Freitag, 6. Dezember 2019

Speisen auf der "Europa" Orkan-Bouillon und Heavy Storing

Austern, Hummer, Kaviar und Champagner - wer an Bord der "Europa" reist, speist edel. Schließlich gilt das deutsche Kreuzfahrtschiff nicht ohne Grund als eines der luxuriösesten der Welt. Doch exotische Ziele und hoher Wellengang stellen die Crew samt 45 Köchen mitunter vor schier unlösbar scheinende Aufgaben.

Der Lotse ist an Bord. Der erste Offizier, der die "Europa" aus dem Hafen steuern wird, gibt Anweisungen über das Funkgerät: Klar bei Achterspring, Vorleine fieren, eins und eins aufkürzen. Zu Deutsch: Leinen los. Kapitän Friedrich Jan Akkermann hat noch einen Tipp parat: "Aufpassen, nicht dass du mit dem Heck durch den Modder fährst." Die "Europa" nimmt Kurs auf Barcelona.

In der Küche bereitet man derweil die Menüs für die vier Restaurants vor. Es ist der letzte Abend vor Ende einer Reise, an dem gerne Rustikales aufgefahren wird. Mit Trüffeln gespickte Perlhuhnbrüstchen auf Rahmpolenta, gebratenen Schwarzwurzeln an Barolojus oder halber Hummer mit Weißweinsauce und Cognacschaum sind lecker, aber nach den vielen Tagen Haute Cuisine ist Holsteiner Ente mit Kartoffelknödel bei den Gästen der Renner. Oder Schnitzel.

Lutz Jäkel: "Genießen auf den Weltmeeren. Eine kulinarische Weltreise mit MS EUROPA"; Neuer Umschau Verlag, August 2008, 192 Seiten, 34,90 Euro Buch bestellen

Doch heute Abend werden viele der etwa 200 vorbereiteten Schnitzel liegen bleiben: Der Wetterbericht verheißt mehr als nur eine steife Brise, mehr als sechs Windstärken, da kommt auch die "Europa" ins Schaukeln. "Ist die See ruhig, merkt man oftmals gar nicht, dass man auf einem Schiff arbeitet", sagt Matthias Mayr, einer der 45 Köche.

Doch heute merkt man es. Da werden Bullaugen verschlossen, Servierwagen gesichert und Gitter hochgeschoben, damit Töpfe nicht von den Herdplatten rutschen, was sich dennoch nicht immer verhindern lässt. Die Straße von Bonifacio, die nur etwa zwölf Kilometer breite Meerenge zwischen Sardinien und Korsika, ist berüchtigt für ihre widrigen Wetterbedingungen. Die Wellen schlagen heftig gegen den Bug, an Deck werden zehn Windstärken gemessen: Das bedeutet Orkanstärke.

Bouillon bei starkem Seegang

Küchenchef Stefan Wilke hat seinen Stuhl im Büro angebunden, damit er die Menüs für die nächsten Tage planen kann. Auch der eine oder andere Koch ist etwas blass um die Nase. "Ich hatte bisher Glück", sagt der 29-jährige Wilke aus dem Ländle, "seekrank bin ich noch nicht geworden. Ich werde eher müde von starkem Seegang." Also fast "business as usual", nur ruhiger.

Heute hat vor allem der Suiten-Service zu tun. Beliebtes Abendessen bei bis zu acht Meter hohen Wellen: Bouillon ohne Einlage oder nur halbe Portionen. Oder auch gar nichts. Rumms, und schon wieder hat sich ein Teller vom Tresen verabschiedet. Einige Köche legen Folie aus, um das Rutschen zu verhindern. Während draußen das Meer tobt, ist es in der Küche zur Abwechslung ruhig. Vertauschte Rollen.

© manager magazin 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung