Dienstag, 19. November 2019

Irlands Gärten Die bunte Insel

Irlands Gärten: Wilde Träume von Palmen und Azaleen
Philip Koschel

Eibenbüsche wie Gewitterwolken. Exotische Palmen. Chilenische Flammenbäume. In Irlands Gärten wandelt man glückselig durch eine unvermutet grüne und bunte Pracht. Der Golfstrom, geniale Gärtner und EU-Subventionen machen es möglich.

Ilnacullin - Als das Hasenglöckchen, die Fuchsie, die Narzisse und der Rhododendron in die Welt kamen, geschah es mit dem Auftrag, vital und fruchtbar zu sein und sich zu mehren. Der Buchsbaum wurde nicht als Schnörkel geboren, die Pfingstrose nicht als kohlköpfige Diva, die ohne Korsett zusammenbricht.

In Irland haben die Pflanzen ihren Auftrag nicht vergessen, und Gärtner in Irland zu sein, heißt weniger, das Vorhandene zu päppeln, als dem Grünzeug seine Grenzen zu weisen. Dies gilt besonders für den Süden der Insel, der regelmäßig befeuchtet und nur flüchtig vom Frost gestreift wird. Selbst Palmen gedeihen an der vom Golfstrom umschmiegten Küste.

Als Reisender wandert man durch die Gärten von Mount Usher, Altamont, Bantry, Ilnacullin (Garnish Island) oder Annes Grove in neidloser Glückseligkeit, denn man wird voraussichtlich nie etwas dergleichen besitzen: Eibenbüsche wie Gewitterwolken, Gunnera groß wie Sonnenschirme, eine Flussaue voll blauer Hyazinthen, einen Tempel auf einem Sonnenuntergangshügel, auf dem die Schafe weiden, oder gleich eine ganze Insel, wie Ilnacullin.

Als John Annan Bryce 1910 Ilnacullin, das Eiland in der Bucht von Glengarriff, erwarb und den englischen Gartenarchitekten Harold Peto zu seiner Unterstützung berief, war der 15 Hektar große Felsbuckel mit Torf, Stechginster und Heide bedeckt. Mr. Bryce ließ Löcher hineinsprengen und Bootsladungen guter Erde herüberschaffen, um sein Anwesen für anspruchsvollere Bewohner auszupolstern: Kamelien und Magnolien, Baumfarne, Schönmalven, Stechapfel und chilenischen Flammenbaum.

Blau schäumende Glyzinien über dem Springbrunnen

Ein "glückliches Tal" zwischen einem alten Wehrturm und einem Aussichtstempel auf der Klippe führt mitten hindurch. Am Rande des Areals schuf Peto einen formalen italienischen Senkgarten, in dessen Wasserbecken sich Kolonnaden, Amphoren und ein Teehaus spiegeln, das von steinernen Löwen bewacht wird. Als Mr. Bryce 1917 das Geld ausging, war Ilnacullin zum Glück vollendet. Der Garten musste nur noch wachsen und in Schach gehalten werden. Seit 1953 steht er allen Besuchern offen.

Auch die Gartentore von Bantry House sind seit Jahrzehnten für weniger begünstigte Pflanzenfans geöffnet, als dies die Nachkommen des ersten Grafen von Bantry sind. Haus und Garten liegen wie eine Perle in der Auster zwischen der Bucht und den schartigen Bergen: ein Herrensitz aus dem 18. Jahrhundert, dessen hohe Räume von perlmuttfarbenem Licht erfüllt sind, eingefasst vom makellosen Grün der Rasenflächen, von Statuen, Balustraden und einem ornamentalen Buchsbaumparterre.

Die ansässige Familie Shelswell-White pflegt ein gastfreundliches Haus mit Konzerten, Ausstellungen, Bed & Breakfast und einer Teestube im Ostflügel. Aber auch ihr Unternehmungsgeist konnte in den vergangenen Jahrzehnten nicht verhindern, dass der Garten nahezu unterging. Inzwischen wurde er auch mit EU-Geldern restauriert: neue Bäume, frisch gekieste und mit Buchs gesäumte Wege. Hinter dem Haus erhebt sich wieder das blau schäumende Glyzinienspalier über dem Springbrunnen.

Dahinter steigt der Garten über eine Freitreppe hundert Stufen und sieben Terrassen den Berg hinauf. Rhododendren und Azaleen haben sich von ihren angestammten Beeten ins Gebüsch geschlagen. Wenn es zu bunt wird, müssen die Kettensägen angeworfen werden.

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