Lódz Neues Leben in alten Fabriken

Eine Schönheit ist Lódz nicht. Der Zusammenbruch der Textilindustrie nach der Wende hat der drittgrößten Stadt Polens hart zugesetzt. Viele sind weggezogen, ganze Straßenzüge grau und marode. Doch in den verlassenen Fabriken regt sich etwas - Kunst und Kultur blühen auf. Und 2016 will Lódz jetzt auch Kulturhauptstadt werden.

Lódz - Nein, eine Schönheit ist Lódz nicht. Mit Danzig oder Krakau kann die Stadt nicht mithalten. Vieles sieht hier noch grau aus, etliche Fassaden bröckeln nach wie vor. Doch auch die Veränderungen der vergangenen Jahre sind nicht zu übersehen: Die Hauptstraße Piotrkowska ist inzwischen ausgesprochen lebendig.

Restaurants, Kneipen und Bars, in denen auch am späten Abend einiges los ist, reihen sich hier aneinander. Die Fabrikbauten des 19. Jahrhunderts werden nun als Lofts, Galerien oder Museen genutzt. Und im Jahr 2016 will Lódz sogar Europäische Kulturhauptstadt werden.

Lodsch heißt die Stadt auf Deutsch, Lódz schreibt sie sich auf Polnisch. Viele Touristen müssen zweimal hinhören, wie das klingt, wenn es richtig ausgesprochen wird: "Wutsch". Lange war Lódz die zweitgrößte Stadt Polens. Mit dem Zusammenbruch der Textilindustrie verschwanden aber Tausende von Arbeitsplätzen. Die Stadt hat dadurch rund 200.000 Einwohner verloren und ist auf Platz drei hinter Warschau und Krakau gelandet. Und ähnlich wie in Manchester, mit dem Lódz oft verglichen wird, gibt es nach dem Ende der Industrien aus dem 19. Jahrhundert neues Leben in den alten Fabriken.

Um das Jahr 1800 war Lódz eine trostlose Ansammlung von Holzhütten, ein Kaff mit nur ein paar Hundert Einwohnern, das politisch zum Zarenreich gehörte. Aber dann explodierte die Einwohnerzahl, als der Zar beschloss, die Ansiedlung von Textilfabriken zu fördern. Um das Jahr 1900 lebten schon eine halbe Million Menschen in der Stadt. "Das gelobte Land" wurde Lódz damals genannt, und so lautet auch der Titel eines in Polen berühmten Romans des Literaturnobelpreisträgers Wladyslaw Reymont.

Im sozialistischen Polen war die Textilindustrie noch ein wichtiger Produktionszweig. Nach 1989 kam die Wende auch in dieser Hinsicht. Heute lebt die Erinnerung an das industrielle Erbe wieder auf. Die Fabriken und die verschwenderisch ausgestatteten Paläste ihrer Besitzer werden zu Touristenattraktionen. Karl Wilhelm Scheibler war einer der berühmtesten Fabrikanten. Einst gehörte ihm ein Siebtel der Stadtfläche, seine Spinnerei war die größte in Lódz, sein altes Fabrikgelände im Stadtteil Pfaffendorf wirkt noch heute riesig.

Vor dem Hauptgebäude steht eine alte Dampfmaschine aus Manchester. Rund 7500 Beschäftigte arbeiteten hier Ende des 19. Jahrhunderts. Es gab eine eigene Schule, eine Apotheke und ein Krankenhaus. "Scheibler hat gut geheiratet", erzählt Anna Józwiak bei einer Führung über das Gelände. "Seine Frau Anna Werner hatte eine ordentliche Mitgift." Und so wurde der Fabrikant zum "polnischen Baumwollkönig". Als er 1881 starb, soll sein Vermögen 12 Millionen Rubel betragen haben - eine gigantische Summe. Ein Arbeiter verdiente damals 5 Rubel pro Woche.

Fabriken und Paläste

"Die Fabrikanten wohnten in Palästen", erklärt Anna. "Sie bauten im Neo-Renaissance-Stil oder neo-gotisch, Hauptsache neo." Und immer nach dem Motto: Es muss richtig krachen. Das gilt auch für den Palast, den Scheibler seiner ältesten Tochter Mathilda zur Hochzeit schenkte. Heute kann er besichtigt werden. "Palac Herbsta" heißt er nach Eduard Herbst, dem Schwiegersohn.

Schon der Garten mit Springbrunnen ist eindrucksvoll. Weiße Parkbänke stehen auf dem Rasen. Und wer davon bereits beeindruckt ist, dem bleibt im Ballsaal das erste Mal die Luft weg: Meterhohe Wände, ein Flügel an der Wand, ein Esstisch mit acht Stühlen. Es sieht aus, als erwartete das Ehepaar Herbst am Abend noch Gäste.

Scheiblers größter Konkurrent war Israel Poznanski. An seinem "Palast", dem größten aller Fabrikanten in Lódz, wurde 20 Jahre lang gebaut. Drei Architekten entwarfen die Pläne, und als der Auftraggeber gefragt wurde, welchen Stil er denn wolle, soll er geantwortet haben: "Ich kann mir alle Stile leisten". Außen ist es Neobarock geworden. Innen gibt es ebenfalls einen Ballsaal mit hohen Wänden und fast genauso hohen Spiegeln, Kronleuchter, die tief von der hellblauen Decke hängen, einen Steinway-Flügel und Ölgemälde.

Im Büro des Magnaten steht auf dem Schreibtisch neben seinem Hochzeitsfoto auch seine Schreibmaschine. In den prunkvollen Stuhl ist ein "P" für "Poznanski" geschnitzt. Gediegener Prunk bestimmt das Herrenzimmer genau wie das Schlafzimmer der Gattin mit Jugendstilmöbeln aus Mahagoni. Heute ist in einem Teil des Poznanski-Palastes das Museum für Stadtgeschichte untergebracht, das auch an einen anderen berühmten Sohn von Lódz erinnert: an Artur Rubinstein, den genialen Pianisten. Viele Fotos sind von ihm zu sehen, ein Abguss seiner Pianistenhände und der "Oscar", den er für seine Beteiligung am Dokumentarfilm "L'Amour de la Vie" bekommen hat.

Gleich um die Ecke des Poznanski-Palastes liegt die Manufaktura. Das erste Vier-Sterne-Hotel der Stadt hat hier gerade eröffnet. Zwischen den Fabrikgebäuden ist eine Piazza entstanden, auf der Familien zwischen Springbrunnen auf Bänken sitzen. Die Gäste des Cafés ein paar Schritte weiter haben es sich unter Sonnenschirmen bequem gemacht, und man stutzt bei so viel italienischem Flair schon ein bisschen und fragt sich "Ist das hier Polen?".

Ein Imax-Kino gibt es, zwei Museen, ein Konferenzzentrum und ein Beachvolleyball-Feld, auf dem bis in den frühen Abend Jugendliche barfuß und im T-Shirt baggern und pritschen, während eine große Multimedialeinwand die Wetterkarte zeigt. Ein neues Einkaufszentrum erinnert an Shopping-Malls nach amerikanischem Vorbild: 240 Geschäfte sind dort versammelt, und es gibt so fast alles, was in der Welt der Marken und Label einen Namen hat von Tommy Hilfiger bis Hugo Boss.

In einem kleinen Teil der Manufaktura ist ein Museum untergebracht, das an den früheren Besitzer erinnert. Poznanskis Geschichte vom Aufstieg aus Armut zu unglaublichem Reichtum klingt märchenhaft. Seine Fabrik baute er 1872, später waren dort 7000 Arbeiter beschäftigt. Es gab eine Spinnerei, eine Färberei und eine Druckerei. Das moderne Fabrikmuseum dokumentiert allerdings auch, dass sein Reichtum mit dem Schweiß der Arbeiter bezahlt wurde: In der Spinnerei ratterten 200 Webstühle und machten einen höllischen Lärm.

Für Touristen wird heute eine Maschine zu Demonstrationszwecken für wenige Minuten angeschaltet. Dann ist fast kein Wort mehr zu verstehen. Arbeiter, die mehrere Jahre am Webstuhl standen, wurden fast zwangsläufig taub. Die Baumwolle, die sie sich aus Angst davor in die Ohren steckten, war kein wirksamer Lärmschutz. Die Schichten dauerten 16 Stunden, Kinderarbeit war üblich.

"Hollylódz" und Fashion Week

Ein ganz anderes Museum ist das MS2, das im November 2008 eröffnet wurde. Es knüpft an die Tradition der Kunstsammler in Lódz an, die schon früh wichtige Werke der Moderne, vor allem polnischer Künstler, gesammelt haben. Wladyslaw Strzeminski, Gründer der Künstlergruppe AR, hatte die Idee zu der Sammlung 1929. Zwei Jahre später übergab er der Stadt 200 Bilder - für eines der ersten Avantgarde-Kunstmuseen der Welt. Im MS2 sind auf 3600 Quadratmetern nun gut 400 Werke zu sehen, auch von Künstlern wie Piet Mondrian und Joseph Beuys.

Lódz hat aber auch ganz andere Seiten. Cineasten kennen sie als polnische Filmmetropole - "Hollylódz" genannt. Die Filmhochschule, 1948 gegründet, ist die älteste Europas. Alles, was in Polens Filmwelt Rang und Namen hat, hat hier studiert, darunter Roman Polanski. Vize-Direktor Andrzej Bednarek zeigt den Screening-Room, in dem Polanski mit seinen Kommilitonen in den 50er Jahren Filme angeschaut hat, "oft die ganze Nacht lang".

Eine kleine Treppe führt vom Flur hoch zu diesem Raum. "Polanski saß immer auf der siebten Stufe und trank sein Bier." Meistens hatte er es nicht selbst bezahlt. Direkt der Treppe gegenüber war eine kleine Bar. Polanski und seine Kumpels hatten die Abmachung, dass immer derjenige das Bier spendiert bekam, der von der höchsten Stufe der Treppe bis vor die Bar springen konnte.

Heute hat die staatliche Hochschule rund 350 Studierende. Das Studium dauert fünf Jahre. Für die Absolventen sieht es nicht rosig aus: Die Konkurrenz der Filmindustrie von den USA bis Indien ist hart. "Heute können wir alles sagen, was wir wollen, aber wir müssen sehen, wer es finanziert", sagt Bednarek. "Früher mussten wir vorsichtig sein, was wir sagen, aber die Zensur machte kreativ."

Michal Piernikowski blickt dagegen erwartungsvoll in die Zukunft: Für 2016 ist angepeilt, Europäische Kulturhauptstadt zu werden. Dass Polen den Zuschlag bekommt, steht fest, nur noch nicht; welche Stadt.

Auch Warschau, Breslau (Wroclaw) und Thorn (Torun) haben sich beworben. "2012 wird entschieden, wer es wird", sagt Pernikowski vom Lódz Art Center, das die Idee für die Bewerbung hatte. Er glaubt natürlich an Lódz: "Wir sind schon jetzt eine der wichtigsten Kulturstädte in Polen. Wir haben das größte Fotografie-Festival, wir haben die Fashion-Week und die größte Sammlung an zeitgenössicher Kunst. Avantgarde ist bei uns Tradition."

Gerade weil Lódz eine junge Stadt und eine Stadt im Wandel sei, hält Piernikowski die Chancen für gut: "Man muss nicht die tollste Stadt sein, wenn man zeigen kann, was sich alles ändern wird." Und in Lódz ist ja tatsächlich einiges in Bewegung.

Lódz

Reiselziel: Lódz ist die drittgrößte Stadt Polens und liegt südwestlich von Warschau.

Anreise und Formalitäten: Die Anreise ist mit der Bahn ab Berlin möglich, dauert aber mehr als sechs Stunden. Flüge gibt es bis Warschau, von dort sind es knapp eineinhalb Stunden mit der Bahn. Für die Anreise per Auto müssen ab Berlin sechs bis sieben Stunden kalkuliert werden. Für die Einreise reicht der Personalausweis.

Sprache: Polnisch. In Restaurants und Hotels wird üblicherweise auch gut Deutsch und Englisch verstanden und gesprochen.

Währung: In Polen wird mit dem Zloty bezahlt. Ein Euro entspricht rund 4,38 Zloty (Stand: Juli 2009).

Informationen: Polnisches Fremdenverkehrsamt, Kurfürstendamm 71, 10709 Berlin (Tel.: 030/210 09 20).

Andreas Heimann, dpa

Fotogalerie: Kulturstadt Lódz

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