Ivy League für Touristen Malerische Bildungstempel

Nicht nur Studenten lassen sich von den ehrwürdigen Gebäuden und Bräuchen amerikanischer Traditionsunis beeindrucken. Auch für Touristen ist eine Campustour interessant, die zu kathedralenartigen Bibliotheken, glücksbringenden Denkmälern und hinter schmiedeeiserne Tore führt.

Cambridge/New Haven - Sie sind die Besten der Besten: So sehen sich die Hochschulen an der US-Ostküste, die in Amerika als Ivy League zusammengefasst werden, gerne selbst. In Ranglisten schneiden sie trotz aktueller Finanzprobleme stets herausragend ab. Doch nicht nur Studierenden und Professoren haben die "Ivies" viel zu bieten - auch Touristen kommen bei einem Besuch auf ihre Kosten.

Brown in Rhode Island, Cornell in Ithaca im Staat New York, Princeton in New Jersey, Dartmouth bei Hanover in New Hampshire und Yale in New Haven (Connecticut) liegen idyllisch am Wasser. Ganz urban hingegen geht es zu an der Columbia University in New York, in Harvard bei Boston und an der "Penn" in Philadelphia: Sie liegen mitten im Trubel von Millionenstädten.

Der Name Ivy League fußt allerdings auf einem weit verbreiteten Irrtum. Denn er bezeichnet eigentlich nicht die Hochschulen selbst, sondern deren Football-Teams. Erfinder des Sammelbegriffs ist der Überlieferung nach Stanley Woodward, ein Sportreporter der "New York Herald Tribune". Er schrieb im Jahr 1933 von den "ivy colleges", den "Efeu-Schulen". Dieser Name kommt schlichtweg daher, dass zahlreiche Gebäude der acht Hochschulen, die überwiegend vor dem US-Bürgerkrieg (1861 bis 1865) gegründet wurden, dick mit Efeu bewachsen sind.

Lernen in der Kathedrale des Wissens

Eine der bekanntesten Ivy-League-Hochschulen ist Yale - und eines der markantesten Gebäude auf dem Campus dort ist eine Kathedrale, in der ständig Studenten ein- und ausgehen. Doch so fromm, wie es scheint, sind die "Yalies" nicht. Denn das neogotische Gebäude mit dem Turm ist kein Gotteshaus, sondern die Bibliothek. Der ursprünglich mit dem Bau beauftragte Architekt Bertram Goodhue wollte ein riesiges Gebäude errichten, das dem Staatskapitol von Lincoln in Nebraska ähnelte.

Doch Goodhue wurde abgesetzt - und dem neuen Architekten James Gamble Rogers schwebte etwas ganz anderes vor. Rogers hatte den Traum, einmal eine Kirche zu bauen. Also zeichnete er, plante Fresken, hohe Decken und 7 Stockwerke, aus denen 16 halbe wurden. Außerdem gab er rund 3300 handgemachte Fenster in Auftrag - die von Figuren aus Literatur und Geschichte bis hin zu kleinen Insekten alles zeigen, womit sich die Studenten in ihren Arbeiten befassen.

Offiziell heißt das Gebäude "Sterling Memorial Library". Denn der Yale-Absolvent John William Sterling, Advokat in einer New Yorker Kanzlei, spendete rund 29 Millionen Dollar, um die Bibliothek zu errichten. Doch wie fast alle wichtigen Gebäude auf dem Campus hat auch die Bibliothek einen Spitznamen bekommen: "Die Kathedrale des Wissens" sagen die Studenten dazu, erzählt der "Yalie" Richard Tao.

Der Amerikaner mit chinesischen Wurzeln hat ein Stipendium für sein Studium bekommen - und hätte sich aufgrund seiner Leistungen auch noch für eine andere Universität entscheiden können. "Aber ich wollte an diese Universität, weil sie einen so guten Ruf hat. Und an die Ostküste", sagt der 21-Jährige.

Hart arbeiten, viel feiern

Yale geht zurück auf rund 500 Puritaner, die ursprünglich weiter nördlich im heutigen Massachusetts siedelten und sich im April 1638 nach Süden aufmachten. Unter der Führung von Reverend John Davenport und dem Geschäftsmann Theophilus Eaton legten sie mit ihrem Segelboot am Hafen eines kleinen Nests an, das damals Quinnipiac hieß - so wie der Indianerstamm, der das Land sein Eigen nannte.

Dieser Stamm, selbst unter Beschuss der benachbarten Pequots, verkaufte das Land an die weißen Puritaner, die hier noch frommer sein wollten als in der Massachusetts Bay Colony, die sie verlassen hatten. Zwei Jahre später, 1640, hatten sich die Puritaner eingerichtet, lebten nach ihren strengen Grundsätzen und hatten den Ort in New Haven umbenannt.

Wenige Jahrzehnte später war es nach ihrer Meinung an der Zeit, ein College zu gründen, an dem Priester ausgebildet werden sollten.Die Schule wanderte durch verschiedene Orte, bis sie 1718 nach New Haven kam, wo sie bis heute eine der wichtigsten Einrichtungen ist. Ihren Namen erhielt die "Collegiate School" von einem der ersten Gönner: dem Waliser Elihu Yale. Der reiche Geschäftsmann spendete der Schule einige Waren, die zu Geld gemacht wurden, außerdem 417 Bücher und ein Porträt von König George I.

Am Wochenende geht die Post ab

Mit der Geschichte ihrer Colleges und Hochschulstädte sind die Studenten zwar heute noch vertraut. Ein Grund dafür, genau an diesen Hochschulort zu gehen, ist die Historie aber nicht. "Wir kommen nach Harvard oder nach Yale oder nach Princeton, weil diese Hochschulen uns die größten Chancen für die Zukunft bieten", sagt Adam Lathram, der in Harvard Philosophie studiert. Außerdem bieten die Hochschulen der Ivy League so manchem Landei die ersten Blicke in die Welt und die Städte Amerikas - gerade in New York, Boston und Philadelphia.

"Das ist Fluch und Segen zugleich", sagt Adam. "Denn du willst und musst studieren, um deine Leistungen zu bringen - und gleichzeitig liegt diese Riesenstadt mit all ihren Möglichkeiten direkt auf der anderen Seite des Flusses." Leiden müssen die jungen Leute aber nicht darunter - viele bleiben den Hochschulstädten verbunden und treten ihren ersten Job dort an.

Und für die Partys braucht es keine großen Städte. "Es sieht hier sehr geordnet aus - aber spätestens am Wochenende geht die Post ab", erzählt der Philosophie-Student. Und da ist es egal, ob die Gebäude von außen in hübschem Klinker daher kommen oder Holzhütten sind. Denn so ist das in Amerika, sagt Adam mit einem Schmunzeln: "Wer hart arbeitet, muss auch viel feiern."

Amerikas Liebe zur großen Symbolik

Was Touristen bei Touren durch die Hochschulen erzählt wird, dreht sich nicht selten um die ganz eigenen Bräuche und Rituale, die es an den einzelnen Universitäten gibt. Eine der schönsten Geschichten ist die von den schweren, schmiedeeisernen Toren, die nahezu immer versperrt sind. Kleine Eingänge bieten tagtäglich Zugang zum Campus.

Die Tore hingegen öffnen sich einem Studenten exakt zweimal in der vierjährigen Hochschulkarriere bis zum ersten Abschluss: "Einmal nach innen, wenn man seinen ersten Tag an der Uni hat, und einmal nach außen, wenn man den Abschluss bekommt und in die Welt hinaus geht", sagt John Smith, der an der Brown University in Providence studiert.

John erzählt dies mit großer Ehrfurcht und mit der den Amerikanern eigenen Liebe zur großen Symbolik. Die Studenten, die er über "seinen" Campus in Amerikas kleinstem Staat, Rhode Island, führt, scheinen genauso zu denken wie er: "Ich bekomme eine Gänsehaut", sagt May Kline, die eigens aus dem Mittleren Westen angereist ist, um sich das College auf den Hügeln hoch über Providence anzuschauen.

Eher witzig finden die meisten Besucher, die in Harvard an einer Campusführung teilnehmen, den Brauch der dortigen Studenten. Erst regen sich Zweifel daran, ob der gut aussehende junge Mann, der da in Bronze gegossen ist und über den Campus wacht, tatsächlich der Gründervater John Harvard ist. Dann sagt Adam, der angehende Philosoph: "Schau auf seinen Fuß." Dieser glänzt in der Sonne - und ist komplett abgewetzt. "Das ist unser Ritual", erzählt Adam. Die Studenten gehen vor jeder Prüfung am Harvard-Denkmal vorbei und reiben am Schuh der Figur - denn das soll ihnen Glück bringen.

Verena Wolff, dpa

Ivy-League-Hochschulen im Nordosten der USA

Die Ivy-League-Hochschulen liegen im Nordosten der USA in den Staaten Massachusetts (Harvard), New Hampshire (Dartmouth), Connecticut (Yale), Rhode Island (Brown), New York (Cornell und Columbia), New Jersey (Princeton) und Pennsylvania ("Penn").

Anreise: Mehrere Fluggesellschaften fliegen von Flughäfen in Deutschland täglich nach New York, Boston und Philadelphia. Von dort aus gelangen Reisende per Auto, Zug oder Bus in wenigen Stunden auch an die kleineren Hochschulorte.

Reisezeit: An der US-Ostküste ist es im Sommer meist warm und trocken. Der Winter ist in der Regel kalt und schneereich. Die schönsten Reisezeiten sind das Frühjahr und der Herbst, wenn sich die Bäume in satten Farben zeigen und die Luft klar und kühl ist.

Unterkunft: Von einfachen Hotels über Frühstückspensionen bis zu Luxushotels sind alle Arten von Unterkünften zu finden. In den kleineren Hochschulstädten gibt es auch zahlreiche "Inns", die oft auf dem Campus liegen oder nicht weit davon entfernt sind.

Informationen: Discover New England (Tel.: 08151/73 97 74); Pennsylvania Office of Tourism (Tel.: 069/25 53 82 50); New York State Division of Tourism (Tel.: 08177/998 95 06).

Internet: www.discovernewengland.org , www.visit-pa.de , http://nycgo.com , www.nylovesu.de , www.nj.gov/travel , www.brown.edu , www.columbia.edu , www.cornell.edu , www.dartmouth.edu , www.harvard.edu , www.upenn.edu , www.princeton.edu , www.yale.edu .

Fotostrecke: Die Unis der Ivy League

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