Mittwoch, 18. September 2019

Hampstead Wo London richtig edel ist

Tower Bridge und Buckingham Palace scheinen weit weg und sind doch ganz nah. Wer nach Hampstead kommt, stellt fest: London beginnt da, wo die Touristen aufhören. Hier ist die Stadt keine Kulisse, hier spielt sich noch wirkliches Leben ab - und das wissen vor allem Prominente zu schätzen.

London - Wo läuft man Oasis-Sänger Liam Gallagher und Starkoch Jamie Oliver über den Weg? Wo steht man mit Herbert Grönemeyer an der Kasse? Wo kann man stundenlang durch Wald und Wiesen wandern und ist doch nur vier U-Bahn-Stationen von Big Ben entfernt? In Hampstead, das zu Recht als das schönste Fleckchen Londons gilt.

So mancher heute unbezahlbare Stadtteil in der britischen Metropole war früher ein Slum, Notting Hill und Islington zum Beispiel. Doch Hampstead nördlich der Innenstadt war schon immer exklusiv: Im 18. Jahrhundert war es der Kurort von London, denn es liegt auf der Höhe und war nicht in den berüchtigten Nebel aus den Ausdünstungen der weltweit ersten industrialisierten Stadt gehüllt. Als der Moloch immer weiter ausuferte und schließlich das gesamte Land rund um Hampstead verschluckte, blieb die Enklave unangetastet: Man wähnt sich am Stadtrand, wenn nicht gar auf dem Land. Das liegt vor allem an Hampstead Heath, einem hügeligen Wald- und Wiesengebiet.

Die Höhe von Hampstead war für den Schriftsteller C.S. Lewis die Inspiration zu seiner Fantasyreihe "Die Chroniken von Narnia". Bei gutem Wetter rückt halb London hierhin aus, schon der Wahl-Londoner Karl Marx kam mit seiner Familie regelmäßig her. Man kann sogar schwimmen gehen, es gibt einen Badesee für Männer, einen für Frauen und einen "mixed pond". Ziel der meisten Spaziergänger ist der Herrensitz Kenwood House mit seiner exquisiten Gemäldegalerie.

Ein Ort von melancholischer Schönheit

Im Sommer ist dieser Teil des Heath an jedem Samstagabend Schauplatz von Konzerten mit wunderbar englischer Atmosphäre: Man sitzt auf Deckchairs oder auch auf Picknickdecken und lauscht bei einem Glas Champagner sehr gepflegt der meist klassischen Musik.

Auch der Herbst hat seine Reize. An schönen Sonntagnachmittagen lassen die Londoner auf Parliament Hill, dem höchsten Punkt von Hampstead Heath, ihre Drachen steigen. Die bunten Vögel im weichen Licht der untergehenden Sonne, darunter die Dächer und Türme von Hampstead und Highgate und dazu ein spektakulärer Ausblick ins Themsetal auf die schier endlose Stadt - wenn man das einmal erlebt hat, versteht man wieder besser, warum so viele Menschen schrecklich enge Behausungen, überfüllte U-Bahnen und ein ständig überzogenes Konto in Kauf nehmen, um in dieser Stadt leben zu können.

Von Kenwood aus ist es nur ein kurzer Spaziergang zum Friedhof von Highgate, dem Schauplatz des neuen Romans von Audrey Niffenegger ("Die Zwillinge von Highgate"). Es ist ein Ort von melancholischer Schönheit. Das Gatter quietscht, ein gewundener Pfad - bedeckt mit Laub - führt in den Totenwald. Spärliches Sonnenlicht fällt durch das Blätterdach. Einzelne Strahlen beleuchten Engel mit gebrochenen Flügeln, schiefe Kreuze und Grabplatten unter Efeu und Farn. Mitten im Gestrüpp steht ein Konzertflügel aus Marmor. Ein schlafender Löwe bewacht das Grab eines Zirkusdirektors aus viktorianischer Zeit. Ein Hund hält seinem Herrn seit einer Ewigkeit die Treue, ein Pferd harrt seines Reiters im kniehohen Gras und ist darüber moosgrün geworden.

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