Indien Bienenstock Bombay

Vor Leben pulsierende Marktviertel, farbenfrohe Tempel und nervenaufreibender Verkehr - Bombay ist alles, bloß nicht ruhig. Schließlich leben, wohnen und arbeiten in der indischen Metropole mehr als 18 Millionen Menschen. Glanz und Elend liegen hier so nah beieinander wie kaum anderswo.

Bombay - "Millionaire" heißt die Modemarke, für die auf vielen Plakatwänden geworben wird, von denen nicht gerade Shahrukh Khan lächelt, der Held kaum zu zählender "Bollywood"-Filme. Viele der Menschen, die mit Blick auf die Plakate leben, haben aber nur Lumpen am Leib. Wer Bombay besucht, kommt nicht umhin, sich mit solchen Gegensätzen zu beschäftigen. Dafür betritt er allerdings auch eine Metropole, die mit Kultur und kulinarischen Genüssen fasziniert, mit ihrem Farbenreichtum und einer schier unbändigen Geschäftigkeit.

All das auf einmal erleben lässt sich im Crawford Market und im angrenzenden Marktviertel nördlich des Bahnhofs Chhatrapati Shivaji Terminus. Auch wenn kaum zu beziffern ist, wie viele Menschen in Bombay leben: Wer durch die Markthalle und die Gassen schlendert, hat schnell das Gefühl, alle 12, 16 oder noch mehr Millionen Einwohner seien genau hier und jetzt unterwegs - vor oder hinter den Buden, schwer bepackte Handkarren ziehend oder in klapprigen Autos und auf Mopeds sitzend, die Hupe nie außer Reichweite.

Den Eindruck, in einem riesigen Bienenstock gelandet zu sein, wird der Durchschnitts-Mitteleuropäer an vielen der Orte Bombays bekommen, die zu besuchen sich lohnt. Da ist es beruhigend zu wissen, dass die meisten dieser Orte nicht allzu weit voneinander entfernt liegen: auf dem Südzipfel der Insel Salsette, über die sich Bombay erstreckt.

Wer nicht mit einer Reisegruppe unterwegs ist, hält sich am besten an die Taxis, um voranzukommen. Die kleinen schwarzen Autos mit den gelben Dächern scheinen vor allem abends und nachts das Bild auf den Straßen der Metropole zu beherrschen.

Im Marktviertel gibt es fliegende Händler, die Ananas- und Melonenstücke verkaufen, scheinbar unzählige Juweliere, einen überdachten Gang ausschließlich für Stoffverkäufer und dazu jeden erdenklichen, in allen Farben glitzernden Nippes.

Aber nicht nur das: Tief drinnen im Gewirr der Gassen stehen die Besucher - nachdem sie einen Metalldetektor passiert haben - vor den Stufen des Tempels zu Ehren von Mumba Devi. Die Hindugöttin ist die Namenspatronin der Metropole. Immer öfter wird diese deshalb nicht mehr Bombay genannt, sondern Mumbai, wie der offizielle Name der Stadt inzwischen lautet.

Gourmettempel und bettelnde Kinder

Gourmettempel und bettelnde Kinder

Eine Kuh steht nahezu reglos im kleinen Innenhof vor dem Tempel, ein Mönch mit langem Bart und in orangefarbener Kutte geht gemächlich auf und ab, ein magerer Hund schnüffelt herum. Für ein paar Rupien verkaufen Händler, deren Verschläge den Hof umgeben, Kokosscheiben. Gläubige tragen diese barfuß in den mit Fliesen ausgelegten Tempel und opfern sie der Göttin. Vor einem bunten Schrein knien sie einen Moment lang nieder - und stören sich nicht an den fotografierenden Touristen, die sich unter sie gemischt haben.

Auch in einem anderen Tempel sind Gäste herzlich eingeladen, ihre Fotoapparate zu zücken. Doch damit hören die Gemeinsamkeiten mit der Opferstätte auf dem rummeligen Markt auch schon auf. Der gut 100 Jahre alte Jaina-Tempel auf dem Malabar Hill ist in allen Belangen prächtig: Einige Wände des zweistöckigen Baus sind mit hellem Marmor verkleidet, die meisten allerdings mit farbenfrohen Bildern, kleinen Statuen und Schnitzereien verziert, einige von ihnen hinter Scheiben oder Gitterstäben.

Der Jainismus ist eine Abspaltung des in Indien vorherrschenden Hinduismus. Seine Anhänger verehren keine Götter, sondern 24 Lehrer. Sie sind Vegetarier, überwiegend Kaufleute - und wohlhabend. Eine Gruppe Frauen sitzt am Nachmittag singend und Tambourine schlagend vor einem silbernen Altar, immer wieder wird eine Glocke geläutet. Die Männer sind bei der Arbeit, sie treffen sich morgens im Tempel.

Leuchtend bunt gekleidete Hindu-Frauen mit goldenen Nasenringen und in Schwarz gehüllte Muslima, adrett und abgerissen gekleidete Männer - sie alle kommen abends am Chowpatty Beach zusammen. Vor gut 60 Jahren veranstaltete Mahatma Gandhi, der Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung, hier Demonstrationen.

Heute sieht man sich den Sonnenuntergang an. Für Besucher aus Europa bedeutet vor allem der Weg zum Strand aber auch, mit massiver Armut konfrontiert zu sein: Besonders viele Kinder betteln hier hartnäckig um Almosen.

Sie werden die hervorragenden Restaurants, von denen es an Bombays Südspitze viele gibt, wohl niemals von innen sehen. In Etablissements wie dem "Mythos" treffen sich schon mittags die Gutverdienenden - und bestellen Vegetarisches wie Gujarati Thali. Das ist eine Platte mit mehreren Metallschälchen, in die Kellner auf Wunsch immer wieder Linsensuppe, Spinat oder Buttermilch füllen.

Der Traum von Bollywood

Der Traum von Bollywood

Dazu gibt es verschiedene Fladenbrote und grüne Schoten, deren wahrhaft höllische Schärfe allen Ahnungslosen Tränen in die Augen treibt. Nur umgerechnet drei Euro kostet das üppige Gericht. Auch die Preise für ein Abendessen sind mit denen in Deutschland nicht zu vergleichen.

Selbst wer nur kurz in der Stadt bleibt, sollte zumindest einen ausgedehnten Ausflug einplanen: den zur Elephanta-Insel mit ihren Höhlen. Das bunt gestrichene Holzboot dorthin legt neben dem Gateway of India ab. Der 1911 im Auftrag von Englands König George V. erbaute Torbogen ist wie viele historische Bauten der Stadt - zum Beispiel der gotische Chhatrapati-Shivaji-Bahnhof - durchaus respektabel. Doch es gibt faszinierendere Stätten in und um Bombay. Und dazu zählen auch die Höhlen, die auf der Weltkulturerbe-Liste der Unesco stehen.

Etwa eine Stunde dauert die Fahrt zur Insel. Am Ufer waten Kühe durch die feuchte Erde, es ist gerade Ebbe. Sie suchen nach etwas Schatten unter Bäumen. Die Höhlen liegen auf einer Anhöhe, auf die eine langgezogene Treppe mit 120 Stufen führt. Wer sie nicht zu Fuß bewältigen will, kann sich von Einheimischen in einer improvisierten Sänfte - einem auf Bambusstangen gebundenen Stuhl - tragen lassen.

An ein paar Affen vorbei geht es hinein in die größte der sieben Höhlen. Sie ist genau genommen gar keine Höhle, sondern ein in den Fels gehauener Tempelsaal, dessen Eingang von massiven Säulen gestützt wird. Die Besuchermagneten im halbdunklen Inneren sind die ebenfalls aus dem Gestein herausgearbeiteten und weit mehr als mannshohen Reliefs hinduistischer Götter. Mit insgesamt neun Reliefs ist die Höhle ausgeschmückt, meist ist Shiva zu sehen. Ihm ist auch ein Schrein inmitten des Tempelsaals gewidmet.

Besonders faszinierend ist ein Relief in einem Winkel der Höhle, das Shiva bei der Vermählung mit der Göttin Parvati zeigt - umgeben von Engeln und weiteren Göttern wie Brahma und Vishnu. Angesichts dessen ist es nebensächlich, dass die Geschichte der Höhlen auf Elephanta weitgehend im Dunkeln liegt. Irgendwann im frühen siebten Jahrhundert sollen sie angelegt worden sein - mehr ist nicht bekannt.

Bei weitem nicht den Rang von Göttern, aber dennoch allgemeines Ansehen genießen die Stars von "Bollywood", Indiens in Bombay heimischer Filmindustrie. Wer als Tourist erwartet, dass er Blicke hinter die Kulissen der Traumfabrik werfen kann, wird enttäuscht: Führungen durch Studios gibt es nicht - zumindest nicht offiziell. Solche sind aber auch gar nicht nötig. Wer die Faszination des indischen Films hautnah erleben will, braucht nur in eines der vielen Kinos zu gehen, etwa ins "Eros". In dem altehrwürdigen Lichtspielhaus am Churchgate-Bahnhof laufen keineswegs Erotik-Streifen, wie der Name vermuten lässt. Eintrittskarten kosten umgerechnet rund einen Euro.

"One, Two Three" heißt der Film - aber vorher heißt es aufstehen: für Indiens Nationalhymne, die aus den Lautsprechern schallt, während die orangefarben-weiß-grüne Staatsflagge auf der riesigen Leinwand flattert. Viele der überwiegend jungen Zuschauer trudeln aber erst nach diesem patriotischen Intermezzo ein - und quasseln ungeniert mit ihren Sitznachbarn oder ins Handy. Als die Allerletzten endlich Platz genommen haben, läuft der Film schon seit fast einer halben Stunde.

Auch wer des Hindi - der "Amtssprache" von "Bollywood" - nicht mächtig ist, kommt bei der überdrehten Gangsterkomödie einigermaßen mit. In dieser geht es gerade um drei Männer, die denselben Namen tragen, was zu allerhand Verwechslungen und Verwicklungen führt. Trotzdem ist sofort klar, wer hier der Bösewicht ist und wer der smarte Kerl. Mit dabei sind im Film - natürlich - offenherzig gekleidete Frauen, die ganz sicher auch Stücke der Marke "Millionaire" tragen. Shahrukh Khan fehlt dagegen - ebenso wie jeder Hinweis auf Not und Armut.

Bombay

Bombay

Reiseziel: Bombay ist die Hauptstadt des indischen Bundesstaates Maharashtra und liegt im Westen des Subkontinents am Arabischen Meer.

An- und Einreise: Nonstopflüge nach Bombay bieten Lufthansa ab Frankfurt/Main und München sowie Air India ab Frankfurt. Auch mehrere weitere Airlines fliegen ab verschiedenen deutschen Flughäfen mit Zwischenstopp nach Bombay: Finnair über Helsinki, Emirates über Dubai, Air France über Paris und Swiss über Zürich. Touristen brauchen ein Visum, erhältlich über die Indische Botschaft in Berlin.

Klima und Reisezeit: Tropisches Klima, ganzjährig sind Temperaturen von mehr als 30 Grad möglich. Monsunzeit ist etwa von Juni bis September mit heftigen Niederschlägen. Reisen solten daher besser außerhalb dieser Monate geplant werden.

Zeitverschiebung: Zeit in Deutschland plus viereinhalb Stunden, während der Sommerzeit in Europa plus dreieinhalb Stunden.

Währung: Für einen Euro gibt es etwa 6200 Indische Rupien (Stand: Oktober 2008).

Informationen: Indisches Fremdenverkehrsamt, Baseler Straße 48, 60329 Frankfurt/Main (Tel.: 069/242 94 90).

Florian Oertel, dpa

Fotostrecke: Bombay in Bildern

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