Donaukreuzfahrt Der wilde Osten

Seerosenbewachsene Teiche, verschlungene Kanäle, Badeorte mit Ostblockcharme, Touristennepp und Großstadtflair. Wer eine Schiffsreise auf der Donau vom Delta bis nach Budapest unternimmt, dem ist Abwechslung gewiss. Eine Expedition in Europas wilden Osten.

Konstanza/Belgrad - Die Dame in Orange lässt frustriert die Kamera sinken. "Wir sind zu spät gekommen", sagt sie. Es ist 8.30 Uhr, ein strahlender Morgen im Donaudelta. Aber die Sonne wärmt schon mächtig, und da wird auch den Vögeln heiß: Pelikane, Silberreiher, Braunsichler und Löffler hocken am Ufer, aber geduckt im Schatten der Silberweiden - schwer zu fotografieren. Sie flattern nur auf, wenn die Wellen des Schiffes ihren Ruheplatz zu überschwemmen drohen.

Kurz bevor sich die Donau ins Schwarze Meer ergießt, wird sie zu einer Wasserwelt aus Seen, Flüsschen und Kanälen mit einer fast verwunschen wirkenden Landschaft. Über fast 5700 Quadratkilometer wechseln sich Schilfgürtel, Seerosenteiche und Sanddünen ab mit Wäldern. Zu verdanken ist diese Landschaft dem Schlamm, den die Donau über die Jahrhunderte auf dem langen Weg vom Schwarzwald zum Schwarzen Meer mitgeführt hat. Die Unesco hat die Region zum Biosphärenreservat ernannt - und es ist heute das krönende Ziel oder auch der Startpunkt vieler Flusskreuzfahrten.

Die Reise vom sogenannten Nullpunkt der Donau - der Stelle, an der sie sich in das Schwarze Meer ergießt - bis nach Budapest ist anders als die klassische Donaureise-Strecke Passau-Wien. Sie ist eher eine Expeditionsreise. Denn die Länder, die besucht werden, sind keine Reiseländer wie Deutschland oder Österreich. Auf Rumänien, Bulgarien, Serbien und Ungarn sollte man sich ein wenig vorbereiten. Und wer überall einen deutschen Standard anzusetzen versucht, könnte enttäuscht werden, vor allem in Rumänien.

Die Flussfahrten-Anbieter bereiten ihre Passagiere entsprechend vor. Und doch sind die Passagiere der "River Cloud II" bei ihrem ersten Landausflug in Rumänien verunsichert. Im Hafen in Harsova erscheinen sofort nach der Anleinen Polizisten und behalten die Gäste auf dem Weg zum Tourbus scharf im Auge. Streunende Hunde schnüffeln am Ufer. Die Geschichte von einem Gast, der auf der vorhergehenden Tour in Rumänien überfallen wurde, macht die Runde. Aber andere Urlauber vermeldeten nach einem Spaziergang durch den Ort: "Kein Problem gewesen".

Ein Ausflug nach Konstanza und zum Badeort Mamaia an der Schwarzmeerküste zeigt, wie arm das EU-Mitglied Rumänien immer noch ist: Die Straßen sind von Schlaglöchern übersät, die Dörfer grau und viele Häuser in schlechtem Zustand. Auf den Feldern sind statt Traktoren noch Ackergäule mit Leiterwagen zu sehen. Aber der Kutscher winkt fröhlich, und in den Gärten leuchten reife Früchte in Sommerfarben: rosa Pfirsiche, orange Aprikosen und gelbe Mirabellen.

Disneyland mit Ostblockcharme

Konstanza wurde in der Antike von den Griechen gegründet und ist heute der größte rumänische Handelshafen. Hunderte Kräne ragen hier in den Himmel, neue Schulen und Geschäfte wurden nach der Wende gebaut. Aber in den Straßen stehen rostende Autos mit platten Reifen, die Blumenrabatten sind von Unkraut durchzogen. Das Archäologische Museum erinnert sehr an die Zeiten des Kommunismus. Die interessanten und kostbaren Exponate aus der griechisch-römischen Zeit liegen in verstaubten Vitrinen, bewacht von desinteressierten Museumswärtern.

Der Badeort Mamaia erweist sich als eine Art Disneyland. Vor dem Strand liegt eine Geschäftsmeile mit T-Shirt-Läden, Dönerbuden, Bäckereien und Restaurants. Für Kinder gibt es Hüpfburgen und Karussells, für die Erwachsenen eine Seilbahn mit Cola-Werbung. Mamaia ist kein Seebad im klassischen Sinne. Rund 80 große Hotels stehen an der Küste, in der Hochsaison herrscht Massenandrang. Anfang September endet die Saison abrupt, eine Nachsaison gibt es nicht.

Am Strand selber sieht es aus wie an der Adria: Liege reiht sich an Liege, Sonnenschirm an Sonnenschirm. Aber wenigstens kommt niemand sofort zum Abkassieren, wenn man - ermattet von dem Trubel - für ein paar Minuten auf eine der Liegen sinkt. Aber rund um die Liege ist der Sand gespickt mit Zigarettenstummeln. Im Wasser rostet ein Beton-Ponton vor sich hin. Irgendwie macht das alles keine Lust aufs Baden, auch wenn das Wasser klar und rund 25 Grad warm ist.

Am Tag darauf erreicht das Schiff die bulgarische Hafenstadt Russe. Bus, Landschaft und Orte wirken deutlich gepflegter. In Veliko Tarnovo, bereits im Mittelalter eine blühende Handelsstadt, gibt es nicht nur eine schöne Innenstadt und die alte Festung auf dem Zarewetzhügel zu besichtigen, es locken auch Geschäfte. Wichtig für alle, die etwas kaufen wollen: Für "Ja" wird der Kopf geschüttelt, für "Nein" genickt. Kopfschüttelnd werden also ein handgefertigtes Mokkakännchen erworben, ein Offiziersgürtel aus dem 19. Jahrhundert und filigraner Schmuck - direkt aus der Hand des Silberschmiedes.

Der Nachbarort Arbanassi wirkt mit seinem Kopfsteinpflaster und den tongedeckten Häusern wie ein Dorf aus der Toskana. Es gehört wegen seiner Architektur, aber vor allem wegen der Christi-Geburt-Kirche aus dem 16. Jahrhundert mit ihren zahlreichen Fresken zum Weltkulturerbe.

Das Kirchlein umlagern Straßenhändler, die "Antiquitäten" anbieten. Aber wurden die eisernen Kompasse und Zigarettendosen mit Hakenkreuz- und "U 13"-Stanzung tatsächlich von einer deutschen U-Boot-Besatzung aus dem Zweiten Weltkrieg hier zurückgelassen? Da ist das berühmte bulgarische Rosenöl, gepresst aus im Morgengrauen gepflückten Blüten der Damaszenerrose, sicher der bessere Kauf. Auch wenn es pro Gramm so viel kostet wie Gold.

Durch die Karpaten

Einen Tag später bleiben ein paar Ausflugsmüde an Bord. Sie setzen sich auf einen Deckstuhl und lassen das grüne Donauufer an sich vorbeiziehen. Nur wenige Häuser sind zu sehen, der Fluss wird mal breiter, mal schmaler. Lastkähne passieren, viele sind abenteuerlich verrostet, andere adrett gepflegt. Die anderen Passagiere besuchten Plewen, wo während des Kampfes um die Befreiung Bulgariens von den Osmanen die erbittertsten Schlachten stattfanden. Abends werden die Eindrücke ausgetauscht - und wie immer hadert die jeweils andere Seite damit, dass sie wohl etwas verpasst hat.

Umso dankbarer sind die Passagiere für den folgenden Tag: Er ist ausflugsfrei, das Schiff fährt durch die Karpaten. Das Ufer ist auf der einen Seite rumänisch, auf der anderen serbisch. Hier kommen die wildromantischsten Donau-Abschnitte: der Kazan - Kessel - zwischen Orsova und Donji Milanovac und das "Eiserne Tor". Letzteres benennt einen Abschnitt mit Stromschnellen und Untiefen, der einst die Schiffer in Angst und Schrecken versetzte. 1972 wurde er durch einen Kraftwerkbau "entschärft": Das Niveau der Donau wurde künstlich bis zu 30 Meter angehoben, manche Uferbebauung verschwand in den Fluten.

In Belgrad halten sich die Flussschiffe in der Regel nur wenige Stunden auf, nach einer Stadtrundfahrt durch die serbische Hauptstadt und einigen Stopps - etwa am Palast des Fürsten Milos und am Parlament - geht es weiter nach Mohács in Ungarn. Und Ungarn bedeutet Paprika. Das Gemüse steht üppig auf den Feldern, wird zum Essen gereicht - und an fast jedem Haus hängen aufgefädelte rote Schoten zum Trocknen, manchmal in hübschen Reihen abwechselnd mit Knoblauch. Wer die Geschichte des Paprikaanbaus genau kennenlernen will, sollte das Gewürzpaprikamuseum in Kalocsa besuchen. Und für kleines Geld gibt es das scharfe Pulver fast an jeder Ecke als Mitbringsel.

Auf einem Pferdegestüt, einer "Csarda", in der Puszta scheiden sich die Geister der Reisenden: Einige finden das zünftige Essen lecker, die betuliche Kutschfahrt durch das Gelände interessant und die Pferdeshow hübsch. Andere sind irritiert von dem stark auf Touristen ausgerichteten Programm. Nicht jeder lässt sich eben gerne ungefragt von einer jungen Ungarin für ein Foto umarmen. Aber die Reitkünste der Hirten - Gespannfahrten mit bis zu acht Pferden oder wilde Ritte auf dem Rücken der Tiere - bewundern doch die meisten.

Budapest ist das Kontrastprogramm zu Puszta und Donaudelta: Die Stadt als Start und Ziel einer Flusskreuzfahrt ist unschlagbar, auch wenn Ungarns Hauptstadt an Einwohnerschwund leidet. Rund 400. 000 Menschen haben die Zwei-Millionen-Metropole in den vergangenen Jahren verlassen. Aber in der Altstadt nahe des Hafens ist davon nichts zu bemerken. Junge Leute plaudern beim Espresso in den Straßencafés, Pärchen stehen vor den Schaufenstern modernster Boutiquen, und Touristen stöbern in den Geschäften mit ausgesuchten Antiquitäten.

Zentrales Thema von Budapest ist Wasser - und zwar nicht das der Donau. Im Stadtgebiet sprudeln 80 Heilquellen, angeblich ist Budapest damit der größte Kurort der Welt. Schon die Türken bauten im 16. Jahrhundert hier zahlreiche Bäder. Am Ort des berühmten "Kurhotels Gellért" am Donauufer soll sogar schon im 13. Jahrhundert ein Krankenhaus gestanden haben, das die Heilwirkung der Quellen nutzte. Auf der "River Cloud II" gibt es am letzten Abend statt Wasser einen feurigen Tokajer und eine kleine Rundfahrt an der Uferpromenade. Aus einem Erinnerungsbild wird aber schon wieder nichts. Diesmal ist nicht wie im Donaudelta die Hitze schuld - es ist schlicht zu dunkel.

Reiseinfos - Flussschifffahrt zum Donaudelta

Reiseinfos: Flussschifffahrt zum Donaudelta

Reiseziel: Die Donau ist nach der Wolga der zweitlängste Strom Europas mit einer Länge von rund 2850 Kilometern. Sie entspringt im Schwarzwald und mündet ins Schwarze Meer. Die Anliegerstaaten der Donau sind Deutschland, Österreich, Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Bulgarien, Rumänien, Moldawien und die Ukraine.

Schiffe: Mehr als 100 Flussschiffe befahren die Donau. Zum Delta fahren neben der "River Cloud II" von Sea Cloud Cruises in Hamburg auch die "A-Rosa Mia" von A-Rosa Flussschiff in Rostock, die "MS Bellevue" von Transocean Tours in Bremen, die "Viking Primadonna" von Viking Flusskreuzfahrten in Basel, die "Rossini" von Favorit Reisen in Heilbronn und die "Swiss Gloria" von Phoenix Reisen in Bonn.

Reisezeit: Die meisten Schiffe verkehren von Ende März bis Ende Oktober auf der Donau. Auch Weihnachts- und Silvesterkreuzfahrten werden angeboten.

Gesundheit: Ein Sonnenschutzmittel mit hohem Lichtschutzfaktor und Kopfbedeckungen sind im Sommer wichtig. Auch Mückenschutz ist ratsam.

Sprache: Auf vielen Schiffen ist die Bordsprache Deutsch. Auch an Land kommt man oft mit Deutsch besser durch als mit Englisch.

Hilke Segbers, dpa

Europas wilder Osten: Donaukreuzfahrt in Bildern

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