Kreuzfahrten "Es gibt keine Limits"

Kein Segment im Tourismus wächst so stark wie die Kreuzfahrtbranche. Selbst im Krisenjahr ist dieser Trend ungebrochen. Im Gespräch mit manager-magazin.de erklärt Pier Luigi Foschi, Chef der größten europäischen Kreuzfahrtreederei Costa, warum manche Passagiere noch nicht einmal wissen wollen, wohin ihr Schiff eigentlich fährt.

mm.de: In diesem Jahr laufen in Europa zehn neue Kreuzfahrtschiffe vom Stapel, und abermals geht die Branche auf Rekordjagd: Das größte, die 360 Meter lange "Oasis of the Sea" der US-Reederei Royal Caribbean International, hat 5400 Betten. Wo ist die Obergrenze?

Foschi: Die Zahlen sind sogar noch beeindruckender: Bis 2012 werden insgesamt 38 neue Schiffe den Betrieb aufnehmen, mehr als 20 davon für europäische Reedereien. Diese Schiffe wurden natürlich in einem ganz anderen ökonomischen Klima bestellt. Costa Crociere und Aida haben derzeit neun Schiffe in Auftrag gegeben, Costa fünf, Aida vier. Unsere neue spanische Tochter, Iberocruceros, bekommt ein weiteres. Am 5. Juni werden wir am gleichen Tag zwei neue Costa-Schiffe taufen, in Genua - das hat es weltweit noch nie gegeben. Eine absolute Premiere.

mm.de: Hand aufs Herz: Wie viele Schiffe hätten Sie denn bestellt, hätten Sie den ökonomischen Klimawandel geahnt?

Foschi: Wenn ich Ihnen darauf wahrheitsgemäß antworte, wirkt das wohl nicht sonderlich bescheiden: Ich hätte genauso viel bestellt. Wir glauben fest daran, dass der Tourismussektor seitens der Verbraucher immer mehr Aufmerksamkeit bekommen wird. Und was immer man an einem Ferienort sucht: Man findet es an Bord eines Schiffs. Man muss diese Tatsache nur kommunizieren und sicherstellen, dass der Verbraucher das auch versteht. Wir kommunizieren nicht genug. 98 Prozent der Kreuzfahrtkunden nicht nur meiner Firma, sondern generell der Branche, sind zufrieden. Das ist ein Resultat, das uns ermuntert, hoffnungsfroh in die Zukunft zu schauen.

mm.de: Kommen wir noch einmal auf das Größenlimit der Schiffe zu sprechen ...

Foschi: In Bezug auf Größe und Konstruktion existiert kein Limit. Man könnte riesige künstliche schwimmende Inseln bauen. Das Limit liegt weitaus eher in den Häfen - und in der Logistik. Ein größeres Schiff lässt sich natürlich wirtschaftlicher betreiben als ein kleines, man kann bessere Preise machen, aber man muss auch die Reisepläne und den zeitlichen Aufwand für die Besucherströme an und von Bord bedenken.

mm.de: Costa bewegt sich ja nicht am oberen Ende der Skala. Ihre größten Schiffe haben 3780 Betten.

Foschi: Wir sind da an andere Grenzen gebunden. Wir bewegen uns im Mittelmeerraum. Aber unsere Schiffe sind ja nicht klein. Der Markt für Kreuzfahrten ist ein Massenmarkt geworden; kleine, sehr exklusive Schiffe sind nicht mehr so gefragt. Die Leute wollen etwas anderes - das heißt aber nicht, dass wir etwas Billiges anbieten würden. Kreuzfahrten sind ja immer noch sehr hochwertige, luxuriöse Produkte.

mm.de: Wie lange im Voraus werden Schiffe geordert?

Foschi: Für ein komplett neues Schiff, einen Prototyp, braucht man mindestens 36 Monate. Wenn es kein Neuentwurf ist, zwischen 18 und 24 Monate. Wenn man also ein Schiff bestellt, macht man das mindestens zwei Jahre im Voraus.

"Die Evolution der Schiffe schreitet voran"

mm.de: Wodurch unterscheiden sich die Schiffe, die Sie vor zehn Jahren bauen ließen, von denen, die Sie heute ordern?

Foschi: Die Evolution der Schiffe schreitet stetig voran. Das betrifft die Innenarchitektur, die Gesellschaftsräume, die Unterhaltungsangebote. In 15 Jahren wird es auch diese Schiffe immer noch geben, aber die dann neuen Schiffe werden noch mehr Features bieten.

mm.de: Seit Sie 1997 CEO wurden, haben Sie in zehn Jahren den Umsatz von Costa Crociere nahezu vervierfacht, von 535 Millionen 1997 auf zwei Milliarden Euro 2007. Wie viel gibt der Markt noch her?

Foschi: Wenn man sich den Durchdringungsgrad von Kreuzfahrtreisen im Tourismussektor anschaut, kann man sich fragen, ob es überhaupt ein Limit gibt. Nordamerika zum Beispiel ist für Kreuzfahrten ein besser entwickelter Markt: Aber nur 3 Prozent der nordamerikanischen Bevölkerung leisten sich jedes Jahr eine Kreuzfahrt. In Europa sind es nur 1,5 Prozent.

Aber das Potenzial ist hier gleich oder größer als in Amerika: Wir haben viel mehr Urlaubstage - und wir fühlen uns nicht schuldig, wenn wir Urlaub machen. Wenn wir also nur den Anteil anpassen wollen, müssten wir heute schon die Flotte verdoppeln. Wo also sind die Grenzen? In den nächsten zehn, fünfzehn Jahren sind sie sicherlich noch längst nicht erreicht. Das Potenzial ist enorm. Und bedenken Sie: 80 Prozent der Erdoberfläche sind von Wasser bedeckt. Es gibt keine Limits.

mm.de: Wie sehr ist Ihr derzeitiges Geschäft von der Finanzkrise in Mitleidenschaft gezogen?

Foschi: Einige Effekte sind da. Wir müssen die Struktur dieser Krise begreifen. Auf der einen Seite sind da die Verbraucher: Die Kaufkraft sinkt, das spürt auch die Tourismusindustrie. Auf der anderen Seite wird es für uns als Unternehmen schwieriger; Geldgeber für neue Projekte zu finden. Wir müssen also zunächst über den Preis gehen, um Kunden anzuziehen. Ab einem bestimmten Preis ist die Nachfrage da, und die Kunden kommen.

Carnival, unsere Mutterfirma, ist die größte Reederei der Welt - wir bedienen 50 Prozent des Marktes. Und wir sind stark. Stärker als die anderen. Wir sind nicht glücklich über die Krise, aber unsere finanzielle Basis stimmt. Wir sind überzeugt, dass wir gut durch diese schwierige Zeit kommen werden.

mm.de: Wo liegen die Märkte der Zukunft?

Foschi: In einigen Jahren könnte das Asien sein, im Besonderen China. Dort waren wir als erstes Kreuzfahrtunternehmen Pionier am Markt. Osteuropa könnte eine gute Quelle für Kunden werden. Aber der Großteil unserer Klientel wird immer noch aus westlichen Ländern kommen. Nordamerika, Europa - dort ist das Geld. Und die große Mehrheit in diesen Ländern ist noch nie auf einem Kreuzfahrtschiff gereist. Das ist also immer noch unser größter Wachstumsmarkt. Aber auch Indien und Südamerika könnten in Zukunft eine größere Rolle spielen.

"Einfach nur Spaß haben"

mm.de: Kann das gleiche Schiff die Bedürfnisse von Passagieren aus ganz unterschiedlichen Ländern befriedigen? Ein Chinese hat doch sicherlich andere Wünsche als ein Amerikaner oder Deutscher.

Foschi: Sie wären überrascht. Aida zum Beispiel deckt vor allem den deutschen Markt ab, mit deutscher Crew und auf die deutsche Klientel zugeschnittenen Angeboten. Costa ist das genaue Gegenteil. Das ist die internationalste Kreuzfahrtgesellschaft der Welt. Wir bedienen 120 verschiedene Nationalitäten. An Bord werden fünf Sprachen gesprochen. Und das Produkt - die Unterhaltung, das Essen, die Musik, die Reisepläne - sind darauf ausgerichtet, diese internationale Klientel gleichermaßen zufriedenzustellen, auf dem gleichen Schiff. Und mit diesem Konzept sind wir die Nummer eins in Europa geworden.

Und Sie müssen bedenken: Eine Kreuzfahrt ist kein Einzelprodukt. Es ist eine Kombination von Schiff, Schiffsgröße, Jahreszeit und Reiseplan. Das gleiche Schiff kann im Winter eine völlig andere Klientel anziehen als im Sommer. Das Produkt ist sehr flexibel.

mm.de: Hartwig Rost, Deutschland-Chef der Reederei MSC, sagte jüngst, das Schiff selbst werde immer mehr zum Reiseziel: Etwa die Hälfte der Kreuzfahrtpassagiere würden es nur noch sporadisch verlassen und gar nicht alle Landausflüge mitmachen. Auf der anderen Seite werden immer mehr Kreuzfahrten mit Abenteuercharakter angeboten - Antarktisexpeditionen und dergleichen. Gibt es einen Haupttrend?

Foschi: Nein. Es gibt keinen Haupttrend. Wir müssen flexibel sein und ganz verschiedene Produkte anbieten. In Brasilien zum Beispiel wissen die Passagiere meist noch nicht einmal, wohin das Schiff eigentlich fährt.

mm.de: Ist nicht Ihr Ernst.

Foschi: Ich scherze nicht. Wirklich. Es ist ihnen egal. Sie wollen einfach nur Spaß haben, und die Damen wollen ihren Schmuck in einer sicheren Umgebung zeigen - an Land ist das dort nicht ohne Weiteres möglich. Sie gehen erst morgens um zwei Uhr ins Bett und wachen mittags um zwölf auf. So verbringen sie ihren Urlaub an Bord.

mm.de: Warum verlässt das Schiff dann überhaupt noch den Hafen?

Um das Gefühl einer Seereise zu haben. Aber die Gäste bleiben eben lieber an Bord. Das ist doch auch okay so. Manche Leute wollen Abenteuer erleben, andere betrachten das Schiff selbst als Reiseziel. Und alle kommen wieder.

"Weit weg von jedem Schiff"

mm.de: Sie führen knapp 20.000 Mitarbeiter. Die meisten davon sind permanent auf See. Braucht man dafür andere Führungsqualitäten, andere Strukturen als für ein Unternehmen, das sein Geschäft an Land betreibt?

Foschi: Ja. Vor allem muss das Kommunikationssystem stimmen. Und zwar in beide Richtungen. Es ist eine sehr komplexe Aufgabe, unter solchen Umständen Standards zu definieren und einzuhalten. Wir sind ja in der Serviceindustrie. Unsere Produkte werden von Hand serviert und sind hoch emotional besetzt. Der Schlüssel zu allem ist die richtige Kommunikation. Man muss die richtige Technik haben, um für Leute sichtbar zu sein, die weit entfernt ihrer Arbeit nachgehen - und die richtige Technologie. Costa zum Beispiel hat einen internen Fernsehkanal, um die Crews an Bord der Schiffe über neue Entwicklungen in der Firma zu informieren.

mm.de: Wie bewerten Sie das Problem der Piraterie, das ja immer mehr im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit steht?

Foschi: Das betrifft vor allem die Region am Horn von Afrika. Dort patrouillieren europäische Streitkräfte. Da geht es aber nicht wirklich um Kreuzfahrtschiffe - die Piraten sind eher auf Handelsschiffe aus, weil die langsamer sind und außerdem viel niedriger im Wasser liegen. Wir nehmen das Problem ernst, aber die Bedrohung für Kreuzfahrtschiffe ist relativ gering.

mm.de: Müsste man nicht doch darüber nachdenken, bestimmte Regionen einfach zu meiden?

Foschi: Wir können die Welt nicht verändern. Die Geografie liegt nun einmal fest; für bestimmte Ziele muss man durch bestimmte Passagen, oder man fährt eben gar nicht hin. Aber wenn wir eine Gefahr für unsere Kunden sähen, würden wir bestimmte Routen natürlich nicht mehr befahren. Und ob die Kunden selbst etwas für gefährlich halten, sehen wir ja an den Reservierungen.

mm.de: Wo verbringen Sie eigentlich Ihren Urlaub?

Foschi: Weit weg von jedem Schiff.

mm.de: Warum das denn?

Foschi: Wenn ich an Bord eines meiner Schiffe gehe, ist das kein Urlaub. Auf unseren Schiffen kennt mich jeder, ich sehe alles, ich kann mich nicht entspannen. Wenn ich aber keine Kreuzfahrt meiner Firma mache, müsste ich ein Angebot wahrnehmen, das weniger großartig ist.

Aber im Ernst: Einmal im Jahr mache ich eine Kreuzfahrt, suche den Kontakt zu Passagieren und schaue mir unsere Produkte an, um auf neue Ideen zu kommen. Ansonsten bin ich privilegiert, weil ich an einem Ort am Meer lebe, an dem andere Leute Urlaub machen. Warum also sollte ich wegfahren?

Fotostrecke: Costas neue Kreuzfahrtriesen

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