Birma Land der goldenen Pagoden

Brutal niedergeschlagene Volksaufstände, skrupellose Militärs und verheerende Überschwemmungen - es sind meist Negativschlagzeilen, die von Birma nach außen dringen. Dabei zählt das Land mit seiner tausendjähriger Geschichte zu den faszinierendsten Ländern Asiens.

Rangun - Eine besonders mysteriöse Buddha-Figur schaut im Tempelareal von Bagan in Birma auf die Besucher nieder. Die zehn Meter hohe Statue in der Südnische des Ananda-Tempels lächelt gütig auf die Herantretenden hinab. Doch der Gesichtsausdruck ändert sich mit jedem Schritt. Wer schließlich wenige Meter vor dem riesigen Füßen den Kopf in den Nacken legt, blickt in ein tiefernstes Gesicht. Es ist ein Spiel von Licht und Schatten, das dem Auge Schnippchen schlägt und symbolisch für ein ganzes Land stehen könnte.

Im Licht steht ein Land mit mehr als tausendjähriger Geschichte und Kultur, im Schatten die Militärdiktatur, die das Land seit 1962 im Griff hat. Im Licht die Tempel und Pagoden, im Schatten die Foltergefängnisse des Regimes. Im Licht die liebenswerte und meist unaufdringliche Bevölkerung, im Schatten die Armee, die Kinder an die Waffe zwingt und Minderheiten brutal unterdrückt.

Soll man ein solches Land bereisen? Es stimmt, dass manche Hotels und Fluggesellschaften in den Händen von Schergen des Regimes sind. Doch auch tausende Taxifahrer, Buschauffeure, Reiseführer, Gärtner, Zimmermädchen und Wäscher leben von den Besuchern. "Der Kontakt mit Gästen ist eines der wenigen Tore, die wir zur Außenwelt haben", sagt ein Reiseführer.

Bunte und blinkende Lichter

Wer den weiten Weg über Bangkok oder Singapur bis in die Hafenmetropole Rangun nimmt, taucht ein in eine andere Welt. Das Land ist durch und durch vom Buddhismus geprägt. Davon zeugen unzählige Buddha-Statuen: liegend, stehend, winzig bis viele Meter groß und Prachtbauten wie das Paradestück in Rangun, die Shwedagon-Pagode. Mit ihrem 100 Meter hohen goldenen Stupa ist sie das Wahrzeichen der Stadt. Am Spätnachmittag ist dort der meiste Betrieb. Die Menschen sind im Gebet oder bei rituellen Waschungen von Hunderten Buddha-Statuen zu sehen. Viele der größeren Exemplare sind mit bunten und blinkenden Lichtern verziert, die an Heiligenschreine erinnern.

Eine besondere Atmosphäre schafft der helle Klang von tausend Glöckchen und der tiefe Ton von Gongs. "Wer dreimal schlägt, tut dies für Buddha, seine Lehre und seine Anhänger. Wer fünfmal schlägt, bezieht seine Eltern und Lehrer mit ein", erklärt der Reiseleiter. "Jeder, der schlägt, und jeder, der hört, bekommt etwas von den Meriten ab, die man damit für das nächste Leben verdient."

Gelassen wechseln die Menschen in Minutenschnelle zwischen Gebet und Alltagsleben - wie der junge Mann mit weißem Hemd und ernster Miene, der einem Touristen, der auch mal einen Gong schlagen will, einen US-Dollar abknöpft. Er stand zufällig da, als der Tourist sich fragend umschaute und nutzte die Gunst der Stunde. Gongschlagen darf jeder - und Wächter, die Geld verlangen, gibt es nicht.

Buddhas und Breakdance

Ranguns Markt in Chinatown ist mit seinen Farben und Aromen ein Fest für Auge und Nase. Fische werden auf Tabletts präsentiert, Fleisch auf Holzböcken, Gemüse aller Art und die grünen Päckchen, die Männer sich mit Vorliebe in die Wange schieben. Es handelt sich um Betelnuss - das Kauen soll Darmwürmer abtöten und Verdauungssäfte fördern. Und den Speichelfluss: überall in Birma sind alle paar Meter auf dem Boden blutrote Flecken zu sehen - das genussvolle Ausspucken des Saftes gehört zum Mann-Sein dazu. Die grünen Päckchen werden frisch zubereitet. Auf das grüne Blatt kommt Kalk, darauf Krümel der Betelnuss, je nach Geschmack Anis oder Pfefferminz und Kautabak. So mancher Tourist erschrickt beim ersten Mal, wenn ihn ein Betel-Kauer freundlich angrinst und seine blau gefärbten Zähne zeigt.

Schon am frühen Morgen ist auf den Straßen viel los. Die Frauen balancieren die ersten Einkäufe auf dem Kopf vom Markt nach Hause. Am Kandawgyi-See wird gejoggt, gewalkt, gespielt - fünf Teenager legen beim Sonnenaufgang schon eine Breakdance-Show mit Ellbogenstand am Treppengeländer hin. Ein paar Straßen weiter sortieren unter der Reklametafel "Supermacht" Zeitungsausträger ihre Ware. Die Titel sind vielversprechend: "Flower News" zum Beispiel. Das Spannendste, was die staatlich kontrollierte Presse aber auf Seite eins präsentiert, sind Schlagzeilen wie "Neue Brücke in Provinz XY eingeweiht".

Mandalay liegt rund 700 Kilometer nördlich von Rangun. In der Stadt gibt es die neben der Shwedagon-Pagode wichtigste Pilgerstätte der Birmanen, die Mahamuni-Pagode. Der sitzende Buddha ist vier Meter hoch, aber unterhalb des Kinns zu einem unförmigen Klumpen aus Gold degeneriert. Das kommt, weil die Besucher ihre Verehrung seit mehr als 150 Jahren mit dem Aufkleben hauchdünner Goldplättchen zeigen.

0,000127 Zentimeter dicke Goldplättchen

Auf der Plattform herrscht reges Treiben. Die Frauen geben ihre Opfergabe dem alten Mann, der mit einem langen Besenstil durch die Menge läuft. Oben dran ist eine Box für die Goldplättchen - fünf kosten einen US-Dollar, Birmas inoffizielle Zweitwährung. Den Buddha dürfen nur Männer anfassen. "Eine Verordnung der Tempelbehörde", sagt der Reiseführer. "Buddha diskriminiert nicht." Auf der Seite sind Fotos von Junta-Chef General Than Shwe, der hier auch schon Gold anklebte. Das Bild mit seiner Frau ist voller Taubenkot.

Früher haben Herrscher kiloweise Gold gegeben, um sich Denkmäler zu setzen. Auch Junta-Generäle vergolden gerne Pagodenspitzen, um sich zu verewigen. "Die kleinen Leute spenden das Gold, die großen heimsen den Ruhm ein", sagt ein Birmane trocken. An der Mahamuni-Pagode sind auch arme Spender willkommen.

Das Gold, das wie ein Abziehbild aufgeklebt wird, ist hauchdünn - eine Kunst, die die Birmanen zur Meisterschaft getrieben haben. In Schwerstarbeit lassen junge Männer in den Werkstätten in Mandalay ihre Hämmer auf Goldstücke in dick verpackten Paketen sausen. So wird der Inhalt immer flacher. "Wir machen aus einem 32 Gramm-Goldblock viermal 720 Plättchen", sagt ein Goldhändler stolz. "0,000127 Zentimeter dick."

Baumwollfelder und Pagoden

Mandalay ist traditionell auch das Bildungszentrum Birmas. In dieser Tradition hat Abt U Nayaka im Jahr 1993 die Klosterschule Phaung Daw Oo (PDO) mit heute 7000 Schülern gegründet. "Hier können Kinder fröhlich lernen, ohne zu bezahlen", steht auf einem Schild an der Wand. Die Schule wird vom deutschen Förderverein Myanmar und der Studiosus Foundation des gleichnamigen Reiseveranstalters unterstützt. Besucher sind willkommen. Auf dem Schulgelände gibt es eine große Küche zur Speisung aller, Werkstätten für die Ausbildung und Internatsunterkünfte für Mädchen und Jungen. "Abt U Nayaka nimmt jeden auf, der kommt", erzählt eine junge Lehrerin.

Das echte Buddha-Paradies ist Bagan mit seinen 2700 Pagoden, ein Weltwunder vom Kaliber der kambodschanischen Tempelanlagen in Angkor Wat. Bis Anfang der 90er Jahre wohnten in Alt-Bagan zwischen den Tempeln noch Leute in ihren Hütten. Die Militärbehörden verscheuchten sie, "um die Bauten zu schützen", wie es hieß. Heute liegen dort in bester Lage am Irrawaddy-Fluss einige der schönsten Hotelanlagen, teils mit Pagoden auf dem Grundstück.

Auf dem Markt in Neu-Bagan taucht der Besucher wieder mitten ins Leben ein, und wer nicht aufpasst, wird schnell zum "Ehren-Birmanen". Das passiert mit einem Anstrich Thanaka im Gesicht, den vorwitzige junge Frauen hier gerne als "Geschenk" austeilen, um dann als Gegengeschenk einen Dollar zu verlangen. Thanaka ist eine helle Paste aus Baumrinde, die sich vor allem Frauen und Kinder auf Wangen und Stirn schmieren. Das soll kühlen und eine seidenweiche Haut machen.

Das Kloster der eingesperrten Nats

Es gibt auch "Weisheit" auf diesem Markt. Ein junger Mann erklärt, gefragt nach dem Geheimnis der tief schwarzen Haare selbst bei älteren Semestern: "Haare sind in jungen Jahren schwarz, um die Wärme der Sonne anzuziehen, das Gehirn braucht die Energie, um zu gedeihen. Wenn die Haare grau werden, ist das ein Zeichen, dass genug gespeichert ist", erklärt er ernst. "Wie beim Sehen: wer im Alter weitsichtig wird, hat einfach genug im Leben scharf gesehen."

Am beschaulichsten erkundet man die Pagoden zwischen Baumwollfeldern und auf sandigen Wegen mit Pferdekutschen. Hinter jeder Pagode verbirgt sich eine spannende Geschichte. Da ist die massivste, der Dhammayangyi-Tempel. König Narathu, der sie 1167 bauen ließ, war ein strenger Bauherr: Wenn er zwischen zwei Steine eine Nadel stecken konnte, war das für den Maurer das Todesurteil, heißt es.

Und da ist Natlaung Kyaung, der einzige rein hinduistische Tempel aus dem 10. Jahrhundert. Sein Name bedeutet "Kloster der eingesperrten Nats" und deutet auf die Legende, dass ihr Erbauer den birmanischen Glauben an die Nats - böse und gute Geister - unter Kontrolle bringen wollte, indem er einen Tempel für sie baute.

Und es gibt den Ananda-Tempel aus dem Jahr 1105, mit dem mal freundlichen, mal ersten Buddha. Wer aus dem Südtor des Tempels geht und noch mal über die Schulter schaut, wird nur den gütigen und freundlichen Blick in Erinnerung behalten.

Praktische Reisetipps

Anreise und Formalitäten: Flüge nach Birma gibt es unter anderem über Bangkok, Singapur oder Kuala Lumpur mit Fluggesellschaften wie Thai Airways, Singapore Airlines und Malaysia Airlines. Für die Einreise wird ein Touristen-Visum benötigt. Zu beantragen ist es bei den birmanischen Botschaften oder über Reiseveranstalter.

Klima und Reisezeit: Birma hat drei Jahreszeiten: kühl, heiß und nass. Die beste Reisezeit ist zwischen November und Februar. Dann liegen die Temperaturen bei 20 bis 30 Grad. Abends und nachts kann es empfindlich kalt werden. Zwischen März und Mai kann es vor allem im Norden bis 45 Grad werden. Von Mai bis Oktober regnet es viel.

Geld: Die lokale Währung heißt Kyat. Zum Umtauschen braucht man US-Dollar, am besten 50- und 100-Dollar-Noten. Es werden nur bestens erhaltene Noten ohne Knicke akzeptiert. Der offizielle Wechselkurs ist unvorteilhaft, Reiseleiter "helfen" aber gerne beim Umtausch. Kreditkarten und Reiseschecks werden nur ganz vereinzelt akzeptiert.

Technik: Die elektrische Spannung beträgt 220 Volt, Steckdosen funktionieren oft wie in England. Internetcafés sind weit verbreitet. Ausländische Handys funktionieren nicht.

Kristina Rich, dpa

Bilderstrecke: Faszinierendes Birma

Mehr lesen über Verwandte Artikel