Hoteldesign "Alles wird offener"

Auch moderne Großstadtnomaden brauchen ein Zuhause. Der Hamburger Hoteldesigner Peter Joehnk erschafft es: Moderne Räume, in denen Arbeit und Freizeit verschmelzen können. Im Gespräch mit manager magazin verrät er, wie viel Geld Hoteliers für neue Zimmer in die Hand nehmen und welche Halbwertzeit Designtrends haben.

mm: Herr Joehnk, wie viel Geld muss ein Hotelier in die Hand nehmen, um ein neues Hotelzimmer einzurichten?

Joehnk: Im Premiumsegment ist das völlig offen. Bei wirklichen Luxushotels kann sich das zu Gesamtkosten von bis zu einer Million Euro pro Zimmer addieren - das ist durchaus ein Wert, der in außergewöhnlichen Projekten wie dem ehemaligen Kempinski Hotel in Heiligendamm real erreicht wurde, wenn man den Anteil am Gesamtgebäude mitrechnet.

Nur für die Einrichtung eines Zimmers kalkuliert man im Fünf-Sterne-Segment um die 30.000 Euro, aber auch hier gibt es Abweichungen nach oben. In den darunterliegenden Segmenten sind die Größenordnungen einheitlicher. Bei vier Sternen kalkuliert man mit etwa 15.000 Euro, bei dreien mit 10.000, und ein Zwei-Sterne-Haus kommt mit 5000 Euro pro Zimmer aus. Rechnet man da wieder den Anteil am Gesamtgebäude mit, liegt man im Zwei-Sterne-Segment bei etwa 70.000 Euro.

mm: Wie oft muss man ein Hotel einem grundlegenden Relaunch unterziehen?

Joehnk: Die Zimmer alle zehn Jahre, öffentliche Bereiche zwischen fünf und zehn Jahren. Das sind die Zahlen, mit denen Hotelketten arbeiten. Im Hamburger "Vier Jahreszeiten" haben wir mal renoviert, da waren die Zimmer 30 Jahre alt. Das geht auch; je klassischer ein Zimmer gestaltet ist, umso seltener muss man es renovieren, und je zeitgeistiger es ist, desto früher. Ein Hotel wie Kai Hollmanns "25 hours" oder seine "Superbude", hält wahrscheinlich keine zehn Jahre. Je designlastiger ein Haus ist, desto schneller kommt das Verfallsdatum.

mm: Merken Sie an der Auftragslage etwas von der Senkung der Mehrwertsteuer im Hotelbereich? Sind die Hoteliers investitionsfreudiger geworden?

Joehnk: Seit Anfang des Jahres zieht die Nachfrage bei uns an, und ich glaube schon, dass die Senkung der Mehrwertsteuer dann durchaus das letzte Quäntchen Motivation ist, um einen Auftrag auszulösen. Der Anstieg der Nachfrage war bei uns aber durchaus schon vorher zu spüren - und insofern kann man für die Hotellerie wohl sagen, dass sich die Schockstarre des Jahres 2009, als die Belegung der Businesshotels dramatisch einbrach, so langsam wieder löst. 2009 wurde ja alles an Investitionen gestoppt, was noch zu stoppen war - das wird nun allmählich doch wieder angeschoben.

mm: Was ist Ihren Auftraggebern bei der Inneneinrichtung wichtig? Kann man das auf einen allgemeinen Nenner bringen?

Joehnk: Das hat sich in den vergangenen zehn Jahren komplett gewandelt. Wir haben ja schon früher viel für die internationalen Ketten gebaut. Und damals haben wir sozusagen für die Hausdame gebaut: Funktionalität war das oberste Gebot. Pflegeleichte Teppiche, pflegeleichte Möbel - alles war so gestaltet, wie es betriebswirtschaftlich am sinnvollsten war. So konnte der Betreiber alles möglichst schnell wieder in Ordnung bringen, und der Gast hatte wenig Chancen, bleibende Flecken zu hinterlassen. Das hat sich in den vergangenen zehn Jahren komplett gewandelt. Man baut mittlerweile sehr gezielt für den Gast, nicht für die Angestellten.

mm: Wie sieht das konkret aus?

Joehnk: Ein zentrales Stichwort heißt Bleisure, die Verschmelzung von Leisure - Freizeit - und Business. Man braucht kein Businesscenter mehr. Man sitzt mit seinem Laptop in der Lobby und kann überall arbeiten. Alles wird offener und fließt ineinander. Dieser Trend ist am offensichtlichsten abseits der Rückzugsmöglichkeit, die das Hotelzimmer natürlich immer noch bieten muss - der Empfang wird langsam entbehrlich, ein Tablet-PC reicht dafür, und die Lobby geht fließend ins Restaurant über.

Dort muss man deshalb für verschiedene Sitzplatzangebote sorgen. Einerseits muss da der bequeme Sessel zum Reinfläzen stehen, andererseits der Barhocker nebst Hochtisch, wo man auf einer Höhe sitzt, in der auch vorbeilaufende Menschen nicht stören - das empfindet man auf niedrigerer Sitzhöhe als außerordentlich unangenehm. Für die Restaurantplätze braucht man dann wieder ganz normale Stuhlhöhen. So mischen sich in einem modernen Haus Sessel, Stühle, Barhocker in einer Folge von Räumen mit offenen Zonen. Ein weiterer Trend ist die Feminisierung der Hotels.

"Es soll nicht alles aus einem Guss sein"

mm: Wie wird man ihr gerecht?

Joehnk: Zum Teil sind das ganz offensichtliche Dinge: Ein Schminktisch, ein stärkerer Fön, größere Schränke. Aber man muss zum Beispiel auch das Sicherheitsgefühl anders berücksichtigen, damit Frauen sich wohlfühlen: Man baut dann zum Beispiel weniger Rücksprünge in den Fluren, damit sich kein böser Mann dahinter verstecken kann.

mm: Abgesehen von funktionalen Aspekten - was sind derzeit die gestalterischen Trends?

Joehnk: Nachhaltigkeit ist ein beherrschender Trend, der auch optische Auswirkungen hat. Es geht nicht nur um Wärmedämmung; man will den archaisch-regionalen Aspekt spüren. Eiche ist zurzeit ein Trendholz. Die will man astig, rissig und unbehandelt sehen, lieber gewachst als porendicht auf Hochglanz lackiert. Dieser Kontrast zwischen dem Ursprünglichen und Hightech ist auch grundsätzlich ein Designtrend. Der wird in fünf Jahren vorbei sein; die Nachhaltigkeitsbewegung als solche ist aber ein langfristiger Trend. Auch die Wellnessbewegung wird uns noch länger erhalten bleiben, nicht nur im Hotelbereich. Und die Leute wollen ein Hotel, das zur Heimat auf Zeit werden kann.

mm: Was bedeutet das praktisch?

Joehnk: Mittlerweile schreiben sogar Hotelketten in ihre Standards hinein, dass es ein häusliches Feeling geben soll. Das bedeutet: Einzelmöbel, gewollte Gestaltungsbrüche, es soll nicht alles aus einem Guss sein, sondern addiert. Natürlich passt es zusammen. Aber man macht eben nicht mehr aus dem Möbelbezugssstoff gleich noch die Vorhänge und die Tagesdecken. Man versucht, Vielfalt hineinzubringen und verzichtet auf feste Einbauten.

Accessoires bekommen immer mehr Bedeutung. Früher hat man vermieden, Dekoration hinzustellen, weil man immer Angst hatte, dass der Gast sie klaut. Das tut er auch. Aber trotzdem macht man es heutzutage, um das Heimatfeeling zu fördern. Bestimmte Designtrends verbieten sich im Hotel allerdings: Weiße Teppiche zum Beispiel, weil sie nicht lange weiß bleiben würden.

mm: Wie gehen Sie an ein neues Projekt heran?

Joehnk: Das Wichtigste für uns ist die Markenaussage. Wenn ein Betreiber ein klares Profil hat, möchte er das umgesetzt sehen. Als Erstes muss man sich fragen: Wer sind eigentlich die Gäste? Das Erschreckende ist: Die meisten Hoteliers wissen gar nicht, wer zu ihnen ins Haus kommen soll. Die wären gerne everybody's darling. Die wenigsten Hoteliers können einem genau sagen, wer ihre Zielgruppe ist. Aber es wird immer wichtiger, sich eine Profilierung zu geben.

mm: Sollte man nicht eine möglichst breite Zielgruppe ansprechen?

Joehnk: Es ist ein Unterschied, ob man ein luxuriöses Businesshotel in der Innenstadt baut, wo arrivierte Manager als Gäste kommen, die auch mal 500 Euro für eine Übernachtung ausgeben. Diese Häuser sind tendenziell eher klassisch. Baut man das gleiche Hotel in der Drei- oder Vier-Sterne-Kategorie, spricht man die Leute an, die ganz anders ticken und Wohnen, Arbeiten und Freizeit in einem Paket sehen. Die meisten Hotels wollen Businessgäste in der Woche und am Wochenende Familien und Wochenendtouristen. Das sind so extrem unterschiedliche Felder, dass sie dann den kleinsten gemeinsamen Nenner bauen. Das ist nicht klug. Das gibt so eine Einheitssoße.

"Privatleute trauen sich mehr Risiko"

mm: Aber verschwimmen die Kategorien nicht ohnehin immer mehr? Zumindest in der Einordnung nach Sternen?

Joehnk: Doch. Die niederländischen "Citizen M"-Häuser sind ein Beispiel dafür: Kleine Zimmer, so super funktional durchgestaltet, dass man ein Luxusfeeling wie im Vier- bis Fünf-Sterne-Sektor hat, und das in einem Raumvolumen, das eher dem Zwei-Sterne-Bereich entspricht. Der mobile Großstadtnomade weiß das zu schätzen, weil der Preis im Drei-Sterne-Bereich ist. Auch Kunsthotels sind völlig frei jeder Sterne-Bewertung. Da wächst einiges zusammen, auch wenn man sich als Investor natürlich immer entscheiden muss, wie viel Geld man in die Hand nimmt.

mm: Was ist Ihr persönliches Lieblingsprojekt?

Joehnk: Das sind eher kleine Hotels. Bei den Ketten will man nicht so viel falsch machen, und die Entscheider trauen sich nicht so viel, sondern setzen eher auf Bewährtes. Privatleute nehmen mehr Risiko auf sich, obwohl es sie ja noch viel härter straft, wenn es danebengeht.

Wir haben im Schwarzwald ein altes Fachwerkhotel zeitgemäß umgebaut, mit einem klaren Bezug zur Region; dort haben wir das Thema Wein aufgegriffen. Im Kokenhof in Hannover, einem Gebäude von 1556, das dem Hannover-96-Präsidenten Martin Kind gehört, konnten wir cool modernes Design umsetzen - erfolgreich. Es macht am meisten Spaß, wenn man etwas wirklich Ungewöhnliches wagen kann. Oder wenn man ein schönes Thema hat: Wir haben auch das Tierparkhotel "Hagenbeck" in Hamburg gestaltet. Das war ein echter Jungstraum.

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