Mittwoch, 24. April 2019

Karlsbad Böhmischer Bäderluxus

Böhmisches Bäderdreieck: Fürstliche Erholung
Eva-Maria Simon

Jugendstil-Fassaden, kaiserliche Bäder und Hotelluxus, der schon James Bond als Filmkulisse diente: Das alles findet man im böhmischen Karlsbad. Das Quellwasser soll allerlei Leiden kurieren. Der Kurort hat aber auch den Trend der Zeit erkannt und setzt nun auf gehobene Wellnessangebote.

Karlsbad - Es schmeckt scheußlich. Metallisch-salziges, 64 Grad warmes Wasser, das noch nicht mal richtig sprudelt. Und doch füllen immer wieder Touristen ihren schnabeltassenähnlichen Porzellanbecher an der Quelle "Karl IV" und wandeln zwischen den hölzernen Säulen der Marktkolonnade umher.

Angeblich begann alles dort, Mitte des 14. Jahrhunderts. Der Jagdhund von Karl dem Vierten, dem böhmischen König und römisch-deutschen Kaiser, fiel in ein Loch und winselte, weil er sich am heißen Quellwasser verbrannt hatte. Gleich soll der Monarch dessen heilende Wirkung erkannt und Karlsbad (Karlovy Vary) gegründet haben: In Westböhmen, gute 50 Kilometer von der heutigen deutschen Grenze entfernt. Das brackige Wasser sprudelt aus zwölf Quellen, zwischen 30 und 72 Grad heiß, ein Cocktail aus Natrium, Kohlensäure, Chlorid und Sulfid. Aus der heißesten Quelle, schlicht Sprudel genannt, spritzt es zwölf Meter in die Höhe.

Es soll unter anderem gegen Magenleiden und Diabetes helfen. Und lockte ab dem frühen 18. Jahrhundert Europas Elite an. Nach Karlsbad reisten Kaiserin Maria Theresia, die auch über Böhmen herrschte, Peter der Große, und auch Johann Wolfgang von Goethe. Bis heute wirkt das 50.000-Einwohner-Städtchen am Ufer der Teplá wie eine Metropole, die jemand zwischen den böhmischen Hügeln festgeklemmt hat.

Das Elisabethbad aus dem Jahr 1906 steht da wie ein Schloss, und trägt folgerichtig den Namen der Kaiserin "Sissi" von Österreich-Ungarn. Aus goldgefärbten Wasserhähnen rinnt das Mineralwasser in große Badewannen. Es ist ein Bodenschatz der Region, ein zweiter ist der Torf. Alena Irmanova schöpft die 35 Grad warme Moormasse aus einem Eimer und verteilt sie auf bürostuhlgeschädigten Lendenwirbeln, überlasteten Gelenken und Muskeln. Sieht schleimig aus und fühlt sich matschig an. Aber irgendwie auch gut.

Naturkosmetik und Kohlensäuresack

"Da sind fast alle Mineralien drin, die es überhaupt gibt", sagt die Therapeutin. Eine regionale Spezialität sei das, besonders beliebt bei russischen und arabischen Gästen. "Wenn die wiederkommen, weil es ihnen geholfen hat, macht mich das glücklich", so Irmanová. Vielleicht ist das das Geheimnis von Karlsbad: Das Gefühl, dass es für jedes Problem eine Lösung gibt. Von Naturkosmetik bis plastischer Chirurgie, von Physiotherapie bis hin zur Inhalation im Kohlensäuresack.

Auch die meisten Hotels bieten Wellnessprogramme. Das Erholungsareal im Grandhotel Pupp ist frisch renoviert. Die Geschichte der Stadt spiegelt sich in der des Hotels. Sie begann im Jahr 1701 mit zwei Prunksälen. Nach und nach ließ die Familie Pupp daraus das Grandhotel erbauen. Seine Krönung war der neobarocke Festsaal von 1907, mit verschnörkelten Säulen, Putten und Konzertbühne.

Aus der Zeit um 1900 stammen auch die meisten anderen repräsentativen Gebäude der Stadt: Die Fassaden zwischen Historismus und Jugendstil, und die Kolonnaden mit Renaissance-Säulen bei der Mühlen- oder Schweizer Holzschnitzereien bei der Marktkolonnade.

Die Weltkriege machten dem Glanz erstmal ein Ende. Nach 1945 wohnten dann sowjetische Soldaten im Hotel Pupp, ab 1951 eröffnete es als "Hotel Moskva". Der Name war Programm: Karlsbad wurde Urlaubsziel für sowjetische Touristen. Vieles verfiel und erlebte erst nach 1989 eine Renaissance - oft mit Geld von russischen Investoren. So mancher Tscheche schimpft heute über Besitzer, die den Denkmalschutz nicht achten, über Edelboutiquen, die das böhmische Glas und Porzellan verdrängen.

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