelt und verputzt - vorne liegen sie fugenlos Stoß auf Stoß. Im Tal von Kathmandu wird seit alters her so gebaut. In Kombination mit den historischen Holzarbeiten - der umfangreichsten privaten Sammlung nepalesischer Schnitzkunst - entstand innerhalb von 21 Jahren in unmittelbarer Nähe des Flughafens ein einzigartiger Hotelkomplex.

Kein einziger Stern, aber Service auf hohem Niveau

Er umfasst heute 20 Suiten und 68 komfortable Zimmer, Bibliothek, Konferenzräume, drei Restaurants und einen Laden mit einem anspruchsvollen Angebot an Büchern, Kunsthandwerk und Schmuck. Der Pool ist nach dem Vorbild der königlich-nepalesischen Bäder aus dem 12. Jahrhundert gestaltet. Das "Pancha Koshua Spa" bietet täglich Yoga-Kurse, die Massagen orientieren sich an traditioneller nepalesischer Heilkunst.

Auch in den großzügig dimensionierten Zimmern dominieren Werkstoffe aus der Natur: Schiefer (vor allem in den Bädern), Holz, Leinen, Baumwolle, Terrakotta. Für Ambica Shrestha erzählt jede der verbauten Antiquitäten eine Geschichte - auch heute noch. "Es ist unser wichtigstes Anliegen, das kulturelle Erbe unseres Landes zu erhalten und es mit unseren Gästen zu teilen", beschreibt sie die Philosophie des Hauses.

Seit dem Tod ihres Mannes 1992 leitet sie gemeinsam mit Tochter Sangita die "Dwarika's Group". Dazu gehören neben dem Hotel in Kathmandu das Restaurant "Kaiser Café", gegenüber dem ehemaligen Königspalast in einer neoklassischen Parkanlage gelegen, sowie "The Dwarika's Himalayan Shangri-La Village Resort" in Dhulikhel am Fuße des Himalaya mit einer grandiosen Sicht auf das Dach der Welt. "Dwarika's" gehört keiner der großen Hotelallianzen an, und es schmückt sich auch mit keinem 4- oder 5-Sterne-Zertifikat. "Wie viele Sterne wollen Sie für solche Antiquitäten vergeben?" fragt Ambica Shrestha. "Das ist nichts, was sich in Schablonen und Kriterienkataloge pressen lässt."

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