Husum Treffpunkt bei Tine

Husum gilt seit dem Dichterwort Theodor Storms als "graue Stadt am Meer". Aber selbst im Herbst hat die Stadt überraschend bunte Seiten. Wenn nach der Badesaison Muße einkehrt, zeigt sie ihren besonderen Charme.

Husum - Nach dem Sommer mit den vielen Touristen wird es am Binnenhafen von Husum deutlich ruhiger. Stockenten dümpeln auf dem Wasser, Möwen schlafen auf den Holzpfählen, die aus dem Wasser ragen.

Ein paar Urlauber sitzen auf den Bänken aus massiven Holzbalken und schauen ihnen zu. Husum ist im Herbst eine Spur gemütlicher als in der Hauptsaison. Aber es gibt in der größten Stadt Nordfrieslands noch immer viel zu sehen. Ob Schifffahrtsmuseum, Schloss, Storm-Haus oder "NordseeMuseum": Besucher können sich viel entspannter umgucken, wenn die Badegäste ihre Sachen gepackt haben.

30 Kirchen versanken in der Nordsee

Die "graue Stadt am Meer" hat Theodor Storm seine Heimat einmal genannt. Aber am Binnenhafen leuchten etliche Fassaden sogar in sattem Gelb oder hellem Blau. Am Ende des Hafenbeckens zeugt ein mannshoher Pfahl davon, dass es an der Nordsee auch sehr ungemütlich sein kann. 1976 stand das Wasser 5,66 Meter über Normalnull - da wäre die Stadt ohne den Schutz der Deiche geflutet gewesen.

Heute sind die Schutzwälle 8,20 Meter hoch. Längst nicht mehr hoch genug, warnen Kritiker angesichts des Klimawandels. "Im 12. Jahrhundert waren die Deiche nur 1,20 Meter hoch", erzählt Peter Cohrs, Leiter des Schifffahrtsmuseums Nordfriesland. "1362 hat dann eine verheerende Sturmflut das Marschland vor Husum vernichtet." Mehr als 8000 Menschen sollen damals umgekommen sein. Allein 30 Kirchen versanken in der Nordsee.

Die zweite große Flutkatastrophe 1634 hatte für Husum im Nachhinein ihr Gutes: "Seitdem hat Husum einen Hafen", sagt Cohrs. Das Schifffahrtsmuseum in der alten Landeszentralbank kündet von den Hoch-Zeiten der hiesigen Seefahrt. Äxte und Stangenbohrer, Hobel und Feilen hängen dort an der Wand. Mit ihnen wurden Eiderschniggen gebaut, wie die langsamen Frachtschiffe genannt wurden, die für Nordfriesland so typisch waren. Cohrs hat Spanten und Kielboden einer Schnigge in Originalgröße nachbauen lassen und erklärt, wie die Ritzen zwischen den Spanten mit Tauwerk und Pech wasserdicht "kalfatert" wurden.

Buddelschiffe und Speckmesser

Buddelschiffe und Speckmesser

Zur Sammlung des Museums gehören Buddelschiffe und Kapitänsbilder, Speckmesser von Walfängern und Schnitzarbeiten aus Walrosszähnen. Das Exponat mit dem höchsten Skurrilitätswert dürfte ein Pottwal-Penis sein. Auch Schiffsmodelle gibt es zu sehen: von Hamburger Ewern, wie sie auf der Elbe einst unterwegs waren, bis hin zu Seenotrettungskreuzern heutiger Zeit. Stolz ist Peter Cohrs auf das "Wrack von Uelvesbüll": Vor rund 400 Jahren ist der Frachtsegler in Eiderstedt gesunken. 1994 wurde das Schiff entdeckt - eine kleine Sensation..

Neben der Schifffahrt spielte der Viehhandel traditionell eine wichtige Rolle für Husum. "Wir hatten den größten Viehmarkt im Norden Europas", erzählt die Stadtführerin Anette Löffler. "Das Vieh aus Nordfriesland wurde auf dem Ochsenweg Richtung Süden getrieben." Der Marktplatz ist heute kleiner als im Mittelalter, aber an die Rindviecher von einst erinnern weiterhin die Ochsenköpfe am Marktbrunnen.

Hoch über ihnen steht die Figur einer Fischersfrau in Holzpantinen. Sie schaut in Richtung Westen: "Dahin, wo ihr Mann auf See war", erklärt Annette Löffler. Viele Husumer vereinbaren als Treffpunkt einfach "bei Tine". Hinter dem Brunnen ragt der Turm von Husums Hauptkirche in den Himmel. Das "Schloss vor Husum", Mitte des 16. Jahrhunderts erbaut, liegt heute zentral, damals aber stand es "vor der Stadt" - daher der Name. Fünf Hektar groß ist der Schlossgarten. Der Rittersaal wird heute für Theater und Konzerte genutzt. Und samstags stehen Brautpaare Schlange, um in der "Klosterkapelle" zu heiraten.

Storm ist allgegenwärtig

Auf Spuren Theodor Storms wie das Haus seiner Eltern stoßen Besucher in Husum immer wieder. Das wichtigste Ziel aber ist das Theodor-Storm-Zentrum in der Wasserreihe. Dort ist der Schriftsteller 1866 eingezogen, kurz nachdem er das zweite Mal geheiratet hatte. "Es ist ein Bürgerhaus aus dem Jahr 1730 und damit so alt wie das Goethehaus in Weimar", sagt Museumsgründer Karl Ernst Laage.

Die Zimmeraufteilung hat sich seit Storms Zeit nicht geändert. Auf Initiative der Storm-Gesellschaft wurden sie - angelehnt an den ursprünglichen Zustand - wieder eingerichtet, zum Teil mit Originalstücken aus Storms Besitz. Das Wohnzimmer wurde bis ins Detail rekonstruiert - einschließlich der Kupferstiche an den Wänden. Auch Storms Klavier ist zu sehen und der Schreibtisch, an dem er seinen "Schimmelreiter" vollendet hat.

Storm, von Beruf Amtsrichter, war ein Vielschreiber - und Vielleser, wie seine Bibliothek zeigt: Goethe, Hebbel oder Heine gibt es dort bändeweise. "Das Haus ist heute ein Museum", sagt Laage. Jedes Jahr kommen 25.000 Besucher - die echten Storm-Liebhaber auch im Herbst.

Andreas Heimann, dpa

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