Sonntag, 21. April 2019

Baden-Baden Reich, schön und russisch

Baden-Baden: Kulturhauptstädtchen Europas
Arthur F. Selbach

2. Teil: "Baden-Baden is so nice that you have to name it twice"

Wenn du Spaß daran hast, den Alltag der Baden-Badener Gesellschaft zu beobachten, geh einfach rüber ins "Café König" - es ist nur ein Katzensprung. Hier kannst du erleben, wie ein russischer Gast sein Stück Schwarzwälder Kirschtorte und eine Tasse Milchkaffee mit einem 500-Euro-Schein bezahlt und die Kellnerin ungerührt herausgibt. Das "Café König" ist ein herrlich altmodischer Ort und eines der besten Cafés in Deutschland.

Jeden Tag ab halb drei servieren die dezent uniformierten Bedienungen den Afternoon-Tea, ein Erlebnis, wie du es auch in London nicht besser haben könntest. Immer hängt ein Hauch teurer Parfums in der Luft. Geräuschlos gleiten die Servierdamen über den roten Teppich und tragen auf. Dabei siehst du viel goldbehangene Eleganz, natürlich nichts Auffälliges, und hörst ein paar amerikanischen Touristen beim Schwelgen zu. Bill Clinton soll einmal gereimt haben: "Baden-Baden is so nice that you have to name it twice."

Über die Gassen der Altstadt und steile Treppen erreichst du am oberen Ende der Schlossstaffeln den schönsten Balkon der Stadt. Es ist ein kleiner, kastanienbestandener Platz, der sich, etwas ab vom Wege, direkt an die Mauern des Schlosses schmiegt. Du genießt die sonnige Stille, schaust über eine Reihe von Zypressen auf die Stadt, eine Ahnung von Orangen- und Zitronenaromen weht zu dir herüber. Du fragst dich: Ist das schon der Süden?

Hier oben auf dem Florentinerberg sollen es sich schon vor 2000 Jahren Soldaten der XXVI. Freiwilligenkohorte römischer Bürger gemütlich gemacht haben. Sie fassten die heißen Quellen des Florentinerbergs ein, legten prächtige Bäder an und begründeten so die römische Siedlung Aquae. Das mediterrane Gehölz allerdings wächst hier erst seit der Landesgartenschau 1981.

Sehen, wo Dostojewski sein Geld verzockte

Über den römischen Bad-Ruinen entstanden nach dem Verbot des Glücksspiels im Deutschen Reich von 1872 zum Ausgleich das (dummerweise 1962 abgerissene) Augustabad und das glücklicherweise heute noch bestehende Friedrichsbad. In prächtiger gründerzeitlicher Kulisse baden Männer und Frauen getrennt, werden eingeseift und abgeschrubbt, nur um sich nach mehrstündiger Prozedur gänzlich nackend im Bad unter der großen Kuppel wieder zu begegnen. Drei Stunden im Friedrichsbad ersetzen leicht zwei Wochen Urlaub anderswo, das solltest du dir auf keinen Fall entgehen lassen.

Baden-Baden hat viel von einem französischen Landstädtchen. Die typischen Mansarddach-Häuser könnten wie auch das Theater in Blois an der Loire stehen. Oder in Vichy. Und einige der Gründerzeitbauten würden auch an den Champs-Élysées Staat machen. Zu verdanken ist das auch Edouard Bénazet und seinem Vater Jacques, einst Mitpächter der Spielbank in Paris, der nach Ankündigung des Glücksspielverbots in Frankreich 1837 nach Baden-Baden kam und den darbenden Ort von 3000 Seelen nach einem Masterplan zur Sommerhauptstadt Europas aufbaute. Damals wuchs Baden-Baden über seine engen mittelalterlichen Grenzen hinaus. Aus einem halbwegs maroden Kaff erstand ein mondänes Weltbad wie aus einem Guss.

Die Bénazets bauten unter anderem das Theater und die Rennbahn in Iffezheim, ließen Gasleuchter installieren, Kureinrichtungen und Boutiquen anlegen, sie bezahlten Opern, Orchester, Theater, Feuerwerke und Rennen. Sie engagierten Schriftsteller und PR-Agenten, damit alle Welt davon erführe. Und alle kamen: das ganze "Who's Who" der Romantik, die berühmtesten Maler und Komponisten, Schriftsteller. Deutsche, Engländer, Franzosen und vor allem Russen im Gefolge des Zaren und der Fürsten. Auch Kaiser Wilhelm I. reiste an und logierte jeden Sommer im "Maison Messmer".

Im 19. Jahrhundert war Baden-Baden die capitale d'été - ein Begriff, der auf ein amüsantes Buch zurückgeht, das ebenfalls die Bénazet in Auftrag gegeben hatten, um Reisende und Spieler ins Kasino zu locken. Noch heute kommen viele Touristen, Russen, auch Franzosen und Japaner, die sehen wollen, wo Dostojewski sein Geld verzockte. Sie interessiert, wo der junge Mendelssohn Bartholdy spielte, wo Liszt, Brahms, Gogol, die Schumanns und Turgenjew lebten.

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