Engadin Kunst trifft Berg

Abstraktes in der Alpenidylle: Mitten in der Oberengadiner Bergwelt thront ein weißer Kegel aus Marmor. Das Kunstwerk auf dem Muottas Muragl irritiert zwar die Wanderer - zeigt aber auch, wie hoch die Engadiner ihre Kultur schätzen.
Von Thomas Heinloth

Was ist das? Eine Markierung für die Pistenraupe? Wegweiser für orientierungslose Wanderer? Etwas, was ein Bautrupp hier vergessen hat? Wer an der Bergstation Muottas Muragl aus dem schrägen Abteil der Standseilbahn klettert, 2456 Meter näher am Himmel, atemlos in der dünnen Höhenluft und berauscht von weiten Blick nach unten, steht vor einem Bilderrätsel: Ins Fototapeten-Bergwelt-Panorama ragt, so unübersehbar wie seltsam sinnfrei, ein großer Kegel wie ein steinernes Stehaufmännchen, akkurat verdübelt mit dem granitharten Boden.

Was vernagelt einem hier die Sicht? Eine Rentnergruppe debattiert, und ein verstörter Besucher aus Fernost umkreist das Hindernis, nestelt an der Kamera und scheint sich zu fragen: draufhalten oder drum herum fotografieren? Richtig wäre: draufhalten. Und keine Sorge: Es ist nur ein bisschen Kunst.

Mit dem "Tropfen" des Bildhauers Timo Lindner hat sich die brave Rhätische Bahn eine kleine Extravaganz geleistet. Die vier Meter hohe Skulptur aus Naturstein, Mörtel und weißem Marmor, die wassertropfengleich über dem Tal thront, soll das Gletschereis der Gipfel gegenüber symbolisieren, sagt sein Erschaffer Lindner, und gleichsam "Bergbesucher irritieren".

Symbolismus passt zu Apfelkuchen

Dabei ist es nicht das erste Mal, dass aus der Gegend um die Bergstation des Mouttas Muragl eine Freiluftgalerie wird. Erst vor zwei Jahren pflanzte eine lokale Künstlergruppe im Auftrag der Bergbahn-Gesellschaft Hunderte buntgestreifte Holzlatten auf den benachbarten Schafberg - dorthin, wo schon lange Kunst auf Berg trifft.

Denn wer sich in Richtung Süden aufmacht und zwei Stunden durch baumfreie, karge Hochgebirgslandschaft geht, vorbei an einem Ozean flechtenüberzogener Schieferplatten, Wasserfällen und beinahe provokanten Murmeltieren, der kommt zur Segantini-Hütte. Hier hat ihr Namensgeber lange gelebt, hier ist er in einer Septembernacht 1899 gestorben.

Giovanni Segantini hat den Schweizer Alpen ein Gesicht in Öl gegeben, und kaum ein Ort erschien ihm dafür besser geeignet als das kleine Feldsteinhaus auf dem Schafberg: ein Logenplatz vor dem, was sie hier "Festsaal der Alpen" getauft haben, eine Kulisse wie gemalt: Nach dem tiefblauem Himmel greifen der Piz Palü und die Bernina-Spitze, darunter liegen dunkelgrün das Rosegtal und in Mint die Seenkette von St. Moritz bis zum Maloja. Berühmt geworden ist Segantini vor allem mit der Leuchtkraft seiner Bilder. Wer wissen will, wo der Symbolist sein ganz besonderes Licht fand, muss auf den Schafberg. Viele aber kommen vor allem wegen Susannes Apfelkuchen.

Sterne-Haus mit eigenem Kunstführer

Die Segantini-Hütte hat sie mit ihrem Mann Angelo vor ein paar Jahren gepachtet, jetzt versüßt sie kulturinteressierten Bergwanderern Kunstgeschichte mit Selbstgebackenem. "Die meisten", sagt sie, "wollen beides." Bei Susanne legen sie die Wanderstöcke aus der Hand, sitzen neben Edelweiß und Margeriten auf der Terrasse, blicken auf das Motiv von Segantinis Alpen-Triptychon und lassen sich die Anekdote erzählen, wie der Maler im Winter den Ofen nach draußen zur Staffelei schleppte, damit die Farben flüssig blieben.

Vor dem Weg ins Tal stoßen sie noch an auf den Berg und auf die Kunst mit Angelos Spezialmischung "Murmeltierfurz": Kräuterlikör mit Sahnehäubchen. "Segantini", sagt Angelo, "wäre süchtig danach gewesen." Segantini war vor allem süchtig nach dem Engadin, und nicht nur er: Maler, Bildhauer, Fotografen hat das kleine Stückchen Schweiz mit dem ganz großen Auftritt immer angezogen. Und immer mehr Gäste sind neugierig auf das, was daraus entstanden ist. Die Museen und Galerien in St. Moritz haben jetzt auch im Sommer auf. Das altehrwürdige Hotel Saratz in Pontresina hat jüngst eine Skulpturen-Ausstellung mit 80 Werken eröffnet.

Und die Fünf-Sterne-Konkurrenz vom Kronenhof ist stolz darauf, das einzige Hotel der Schweiz zu sein, das sich einen eigenen Kunstführer leistet. Der erklärt den Gästen die byzantinisch-romanischen Fresken in der Marien-Kirche, kennt die Textstellen von Nietzsche, Hesse und Tucholsky über das Engadin und er weiß, wo Giovanni Segantini seine letzte Ruhe fand: auf dem Dorffriedhof von Maloja, neben seiner Frau, unter Lupinen und einem Stück Marmor, das festhält: "Kunst und Liebe besiegen die Zeit".

Heidis Spielzeugwunderland

Am Friedhof entlang führt der Segantini-Weg, der in zwölf Stationen des Malers Motiven folgt, von der Dorfmitte Malojas bis zum Silser See. Wer hier den Ort verlässt und aufsteigt Richtung Blaunca, steht bald in der wohl heilsten aller Schweizer Welten: Mitten in einer konfettibunten Blumenwiese liegt, zwischen Akelei und Türkenbund, Frauenschuh und gelbem Mohn, Grevasalvas, wo 1952 Luigi Comencini Heidi und den Geißenpeter vor die Kamera bat.

Viel kann sich seitdem in der Handvoll schindelgedeckter Häuser nicht getan haben, nur eines ist neu: Auf dem grünen Anger sitzt jetzt eine Gruppe Kulturwanderer und genießt vor der Brotzeit eine Lesung, hört, wie ihr Bergführer aus Johanna Spyris Buch die Passage liest, in der sich Heidi im fernen Frankfurt zurücksehnt nach der Schweiz: "So saß Heidi täglich da und hatte alle Zeit, sich auszudenken, wie nun die Alm wieder grün war und wie die gelben Blümchen im Sonnenschein glitzerten und wie alles leuchtete rings um die Sonne, der Schnee und die Berge und das ganze weite Tal."

Und unten im weiten Tal fährt die rote Rhätische Bahn am grünen See vorbei, im dem sich der blaue Himmel und der weiße Schnee spiegeln. Ein Spielzeugwunderland, unwirklich wie eine nachkolorierte Kitsch-Postkarte, tatsächlich echt und trotzdem kaum auszuhalten. Aber wer weiß: Vielleicht kommt ja bald ein junger Bildhauer, setzt ein steinernes Stehaufmännchen mitten in die Landschaft und macht aus der heilen Heidi-Welt kurzerhand eine Galerie.

Fotostrecke: Das Engadin als Kunstrevier

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