Mittwoch, 13. November 2019

Bremens Viertel Luxus und Subkultur

Bremer Viertel: Die Kleinstadt in der Großstadt
Gerald Hänel

4. Teil: Die etwas andere Kneipe

Immer mal wieder höre ich von ostertorschen Hausbesitzern, die beim Buddeln in ihren handtuchbreiten Hinterhausgärtlein auf einen geheimnisvollen unterirdischen Gang gestoßen sein wollen. Einen jener Gänge, die der Legende nach das St.-Paul- Kloster in vorreformatorischen Zeiten mit der Innenstadt verbunden haben, als hier, im östlichen Vorfeld der Stadt, noch Benediktinermönche ihre Kräuterbeete bestellten und Wein anbauten.

Jawohl, Wein anbauten. Eine Weserhanglage sozusagen, die aber den damaligen Gourmets so nachhaltig die Gaumen verätzt haben muss, dass die gut gemeinten Tropfen es niemals bis in den Ratsweinkeller geschafft haben dürften. An das Kloster erinnern heute noch einige Straßen- und Flurnamen - und eine Kneipe mit dem Namen "Beim Paulskloster", die eigentlich schon längst mitsamt dem Wirt und einigen hier seit Jahrzehnten wie festgeschraubt sitzenden Stammkunden unter Denkmalschutz gestellt sein müsste.

Die einzige Kneipe weit und breit, die ohne Musikbeschallung auskommt, ohne Fußballübertragungsleinwände, ohne Neonleucht-stoffröhren, ohne den leisesten Anflug von hipper Coolness. Ein Halber ist ein Halber ist ein Halber - und nicht 0,4 oder 0,3! Die Frikadellen hat der Kneipier persönlich gebastelt, die Matjesfilets sind handverlesen, die Bratkartoffeln Legende.

Ende der siebziger Jahre hat Wolfgang Biller die schon seit dem 19. Jahrhundert bestehende Kneipe übernommen, eine stubengroße, mit dunklem Holz getäfelte Nachbarschaftstankstelle mit einem Baldachin über dem Tresen, hinter dem der Wirt Abend für Abend außer sonnabends das Bier ins Glas schießen lässt, aus einer hochbetagten Zapfanlage, die sein ganzer Stolz ist.

Eine personifizierte Lokalnachrichtenstation

Meister Biller ist die personifizierte Lokalnachrichtenstation. Er weiß alles, was vor sich geht zwischen Ostertorsteinweg und Weser oder im nahen Theater, dessen Stars und Sternchen, Regisseure und Gastspieler zur Stammkundschaft zählen. George Tabori hat er gekannt, Evelyn Hamann, Rainer Werner Fassbinder und Hans Kresnik, von dem drei tiefe Kratzer auf dem Tresen stammen. Wer das Glück hat, Wolfgang Biller in einer ruhigen Stunde an seinem Arbeitsplatz anzutreffen, der sollte ihn nach seinem Allerheiligsten fragen, einer mit Erinnerungen an seine Gäste gefüllten Zigarrenkiste, wozu er die irrwitzigsten Geschichten erzählen kann.

Und wer es einzurichten versteht, sollte an einem Freitagabend sein Bier im "Paulskloster" trinken. Dann nämlich, zwischen 21 und 22 Uhr, rumpelt der Lieferwagen des greisen Otto Winkelmann um die Ecke, sehnsüchtig erwartet von Einkaufstaschen tragenden Nachbarn. Aus Grasberg nahe Worpswede kommen Winkelmann und sein Sohn, die hier vorm "Paulskloster " einmal pro Woche die letzte Station ihrer am Morgen begonnenen Verkaufstour anlaufen und ihren Stammkunden heimische Gemüse, Früchte, Eier, Wurst offerieren.

Auch Wolfgang Biller kauft für den kleinen Hunger seiner Gäste, während der olle Winkelmann sein Bierchen zischt und in wunderbarem Plattdeutsch über den Wandel der Zeiten räsoniert. Der zu seiner und aller Freude am "Paulskloster" spurlos vorbeigegangen ist.

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