Klockmann Reisekultur im Maßanzug

Heimliche Besuche bei der Geliebten, verschlossene Koffer voller Geld und Juwelen sowie eine Elefantenledertasche des Roten Barons - Geschichten ranken sich viele um die Gepäckstücke des Hamburger Traditionsbetriebs Klockmann. Kein Wunder: Aus edlen Materialien maßgefertigt, haben die Koffer und Taschen das Zeug, Generationen zu überdauern.

Hamburg - So wäre Jules Verne gereist: edles Leder, aufwendige Nähte und eine Form, die sich selbstbewusst gegen den Massengeschmack stemmt. Wer mit einem Hemdenkoffer von Klockmann reist, fällt auf. Schon in der Schlange am Ticketschalter wird deutlich, dass man es nicht mit einem gemeinen Hackenporschefahrer zu tun hat, sondern mit einem Liebhaber erlesener Equipage.

Zugegeben, wirklich leicht sind sie nicht. Mit an Bord nehmen die meisten ihren Hemden- oder Blusenkoffer daher wohl nicht. Und wer ein buntes Label braucht, um sich selbst und den Mitreisenden durch konstante Wiederholung auf der Oberfläche den Preis der Tasche ins Bewusstsein zu rücken, ist hier fehl am Platz. Klockmann-Koffer sind schlicht - hanseatisch zurückhaltend.

Entschleunigung zum Mitnehmen

Alteingesessenen Hamburgern ist der Name Klockmann bis heute ein Begriff. 1902 von Ernst Klockmann als "Geschäft für Reisebehälter" gegründet, kann das Unternehmen auf eine mehr als 100-jährige Geschichte zurückblicken und gehörte mit zeitweise sieben Filialen einst zu den bekanntesten Geschäften Hamburgs. Das Klockmann-Haus in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs zeugt heute noch von einstiger Größe.

Der gelernte Korbflechter und Lederwarenhändler verkaufte Reisegepäck zu einer Zeit, als Reisen noch alles andere als eine Selbstverständlichkeit war. Auch die Erfindung des sogenannten "Stadtkoffers" soll auf seine Kappe gehen.

2001 - fast 100 Jahre nach der Firmengründung - stand das Unternehmen dann kurz vor dem Aus: Die Zahl der Filialen schrumpfte, und als der damalige Inhaber und Enkel des Firmengründers, Jürgen Schröder, mit über 60 Jahren keinen Nachfolger findet, verkauft er das Geschäft samt Markenrechten an die Dörling KG.

Doch die hat mit dem bekannten Spezialgeschäft ganz eigene Pläne: Statt wie früher feine Lederwaren an die betuchte Kundschaft zu bringen, konzentrieren sich die neuen Eigentümer aufs Reparaturgeschäft. Sie bauen den Traditionsbetrieb zu einer der größten Reparaturwerkstätten für Koffer und Reisegepäck in Europa aus.

"Ein großer Name und viele Erinnerungen"

"Ein großer Name und viele Erinnerungen"

Die Rechnung geht nicht auf: Der Billigkonkurrenz aus Osteuropa können die Hamburger nicht standhalten. Nur wenige Jahre später scheint die Pleite unabwendbar.

Doch die Traditionsmarke überlebt: Als 2005 die Insolvenz kurz bevorsteht, ergreift die damalige Werkstattleiterin, Alexandra Wienzer die Chance. Zusammen mit den Unternehmensberatern Gerd und Maria Simat-Leins übernimmt sie den Traditionsbetrieb. "Wir hatten einen großen Namen und viele Erinnerungen", sagt Klockmann-Geschäftsführer Gerd Leins rückblickend. "Aber wir mussten bei null anfangen."

Doch der Name Klockmann hat in der Stadt einen guten Ruf. Die Kunden kommen wieder. "Klockmann hatte die Klientel, die man in Hamburg haben muss: Unternehmer, Bankiers, Prominenz", sagt der ursprünglich aus Süddeutschland stammende Leins stolz. Und die kommen wieder, wie auch Normalverdiener, die ihre Taschen und Koffer reparieren lassen.

Die Investition zahlt sich schnell aus: Nach acht Monaten schreibt das Unternehmen schwarze Zahlen. Die Belegschaft steigt innerhalb von drei Jahren von drei auf 14 Mitarbeiter, von denen mehrere später auch als Teilhaber einsteigen.

Neben der Reparatur handeln die neuen Inhaber auch wieder mit Koffern und Taschen des gehobenen Sortiments. 2007 eröffnet eine Niederlassung in bester Lage - im Hamburger Hof am Jungfernstieg. Anfang 2009 soll eine weitere in der gerade eröffneten Ladenpassage im Hamburger Flughafen hinzukommen.

Und es wird produziert. In der kleinen Werkstatt im Stadtteil Wandsbek zwischen Nähmaschinen, Farbe, buntgefärbtem Leder und Kartons voller Schnallen und Ösen fertigen die Täschnerinnen von Klockmann Koffer, Handtaschen, Reisetaschen, Ringbücher und Handtaschen. Hier wird nach Kräften genäht, geklebt und geheftet - und es werden Ideen entwickelt.

Überzeugt ein Entwurf, wird daraus schon einmal ein Standardmodell. Wie bei der Damenhandtasche "Hamburger Beutel", den eine der Täschnerinnen eigentlich für sich selbst entwarf; oder dem Hemdenkoffer, den eine Unternehmensberaterin vor einigen Jahren bei den Hamburgern bestellte. "Die brachte einen ziemlich verschlissenen Koffer aus den 60er Jahren mit, stellte ihn hin und sagte ganz einfach: So einen will ich haben," erzählt Maria Simat-Leins von der Entstehung des Koffers mit Retrocharme.

Ein Koffer fürs Leben

Ein Koffer fürs Leben

Eine Kulissenbauerin entwickelte den Rahmen, die Manufaktur kümmerte sich um die Umsetzung - mit edlem Leder und Futterstoffen, die den Inhalt möglichst knitterfrei halten.

Auch ein echter Bugatti unter den Golfbags, eine lederne Golftasche aus ostindischem Palisanderholz, Fiberglas mit bezogenen Bodenfüßen für fast 5000 Euro gehört zum Sortiment. Den hatte ein Sohn als Geschenk für seinen Vater bestellt, der zwar bereits einige Golftaschen besaß, aber mit keiner wirklich zufrieden war.

"Was der Kunde will, bekommt er auch", sagt Gerd Leins. Geduld ist allerdings Voraussetzung. Denn es kann schon mal Wochen dauern, bis das gewünschte Gepäckstück vollendet ist.

Vom ersten Entwurf bis zur fertigen Tasche ist es ein langer Weg: Die perfekte Größe muss festgelegt, das passende Leder und Futter gewählt, der geeignete Verschluss gefunden und die Tasche per Hand genäht werden. "Da steckt echtes Herzblut unserer Täschnerinnen drin", sagt Maria Simat-Leins. Einige Kunden lassen sich ihre Modelle daher auch von der Herstellerin persönlich signieren.

Nicht selten fertigen die Täschnerinnen der Manufaktur für die Kunden sogar noch Probemodelle an, damit der vor der endgültigen Fassung eine Vorstellung, ein Gefühl für "seine" Reise-, Hand-, Aktentasche oder "seinen" Koffer bekommen kann. Schließlich soll eine Tasche nicht nur ein Leben lang halten", erläutert Maria Simat-Leins die Idee. "Sie soll auch zu ihrem Besitzer passen."

Und die sind so unterschiedlich wie die Koffer, die der Betrieb zur Reparatur oder Restauration hereinbekommt. Von Pappkoffer, der die Flucht aus Ostpreußen überstanden hat, über das kleine Gepäckstück, mit dem ein alter Hamburger immer seine heimliche Flamme besucht hat, bis zur zerfledderten Aktentasche eines Anwalts, die noch immer als Talisman herhalten muss. Geschichten hat fast jeder Koffer zu erzählen. Und manche sind besonders außergewöhnlich.

"Einmal bekamen wir einen Koffer zur Reparatur rein, dessen Schloss nicht mehr aufging", erzählt Maria Simat-Leins von einem Edelbehältnis. "Als wir den geöffnet haben, hat es uns die Sprache verschlagen: Da waren Geld und Juwelen - alles was gut und teuer war. Bei zehntausend haben wir aufgehört, zu zählen."

Oder die Elefantenledertasche, die angeblich einmal dem Roten Baron gehört haben soll. "Das ist natürlich Legende", meint Maria Simat-Leins lächelnd. "Aber an Legenden ist ja meistens doch ein bisschen Wahres dran."

Klockmann: Ein Unternehmen in Bildern

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