Korsika Die Schönste im Meer

Wilde Klippen, kleine einsame Buchten und weite feine Sandstrände: Dass Korsika wunderschön ist, wussten schon die Griechen. Sie nannten die Mittelmeerinsel "Kalliste", die Schönste. Auch abseits der Strände geizt das Eiland nicht mit Reizen - sofern man nicht im Nebel stecken bleibt.

Calvi - Jeder Schritt knirscht. Die Füße suchen Halt auf dem steinigen Untergrund. Vögel zwitschern. Sonst ist nur das Pfeifen des Windes zu hören. Eine spärliche orangefarbene Markierung zeigt den Weg auf Cap Corse. Die Landzunge oberhalb von Bastia im Nordosten von Korsika, über dessen Flughafen die meisten Deutschen die Insel betreten, weist wie ein Zeigefinger Richtung Norden über das Meer zur einstigen Schutzmacht Genua.

Jede Kurve des Höhenwegs um die Halbinsel gibt dem Wanderer atemberaubende Aussichten frei, bei klarem Wetter bis zur italienischen Küste, die näher liegt als das politische Mutterland Frankreich. In der Ferne blitzt Schnee in der Sonne. Etwa 50 Berge ragen auf Korsika mehr als 2000 Meter in den Himmel, Grund genug für den französischen Schriftsteller Guy de Maupassant (1850-1893), für die Insel den Begriff "Gebirge im Meer" zu prägen.

Auch die 40 Kilometer lange, zwischen 12 und 15 Kilometer breite Landzunge Cap Corse durchzieht ein Gebirgskamm bis zu 1324 Meter hoch. Wanderer begnügen sich meist mit dem zweithöchsten Gipfel (1307 m). Vom Monte Stello sei das Meer auf beiden Seiten zu sehen, motiviert Eric Herment beim Aufstieg. Mindestens auf einer Seite sei gute Sicht, schränkt der Wanderführer von "Objectif Nature" ein, als sich plötzlich die Sonne verfinstert und der Wind Nebelschwaden heranschiebt.

Macchia und Nebbio

Rund um die Inselspitze führt der ehemalige Zöllnerpfad. Eine schöne Tagestour, schwärmt Eric, vorausgesetzt, man verlaufe sich nicht im Nebel. Dem Nebbio - Nebel - verdankt eine ganze Region ihren Namen. Schon die Römer bezeichneten so ihren Handelsplatz an der steilen Westküste des korsischen "Zeigefingers" bei der Aliso-Mündung. Die heutige Hafenstadt Saint Florent geht auf eine genuesische Gründung zurück. Beliebt ist die Kaprundfahrt über 100 Kilometer bis Bastia im Osten und für Biker eine sportliche Herausforderung.

Eine bunte fremde Vegetation sorgt für Farbtupfer zwischen dem teilweise unwegsamen Macchia-Gesträuch. Zwölf Prozent der 2000 Pflanzenarten Korsikas seien endemisch, erklärt der Wanderführer, sie gibt es also nur hier. Der Korse allerdings stehe der herrlichen Landschaft ziemlich gleichgültig gegenüber. Er musste die Bergwelt bezwingen, um zu überleben, nicht zur Freizeitgestaltung.

Unterwegs zeugen ehemalige Eiskeller mit eingestürzten Dächern vom harten Leben der Bevölkerung. Rucksäcke seien nur etwas für Touristen, spotten die Einheimischen. Der Tourismus entwickelt sich entsprechend langsam - ein Glück für die, die die Einsamkeit lieben. Eric trägt einen Rucksack mit Wasservorräten und Picknickzutaten. Er stammt aus Paris. Gerastet wird dort, wo ein Schafhirt Steine zum Schutz seiner Tiere und für sich aufgeschichtet hatte. Ein paar Kühe beäugen das Picknick argwöhnisch.

Kühe am Strand

Kühe stehen auf Korsika mitunter auch am Strand. Denn kleine einsame Buchten, weite feine Sandstrände und wilde Klippen wechseln sich an den Küsten ab. Ein mehrere Kilometer langer Badestrand mit flachem Wasser für Familien und anderen Wassersportmöglichkeiten macht Calvi zu einem der beliebtesten Badeorte der Insel.

Für Abwechslung sorgen Bootsausflüge zum nahen Naturschutzgebiet und die Flaniermeile mit unzähligen Shops und Restaurants. Obwohl die berühmte Weinregion Patrimonio nahe liegt, gibt es hier auch korsisches Bier. Seit nunmehr 15 Jahren wird "Pietra" aus Wasser, Malz und Kastanienmehl gebraut.

Wahrzeichen der "immer getreuen" Küstenstadt Calvi ist ihre wehrhafte Zitadelle auf einem Granitfelsen, rund 80 Meter über dem Meer. Der Treueschwur "Civitas Calvi semper fidelis" steht über dem einzigem Zugang mit Zugbrücke und Fallgitter. Tatsächlich stand Calvi über 500 Jahre immer treu zu Genua und wurde erst 1796 als letzte Stadt Korsikas zu Frankreich geschlagen. Auch im 15. Jahrhundert gehörten die Calvesen zur Seerepublik Genua. Eine Büste von Christoph Kolumbus (1451-1506) untermauert den Anspruch der Stadt, Geburtsort des Entdeckers Amerikas zu sein.

Korsika - für die Phönizier die "Bewaldete", für die Griechen "Kalliste", die Schönste - war durch die strategisch wichtige Lage im Mittelmeer immer Ziel von Eroberern. Es gab sogar einen deutschen König, wenn auch nur für ein paar Monate. Für den westfälischen Glücksritter und Abenteurer Baron Theodor von Neuhoff (1694-1756) wurde 1736 eigens ein korsischer Thron geschaffen. Nur unter dem Nationalhelden Pasquale Paoli (1725-1807) war die Insel von 1755 bis 1769 unabhängig und Corte kurzzeitig offizielle Hauptstadt der korsischen Nationalregierung.

Bis heute ist die Stadt im Zentrum der Insel nicht nur geografischer Mittelpunkt, sondern heimliche Hauptstadt. Sechs Zitadellen gibt es auf Korsika. Alle liegen an der Küste, nur die von Corte im Landesinneren auf einem 100 Meter hohen Felssporn über dem Zusammenfluss von Travignano und Restonica. Die alte Oberstadt mit engen Gassen und Treppen und historischen Häusern ist erfüllt von jungem Leben. Die 1765 von Paoli gegründete einzige Universität der Insel hat heute 4000 Studenten. Paoli war Vorbild für Napoleon Bonaparte (1769-1821). Der berühmteste Korse kommt allerdings aus Ajaccio im Süden, der heutigen Hauptstadt.

Wer in Korsika nur ein Badeziel mit Sonnenstrand sieht, unterschätzt die Insel. Zugleich führt ein dichtes Netz von Wanderwegen durch die Berglandschaft mitten hinein ins ursprüngliche Inselleben. "Kommen Sie zu Fuß, per Mountainbike oder hoch zu Ross, aber im Galopp", fordert eine Imagebroschüre.

Reiseziel Korsika

Reiseziel: Die rund 8500 Quadratkilometer große Insel Korsika im westlichen Mittelmeer liegt 170 Kilometer von der französischen und knapp 100 Kilometer von der italienischen Küste entfernt. Zur Insel Sardinien im Süden sind es 15 Kilometer. Von den rund 260.000 Einwohnern leben zwei Drittel an der Küste.

Mit nahezu 50 Gipfeln über 2000 Metern (der höchste 2710 m) ist Korsika die gebirgigste aller Mittelmeerinseln. Klima und geografische Lage bieten viele Gelegenheiten zu Freizeitaktivitäten vom Baden bis zum Skifahren im Hochgebirge - Yachting, Tauchen, Segeln und Motorbootfahren, Wassersport, Wildwassersport, Reiten und Wandern.

Anreise: Wichtige Eintrittsportale per Flugzeug und Schiff sind Bastia, Calvi und Ajaccio.

Reiseführer: Der Michael Müller Verlag hat 2009 eine vollständig überarbeitete Ausgabe mit historischen Hintergründen, praktischen Tipps, Übersichtskarten und Wanderrouten auf den Markt gebracht. Zum aktuellen Baedeker-Reiseführer gehört eine große Inselkarte.

Weitere Informationen: Französisches Fremdenverkehrsamt, Atout France, Postfach 100128, 60001 Frankfurt am Main, Tel.: 09001-570025, Fax: 09001-599061 (0,49 Euro/Min. aus dem deutschen Festnetz)

Cornelia Höhling, ddp

Korsika: Panorama-Wanderung durchs Meergebirge

Mehr lesen über Verwandte Artikel