Marais Ende einer Ära

Früher prägten Synagogen, traditionelle Handwerksbetriebe und jüdische Spezialitätengeschäften den Charakter des Marais. Mittlerweile eröffnet im jüdischen Herzen von Paris ein Modegeschäfte nach dem anderen - ein Wandel, dem die Hauptstädter nicht tatenlos zusehen wollen.

Paris - Sara Benchetrit stapelt silberne Kerzenleuchter, Konserven mit koscherem Fleisch und israelischen Wein in Kartons. Von den leergeräumten Regalen reißt sie handgeschriebene Preisschilder ab. Nach 46 Jahren schließt die Familienunternehmerin ihr Geschäft im historischen Pariser Judenviertel Marais. Hohe Mieten haben Benchetrits Kunden in die Außenbezirke der Hauptstadt verdrängt, seit sich die Rue des Rosiers im Herzen des Marais zur Adresse für Modeboutiquen entwickelt hat.

"Seit zehn Jahren geht das Geschäft schleppend. Jetzt haben wir die Gelegenheit, an einen Juden zu verkaufen", sagt die Besitzerin des Familienbetriebs. Hinter dem abgeklebten Schaufenster in der engen Nebenstraße eröffnet demnächst ein Restaurant für Touristen.

Das alltägliche Schicksal der Geschäfte für koschere Lebensmittel und der jüdischen Handwerksbetriebe sorgt für Debatten rund ums Marais.

Anwohner, Presse und Politiker schimpften auf die schwedische Bekleidungskette H&M. Hinter der denkmalgeschützten Fassade der ehemaligen Dampfsauna in der Rue des Rosiers soll H&M mit den Bauarbeiten für eine Edelboutique begonnen haben, ohne auf die offizielle Genehmigung zu warten.

Die fünf Synagogen des Viertels gibt es noch, doch die Händler ziehen weg. Gegenüber der Sauna will die Modekette Max Mara demnächst die seit zwei Jahren leerstehenden Räume des Restaurants Goldenberg übernehmen. Das Goldenberg mit seinem Apfelstrudel war lange Zeit ein Symbol für die jüdische Kultur in Paris.

Verlust der Ursprünglichkeit

Verlust der Ursprünglichkeit

Es gab sogar Überlegungen, aus dem Restaurant eine Gedenkstätte zu machen. 1982 hatte es hier einen antisemitischen Anschlag gegeben, bei dem sechs Menschen starben und 22 weitere verletzt wurden. Die Narben am Gebäude waren nie ganz beseitigt worden.

Anwohner beklagen den Verlust der Ursprünglichkeit ihres Viertels. Nicolas Secondi, Vorsitzender des Interessenvereins "Quartier des rosiers", organisierte eine Demonstration vor dem ehemaligen Restaurant. "Wir wollen verhindern, dass das Marais nur noch für einen Sonntagsspaziergang gut ist, bei dem man die Überreste jüdischen Lebens fotografiert."

Auch die in den letzten Jahren zugezogenen jungen Pariser mischen sich unter die Kämpfer fürs Marais. Als der Privatsender TF1 ein Haus in ihrem Viertel für die neue Staffel der Castingshow "Star Academy" mietete, reagierten sie empört.

Die Pariser Stadtverwaltung schließt das Marais bei der Förderung traditioneller Unternehmen aus. "Wir dürfen nicht die wirtschaftliche Entwicklung des Bezirks hemmen", erklärt Lyne Cohen-Solal, Pariser Beauftragte für Einzelhandel. Schließlich komme niemand mehr ins Pariser Zentrum, nur um koschere Lebensmittel zu kaufen.

"Weil unsere Kundschaft sich wandelt, haben wir das Angebot umgestellt", sagt Florence Finkelsztajn, Besitzerin des frisch renovierten jüdischen Feinkostladens mit der begehrten Adresse auf dem "Pletzl", dem kleinen Platz in der Mitte der Rue des Rosiers. Die ehemalige Bäckerei bietet Spaziergängern neben süßem Pflaumenstrudel und Mohnkuchen jetzt auch salzigen Auberginenkaviar in handtaschentauglichen Schachteln.

Nun stehen auch am Sabbat, wenn die Falafelläden gegenüber geschlossen haben, die Wochenendtouristen in dem Laden mit der historischen Mosaikfassade Schlange. Die zwölf Mitarbeiter beliefern jüdische Feste. "Die Entwicklung im Marais ist doch ganz normal", meint Florence. "Wir müssen den Kunden nur unser Angebot schmackhaft machen. Dann bleibt auch der jüdische Charakter des Viertels erhalten."

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