Sydney Stairway to Heaven

Für diesen Spaziergang muss man schwindelfrei sein: 1437 Stufen führen auf der Hafenbrücke von Sydney zwischen schwankenden Stahlträgern hindurch 134 Meter hoch über das Hafenbecken. Wer den Aufstieg schafft, wird mit einem atemberaubenden Panorama belohnt.

Sydney - Es ist ein Ausflug zu einem der höchsten Aussichtspunkte in dieser Ecke von Sydney, doch klebt der Blick die meiste Zeit fasziniert am Boden. Oder was hier als Boden dient: Eisengitter, durch die hindurch man 50, 80, später 130 Meter tiefer das Hafenwasser rauschen sieht. Es geht auf die Hafenbrücke, nach ihrer Form auch "Kleiderbügel" genannt, und das über Stahlträger und unter Querstreben hindurch - über 1437 Stufen auf dem äußeren Bogen bis zur Fahnenstange, 134 Meter über dem Wasser.

Der Ausblick auf das Opernhaus und den Westhafen ist einmalig, doch ist vor allem der Weg das Ziel. Es geht in einem der Brückenpfeiler los. Die erste Hürde ist der Blastest. "Wir wollen ja nicht, dass jemand in angetrunkenem Zustand auf der Hafenbrücke herumturnt", sagt Kletterführerin Chrissy von Bridgeclimb . Als nächstes wird die Ausstattung überprüft. Nichts darf während der Klettertour nach unten fallen. "Das Desaster wäre nicht auszudenken, wenn ein Gegenstand herunterfallen und die Windschutzscheibe eines Autos durchschlagen würde", sagt Chrissy. In zehn Jahren Klettertouren ist das ihr zufolge noch nie passiert. Die Regeln sind strikt: alles wird angeschnallt. Die Schirmmütze ist am Kragen festgehakt, die Fleecejacke hängt am Gürtel. Für die Brille gibt es Kordeln, die Handschuhe hängen am Ärmel, und ein Taschentuch wird mit einer Schlaufe am Handgelenk festgemacht.

Damit niemand vielleicht doch das Handy oder die Minikamera einpackt, gibt es Kletteranzüge ohne Taschen, die mit einem langen Reißverschluss auf dem Rücken geschlossen werden. Vor dem Start testen die Teilnehmer auf einem Simulator ihre Standfestigkeit. Winzig fühlen sich die Kletterer plötzlich inmitten der massiven Stahlträger, Granitpfeiler und Stahlseile. An der Hafenbrücke wurden von 1924 bis 1932 mehr als 52.000 Tonnen Stahl und 95.000 Tonnen Beton verbaut. Sie ist eine der schwersten und weitesten Bogenbrücken der Welt. Der Wind pfeift an manchen Tagen so heftig, dass einem das Wort im Hals stecken bleibt. Die Sicherheitsleine, mit der der Kletterer eingehakt ist, hält 800 Kilogramm aus. "Nicht, dass wir das mal ausprobieren wollen", scherzt Chrissy.

Ein schottisches Paar ließ sich oben trauen

Höhenangst ist schlecht für den Aufstieg. "Zwei, drei Leute steigen jeden Tag aus", sagt Chrissy. Dafür steht ständig ein Sicherheitsteam bereit, um Aussteiger schnell wieder auf festen Boden zu bringen. Die Gruppen von acht bis zehn Leuten werden von Tourführern begleitet. Sie geben über ein Walkie-Talkie Anweisungen, die Kletterer hören über Kopfhörer zu.

Die mit An- und Ausziehen dreieinhalbstündigen Klettertouren beginnen vor dem Morgengrauen und enden erst nach Mitternacht. Geklettert wird bei Wind und Wetter. 1700 Leute haben hier oben Heiratsanträge gemacht. Ein Paar aus Schottland hat sich vor kurzem sogar trauen lassen, mit eigenem Priester im Kletterschlepptau. Eine 100-Jährige hat die Tour gemacht, und sogar ein Besucher, der für seinen Leibesumfang einen "6XL"-Anzug brauchte, waren bereits oben. Der Spaß kostet je nach Jahres- und Tageszeit bis zu 295 australische Dollar (rund 180 Euro).

Von Christiane Oelrich, dpa

Sydney: Klettertour auf die Hafenbrücke

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