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Marina Bay Sands: Spielhölle und Wellnessparadies

Foto: © Reuters Photographer / Reuters/ REUTERS

Marina Bay Sands Hotel Protz und Poker

Es ist Fünf-Sterne-Hotel, Aussichtspunkt und Museum in einem. Seit der Eröffnung vor knapp einem Jahr ist das Marina Bay Sands eine der meistbesuchten Attraktionen Singapurs. Das Glücksspielkasino lockt Tausende Touristen in den Stadtstaat. Trotzdem ist es vielen Einheimischen ein Dorn im Auge.

Singapur - "Da haben wir uns wohl verlaufen." Die Sprecherin des Marina Bay Sand lacht verlegen. Statt wie angekündigt ins Wohnzimmer hat sie die Journalisten, denen sie die Präsidentensuite der Fünf-Sterne-Hotels zeigt, in den begehbaren Kleiderschrank geführt. "Ich war zwar schon oft hier, aber ab und zu verirre ich mich noch."

Das überrascht nicht. Die Suite wirkt bei der ersten Begehung wie ein Luxus-Labyrinth. Ohne ortskundige Führerin ist der Besucher auf insgesamt mehr als 500 Quadratmetern verloren. Zur Suite gehören ein großer Empfangsraum mit Piano, drei Schlaf- sowie zwei Wohnzimmer. Dazu kommen Annehmlichkeiten wie ein Frisierraum, ein Mini-Fitnessstudio und ein Arbeitszimmer. Der Karaoke-taugliche "Media Room" lässt sich komplett abdunkeln, damit kein Tageslicht auf den überdimensionalen Flachbildschirm fällt und beim Playstationspielen stört.

Dabei ist der Blick nach draußen die wahre Attraktion. Die Präsidentensuite befindet sich im 54. Stock des Marina Bay Sand, inmitten der asiatischen Metropole Singapur. Auf der einen Seite liegen Hafen und Containerschiffe, auf der anderen das Stadtzentrum mit seinen Wolkenkratzern. Und wer sich auf dem Weg von einer Glasfront zur anderen doch einmal verlaufen sollte, lässt sich vom Butler wieder auf den rechten Weg bringen.

Dieser Prunk hat seinen Preis: 8000 Euro kostet die Suite umgerechnet pro Nacht. Die Frage, ob sie den Journalisten auch Zugang zu den vergleichsweise günstigen Zimmern des Marina Bay Sand verschaffen könne, macht die Hotel-Sprecherin skeptisch. "Warum möchten Sie denn die Standardzimmer sehen?" Weil sie ein Dreißigstel des Suiten-Preises kosten und den Großteil der über 2500 Zimmer im Hotel ausmachen. "Wir zeigen Pressevertretern normalerweise nur diese Suite. Standardzimmer gehören nicht zum Programm."

Singapur giert nach Superlativen

Protzen hat in Singapur Tradition. Der Stadtstaat giert nach Superlativen: das größte Riesenrad, die saubersten Straßen, die reichsten Einwohner. Doch als das Marina Bay Sands im April vergangenen Jahres eröffnete, staunten sogar die rekordverwöhnten Singapurer. Nicht nur ein 200 Meter hoher Wolkenkratzer wurde ihnen da mitten ins Stadtzentrum gestellt, sondern gleich drei. Die Gebäude sind durch eine Art Schiff miteinander verbunden, das auf den drei Hochhäusern liegt. Wer nach Singapur fährt, kommt an dem gigantischen Kartenhaus nicht vorbei. Touristen zahlen umgerechnet rund zwölf Euro, um vom Dachgarten des Hotelkomplexes auf die Stadt schauen zu dürfen. Innerhalb weniger Monate ist das Marina Bay Sands zum Wahrzeichen Singapurs geworden.

Das hat sich der Betreiber des Hotels, der Kasinokonzern Las Vegas Sands, von dem 5,5-Milliarden-Dollar Projekt auch versprochen. Er wolle "den Tourismus in Singapur über Jahrzehnte hinweg verändern", hatte Las-Vegas-Sands-Chef Sheldon Adelson vor der Eröffnung erklärt. Das ist ihm bereits im ersten Jahr gelungen: Seit der Eröffnung zog das Hotel mit angedocktem Kasino nach eigenen Angaben elf Millionen Besucher an. Nur wenig mehr, nämlich 11,6 Millionen Touristen, kamen im vergangenen Jahr nach Singapur. Das ist die höchste Besucherzahl seit 2007, als gut zehn Millionen Touristen den Stadtstaat besuchten. Das Marina Bay Sands sowie der ebenfalls 2010 eröffnete Hotelkomplex Resorts World Sentosa sollen für 20 Prozent des Tourismuswachstums im vergangenen Jahr verantwortlich sein.

Diese Entwicklung ist jedoch nicht nur dem Geschäftssinn von Las-Vegas-Sands-Chef Adelson zu verdanken, dem auch Kasinos und Hotels in Las Vegas und dem chinesischen Macau gehören. Dank einer Gesetzesänderung aus dem Jahr 2005 war er einer der ersten, die in Singapur ein Kasino eröffnen durften. Singapurs Regierung hatte zuvor entschieden, das 40 Jahre geltende Glücksspielverbot aufzuheben. In einem Land, in dem der Verkauf von Kaugummis streng reguliert und Spucken verboten ist, kam dies einer Revolution gleich. Singapurs Gründervater Lee Kuan Yew hatte sich während seiner jahrzehntelangen Amtszeit entschieden gegen Kasinos ausgesprochen. Die Gesetzesänderung kam für viele Bewohner überraschend, doch der Stadtstaat, für den der Tourismus zu den wirtschaftlichen Hauptstandbeinen zählt, suchte händeringend nach neuen Einnahmequellen.

Rasanter Start auf dem Glücksspielmarkt

Nun, ein Jahr nach der Eröffnung, steht fest: Ökonomisch hat sich die Gesetzesänderung rentiert. "Singapur hat auf dem Glücksspielmarkt einen rasanten Start hingelegt", lautet die Bilanz der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers, die sich die Entwicklung des Stadtstaats im vergangenen Jahr näher angesehen hat. Umgerechnet rund zwei Milliarden Euro setze die Branche - also die beiden Kasinos der neuen Hotels - in Singapur um. "In diesem Jahr erwarten wir Einnahmen von 5,5 Milliarden Dollar", so die Wirtschaftsprüfer. Das sind umgerechnet rund vier Milliarden Euro. Damit könnte Singapur in diesem Jahr Südkorea und Australien hinter sich lassen und nach Macau zum zweitgrößten Kasinomarkt im Asien-Pazifik-Raum werden.

Im Marina Bay Sands möchte man trotz dieses Erfolgs nur ungern über das neue Geschäft mit dem Glücksspiel sprechen. Selbst der Begriff wird weitestgehend vermieden. Lieber spricht man offiziell vom "Integrated Resort", also von einem Hotel, das neben Zimmern auch Restaurants, ein Tagungszentrum, eine Einkaufspassage und ein Museum anbietet - und eben ein Kasino.

Der Grund für die Nervosität: Eine echte Wende wagte Singapur mit der Aufhebung des Glücksspielverbots nicht. Vielmehr machte der Stadtstaat einen Schlenker um die eigene Bevölkerung. Während das Spielen für Touristen kostenlos ist, zahlen Einheimische im Marina Bay Sands 100 Singapur-Dollar (57 Euro) pro Tag und 2000 Singapur-Dollar (1150 Euro) jährlich, um Eintritt in das Kasino zu erhalten. Die Maßnahme sei getroffen worden, so die Regierung, um die eigene Bevölkerung nicht zum Glücksspiel zu animieren und vor Spielsucht zu schützen.

Shuttlebusse für den Gratisritt in die Spielhölle

Vor allem die jüngeren Bewohner des Stadtstaats sehen das anders. "Die Regierung will die Bevölkerung vor den eigenen Gesetzen schützen", sagt eine junge Singapurerin. Dabei ließe sich die Regelung einfach umgehen. "Wer zur Spielsucht neigt, kann den Eintritt irgendwie zusammenkratzen. Oder man fälscht den Ausweis." Sich öffentlich gegen die Auflagen der Regierung aufzulehnen wagt dennoch niemand. Zu groß ist die Angst vor staatlichen Repressionen.

Für Singapurs Regierung ist die Gesetzesänderung zur Gratwanderung geworden. So musste etwa ein Bus-Shuttleservice, der im vergangenen Herbst auf Initiative des Staates gestartet wurde, nach wenigen Tagen wieder eingestellt werden. Er sollte Einwohner und Touristen in die neuen Hotels bringen - und damit auch in deren Kasinos. Für viele Singapurer kam das dem Ritt in die Hölle gleich. Die Bevölkerung werde durch die Gratis-Busse zum Glücksspiel angestiftet, fürchteten sie.

Der Betreiber des Marina Bay Sands enthält sich lieber der Debatte. Adelson hatte die Genehmigung, ein Kasino zu bauen, und schöpft aus dem Vollen. Nun ist er auf der Suche nach weiterem Bauland in Singapur. "Wir brauchen alles Land, das wir kriegen können", sagte der US-Milliardär kürzlich. "Unser Erfolg ist eine Last geworden." Protzen hat eben nicht nur in Singapur Tradition.

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