Tauchen im Sudan Spielplatz für Haie

Vor der Küste eines der ärmsten Länder der Welt bietet das Rote Meer unberührte Unterwasserwelten. Graue Riffhaie tummeln sich hier, Mantas, Zackenbarsche und Hammerhaie. Für Taucher ist der Sudan ein Paradies - auf ihrem Boot wohnen sie in einer Parallelwelt fernab vom Elend des Landes.
Von Linus Geschke

Sanganeb - Die Kabinen genannten Zellen an Bord der "Royal Evolution" liegen mit knapp sechs Quadratmetern Größe für zwei Personen noch unterhalb dessen, was man den Insassen einer bundesdeutschen Justizvollzugsanstalt zumuten darf. Wer duschen will, nässt das winzige Badezimmer zwangsläufig komplett ein. Und die kurz geratenen Betten in den muffigen Kabinen sind, noch dazu bei starkem Seegang, für großgewachsene Mitteleuropäer eine echte Herausforderung. Zu all dem liefert ein dröhnender Schiffsdiesel die nie enden wollende, dumpfe Begleitmusik.

Währenddessen zieht draußen eine ewig gleiche Kulisse vorbei: Sonne von oben, das Meer zur Linken und eine gleichsam monoton wie imposant anzuschauende, karge Gebirgskette zur Rechten. 400 Seemeilen lang, vom Starthafen der "Royal Evolution" im ägyptischen Port Ghalib bis zum Zielgebiet hinter der sudanesischen Grenze. Geduld ist angesagt.

Was für Hotelgäste einen klaren Regressgrund darstellt, ist für erfahrene Rotmeerpilger wie Andrej Viehoever der Inbegriff des Traumurlaubs: Ein Tauchsafarischiff auf dem Weg in die Gewässer des Sudans gleicht für ihn einer Reise zum Heiligen Gral, der mit unberührten Wracks und einem immensen Aufkommen an Großfischen lockt. So lassen die Wunder unter Wasser unkomfortable Nächte schnell vergessen, zumal das Schiff ansonsten durchaus luxuriös eingerichtet ist.

Zwischen Wracks und Großfischen

Schon der erste Tauchgang am Wrack der 1940 gesunkenen "Umbria" vor Port Sudan übertrifft alle Erwartungen, die Viehoever an die Reise hatte. Obwohl das 155 Meter lange Schiff in moderaten Tiefen liegt, wirkt es, als sei die Zeit hier stehengeblieben. Der Bewuchs mit Peitschen-, Hart- und Weichkorallen ist überwältigend, in jeder Ecke tummelt sich Fisch.

Meeresforscher-Pionier Hans Hass fotografierte das Wrack schon 1949. Wer die Aufnahmen kennt, stellt fest: Gutes bleibt, zumindest manchmal - die Fahrzeuge der Marke Fiat in den Laderäumen sowie zahlreiche andere Artefakte sind noch erstaunlich vollständig erhalten geblieben.

Am nächsten Morgen stehen sie versammelt an Deck, die Angeber und die Ängstlichen, die Aufschneider und die Abgebrühten, und schauen hinab auf ein Riff-Atoll, welches in Taucherkreisen einen Ruf wie Donnerhall genießt: Sanganeb, Spielplatz der Grauen Riffhaie.

Hier und an den anderen sudanesischen Riffen gibt es dann all das zu sehen, was die Strapazen der langen Überfahrt vollständig vergessen macht. Silberspitzen- und Tigerhaie, Schwärme von Makrelen und Barrakudas, dazwischen immer wieder Mantas, Adlerrochen und mächtige Zackenbarsche. So schlecht der mangelnde Tourismus für die Wirtschaft des Landes auch sein mag - für die Unterwasserwelt ist er ein Segen.

Cousteaus Vermächtnis

Andrej Viehoever ist bei den Tauchgängen meist mit Ahmed Dawood unterwegs, einem Tauchguide, der laut eigener Aussage "fast alles kann - außer Skifahren!" Der Ägypter leitet die Tauchgänge an den verschiedenen Hochseeriffen, wo man beste Chancen hat, Hammerhaie vor die Maske zu bekommen. "Ahmed liebt diese majestätischen Tiere und sein Spürsinn im blauen Nichts ist erstaunlich", sagt Viehoever später begeistert. "Er sollte den offiziellen Titel 'Hammerhai-Pharao' tragen!"

Hammerhaie sind im ägyptischen Teil des Roten Meeres selten geworden. Meist sieht man dort - wenn überhaupt - Bogenstirn-Hammerhaie, die in der Regel zwischen zwei und drei Meter groß sind. Ganz anders im Sudan: Hier finden Taucher auch Große Hammerhaie mit Längen bis zu fünf Metern, die sich den Tauchern mit gleichmäßigen, eleganten Bewegungen nähern. Eine Unterwasserwelt, die sich seit den Zeiten eines Jacques-Yves Cousteau kaum verändert hat.

Die "Royal Evolution" ankert geschützt in der Lagune von Shaab Rumi. Direkt neben der von Menschenhand gesprengten Einfahrt findet sich in elf Metern Wassertiefe der Überrest von Cousteaus ehemaliger Forschungsstation "Precontinent ll", die von dem Franzosen 1963 erbaut wurde. Fünf Taucher aus seinem Team lebten und arbeiteten hier 30 Tage lang. Auch wenn bis heute nur der einstige Hangar des gelben Unterwasserseebootes erhalten blieb - dieser Ort mit seiner außergewöhnlichen Historie ist ein Schmankerl für jedes Taucherlogbuch.

Deutlich beeindruckender gestaltet sich der Abstieg an der Außenseite des Riffs, für Viehoever "ein wahr gewordener Tauchertraum". Kein Flecken ist unbewachsen geblieben, die Korallen strahlen in Grün, Rot und Mint. Dazwischen tummeln sich Anthiasbarsche und farbenprächtige Papageifische, die mit ihrem schnabelartigen Gebiss bevorzugt Algen am kalkhaltigen Riff abnagen.

Die Stars in der Unterwasserarena jedoch tragen auch bei Shaab Rumi ein graufarbenes Kleid: Graue Riffhaie, Hammerhaie und Silberspitzenhaie, die sich eher in den tieferen Regionen des Riffs aufhalten. Den Tauchgruppen nähern sie sich meist vorsichtig, immer pendelnd zwischen Scheu und Neugierde, jedoch ohne Anzeichen von Aggressivität. Zumindest solange kein Futter im Wasser ist.

Falsche Piraten

Doch es sind nicht die Haie, die den Gästen auf der "Royal Evolution" den größten Schreck einjagen. In den frühen Abendstunden nähert sich ein nur fünf Meter großes Boot dem ankernden Luxuskreuzer. An Bord: Vier abgerissene, dünne Gestalten mit länglichen Gegenständen in den Händen. Gibt es auch im Sudan Piraten? Unruhe macht sich breit, die meisten Gäste beschleicht ein mulmiges Gefühl.

Als das Boot neben dem Tauchsafarischiff festmacht, entpuppen sich die länglichen Gegenstände als Krücken, die vermeintlichen Piraten als harmlose Fischer, die um Antibiotika bitten: Einer der Männer hat sich verletzt und die Einheimischen wissen, dass die Taucher medizinisch bestens ausgestattet sind.

"In solchen Momenten wird einem bewusst, dass es schon ziemlich dekadent ist, mit einem Luxuskreuzer in so einem Land Urlaub zu machen", sagt Viehoever. Sudan-Reisende sollten nicht vergessen, dass sie nicht nur unter Wasser Pioniere sind. "Hier prägt man auch das Bild des Europäers gegenüber der einheimischen Bevölkerung nachhaltig. Sogar die schillernden Farben unter Wasser scheinen für kurze Zeit zu verblassen, wenn einem bewusst wird, was gerade in diesem Land passiert." Und so rückt ein Blick hinunter auf das wenig hochseetaugliche Fischerboot die Dimensionen des Luxus an Bord wieder zurecht - mögen die Kabinen auch klein und die Badezimmer noch so eng sein.

Sudan: Tauchen im Krisengebiet

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