Heißluftballons Festival der Himmelsstürmer

Drachen, ein Halloween-Haus, das Brandenburger Tor und ein Bienenpärchen - beim Ballonfestival in Albuquerque, New Mexico, streben die abstrusesten Gebilde himmelwärts. Mehr als 600 Ballons sind jedes Jahr gemeldet und ziehen Besucher aus aller Welt an.

Albuquerque - Es ist noch lange nicht hell. Nicht mal erste Lichtstrahlen lassen die Morgendämmerung erwarten. Aber die Parkplätze rund um das Launch Field der "Balloon Fiesta" in Albuquerque sind schon gut gefüllt. An den Abfahrten zu dem 30 Hektar großen Acker bilden sich um fünf Uhr morgens die ersten Staus. Die größte Stadt des US-Bundesstaates New Mexico ist Anfang Oktober neun Tage lang voller Ballon-Fans - die einen wollen den Fahrern und ihren bunten Gefährten vom Boden aus zuschauen, die anderen am Himmel schweben und die Freiheit genießen.

Sie alle müssen früh aufstehen, denn gestartet wird im Morgengrauen - wegen der meist stabileren Wetterlage. Während mit dem Sonnenaufgang jeden Morgen Hunderte Ballons in die Luft gehen, ist das Treiben auf dem Jahrmarkt drumherum - bei wenigen Grad über Null mitten in der Wüste - schon sehr geschäftig. Auch wenn die Zuschauer fasziniert sind von bunten Ballons und tollkühnen Fahrern - heiße Getränke und Frühstück sind zu dieser Stunde wichtiger.

Auf dem Feld können 208 Ballons gleichzeitig starten. Bei den Mass Ascensions, den Massenstarts, wird zweimal hintereinander gestartet - in geordnetem Chaos und unter den strengen Augen der "Zebras", der Aufpasser in den schwarz-weiß gestreiften Trikots. Etliche Ballonfahrer starten lieber von anderen nahe gelegenen Startplätzen aus. Zu ihnen gehört Russ Lucas, der es mit seinem Ballon "Cloud Dancer" an diesem Morgen ruhig angehen lässt.

Fliegendes Luftschloss

Russ, seine Frau und zwei Freundinnen sitzen mit Thermoskannen voller dampfendem Kaffee in ihrem Truck und schauen dem Treiben zu. Die "Special Shape Balloons" haben die Aufmerksamkeit aller. 84 Gefährte sind gemeldet, deren Aussehen nichts mit dem gemeinen Heißluftballon zu tun hat. Ein fliegendes Schloss steht da und ein überdimensionales Bienenpärchen, furchteinflößende Drachen, allerlei Ballonseide in Form verschiedener Obstsorten, ein Halloween-Haus und das Brandenburger Tor.

Fast alle Fahrer füllen ihre Gefährte mit Luft - nur 17 der insgesamt 621 Gefährte werden mit verschiedenen Gassorten zum Fliegen gebracht. Zu den "Special Shapes" gehört alles, was von der normalen Tränenform eines Ballons abweicht - je ungewöhnlicher, umso besser. Doch diese Gefährte haben auch viel mehr Winkel und Kammern, in die Luft muss, ehe sie aufsteigen können. Daher dauert der Launch am Morgen auch länger als an anderen Tagen.

Russ stört das nicht. Im Gegenteil: "Ich finde das schräg, was die Leute alles machen", sagt der 53-Jährige, der in Minnesota sein Hobby zum Beruf gemacht hat und dort Ballonfahrten anbietet. Er allerdings bleibt lieber bei seinem roten Schirm mit den kleinen weißen Rauten - allzu viel Abenteuer muss auch nicht sein. "Aber ich schaue den Special Shapes sehr gern zu, wenn sie in die Luft gehen."

Die Farmer nehmen die Fiesta mit Humor

Aus Dutzenden Ländern kommen Ballonfahrer und -begeisterte schon seit Jahrzehnten nach Albuquerque: Zum 38. Mal findet 2009 die Balloon Fiesta statt. Neun Tage dauert die Veranstaltung, die weit über Staaten- und Landesgrenzen bekannt ist - fast eine Million Zuschauer zieht sie alljährlich an. "Das Wetter muss mitspielen und vor allem der Wind", sagt Kathy Leyendecker, Sprecherin der Fiesta. Wenn es zu stark weht, können die Ballone abgetrieben werden, teils mit verheerenden Folgen. Normalerweise, heißt es von Veranstalterseite, sind die besten Startzeiten die Stunden um den Sonnenaufgang und die Zeit kurz vor Sonnenuntergang. "Dann ist das Wetter am stabilsten, und die Winde sind am gleichmäßigsten", sagt Leyendecker.

Den Spezialballons macht der Wind an diesem Morgen keinen Strich durch die Rechnung. Alle können wie geplant abheben. Aus der Luft sehen sie fast so beeindruckend aus wie vom Boden - doch lange nicht mehr so überdimensional. Und sie mischen sich schnell mit den traditionellen Ballons, die zu Dutzenden gestartet sind. Ziel des frühmorgendlichen Aufstiegs ist jedoch nicht das schnellste Erreichen eines Punktes. "Man fährt dahin, wo es einen hintreibt", sagt Russ.

Auf der himmlischen Fahrt entlang des Rio Grande fallen zwei Dinge ins Auge - die zahlreichen bereits zusammengefalteten Schirme und die vielen Autos mit ihren Anhängern, die Jagd auf die sinkenden Ballons machen. Denn so elegant der Aufstieg ist, so rumpelig ist oft die Landung. "Dazu brauchen wir eine große Fläche - am besten eine Wiese", sagt Russ. Denn der Ballon stürzt - mehr oder weniger - aus geringer Höhe ab. Und dann müssen die Partner zur Stelle sein, um den unhandlichen Weidenkorb wieder in den Autoanhänger zu verladen. Die Farmer und Hausbesitzer rund um Albuquerque nehmen die Fiesta mit Humor - nicht selten empfangen sie die Ballonfahrer, die in ihrem Vorgarten landen, mit einer kalten Cola.

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