Osteland Mit der Postkutsche durchs Moor

Alte Prahmfähren, eine Postkutsche, ein Steingarten mit gigantischen Findlingen und Ritterfiguren, die vom Glanz vergangener Zeiten künden - im Dreieck zwischen Hamburg, Cuxhaven und Bremerhaven geht es gelassen zu. Wer nostalgische Touren mag, ist hier goldrichtig.

Osten - Dass die "gute, alte Zeit" gar nicht immer gut war, hat in der Schule fast jedes Kind gelernt. Trotzdem freuen sich viele Urlauber, wenn sie an Orte kommen, an denen die Zeit stillzustehen scheint. Zu diesen Gegenden gehört auch das Osteland im Dreieck zwischen Hamburg, Cuxhaven und Bremerhaven.

Dort wird noch immer eine Flussfähre von Hand bewegt, und eine gelbe Postkutsche fährt durch die Moore. In den Dörfern heben die Menschen in ihren Gärten die Köpfe, wenn sie ein Auto auf der schmalen Hauptstraße heranrollen hören - und auch Fahrzeuge mit ortsfremdem Kennzeichen werden freundlich gegrüßt.

Einer dieser kleinen Orte heißt Brobergen. Still fließt die Oste an ihm vorbei auf ihrem 153 Kilometer langen Weg zur Mündung in die Elbe. Früher war der Fluss wichtig für die Schifffahrt, heute ist er vor allem bemerkenswert, weil er kein begradigtes Ufer hat und als besonders naturnah gilt.

Brobergen ist 50 Flusskilometer vom Meer entfernt, doch die Gezeiten wirken sich bis hierhin aus - der Tidenhub beträgt etwa einen Meter. Eine der letzten Prahmfähren  ist bei Brobergen in Betrieb: Sie bietet Traktoren, Autos und Radfahrern einen Übergang über die Oste. Anders als etwas weiter flussaufwärts im Ort Gräpel, wo der Fährmann die Plattform noch von Hand an einem Seil entlang zieht, sorgt hier ein Dieselmotor für Bewegung. Die Fähre ist gut 80 Jahre alt und steht unter Denkmalschutz.

"Massenhaft alte Scherben"

Früher gab es fast 20 solcher Prahmfähren zwischen Bremervörde und der Ostemündung. Beinahe wäre im Jahr 2007 auch die in Brobergen verschwunden. "Die Stelle sollte ausgedeicht und geflutet werden, um Ausweichflächen für den Fluss zu schaffen", erzählt Corinna Kolf vom Fähr- und Geschichtsverein Brobergen. Auch wegen der historischen Bedeutung des Ortes kam es aber doch nicht dazu.

Denn in Brobergen stand am linken Ufer der Oste bereits im 13. Jahrhundert eine Burg, "bei Grabungen finden wir massenhaft alte Scherben", sagt Kolf. Auch Recht gesprochen wurde an diesem Ort. Der Verein, dessen Mitglieder heute ehrenamtlich die Fähre betreiben, hat deshalb nahe am Ufer eine mannshohe Rolandsfigur aus Holz errichtet - ein solches Symbol für Rechtsprechung und Freiheit stand hier schon in der Zeit um 1500.

Vor allem Radler nutzen die kleine Fähre. Wer gen Norden unterwegs ist, kommt über Hechthausen bald nach Hemmoor und Osten, wo die berühmte Schwebefähre  erneut einen Uferwechsel ermöglicht. 2009 wird das Stahlgerüst mit der daran hängenden Plattform, über das einst ein Großteil des Nord-Süd-Verkehrs in Deutschland abgewickelt wurde, 100 Jahre alt. Lange Lastwagenstaus waren hier bis zum Jahr 1974 an der Tagesordnung. Dann wurde die Schwebefähre durch eine Brücke ersetzt, zwei Jahre lang renoviert und für den Tourismus wieder freigegeben. 2001 bis 2006 folgte erneut eine Sanierung: "1,7 Millionen Euro hat die gekostet", erzählt Fährmann Erich Meyer, der zusammen mit drei Kollegen etwa 30.000 Passagiere pro Jahr übersetzt.

Weltrekord im Vierspänner

Weltrekord im Vierspänner

Zu den Fahrgästen gehören regelmäßig auch die Wallache Hektor, Hero, Elton und Lexus, die vor die goldgelbe "Europa-Kutsche"  von Christine und Jürgen Reimer gespannt sind. Das Ehepaar hat 2006 eine 6000 Kilometer lange Kutschenreise durch Europa unternommen und ist dabei alten Postkutschenrouten gefolgt - ein Weltrekord, auf den die Reimers stolz sind.

Als Teilnehmer auf ihren regelmäßigen Fahrten durch das Osteland lernen Touristen allerhand über die Region - zum Beispiel, dass der 44 Meter hohe Telegrafenberg bei Hechthausen früher zu einem Netzwerk von Flaggensignal-Posten gehörte, über das Nachrichten von der Elbmündung bis Hamburg-Blankenese weitergegeben wurden. Auch auf dem Kutschbock dürfen die Gäste abwechselnd gerne mitfahren.

Die Nostalgietouren mit der "Europa-Kutsche" führen durch weite Mais- und Haferfelder, durch eine Moorlandschaft mit langen Alleen und vorbei an der weltweit kürzesten, weil nur zehn Meter langen Fußgängerzone in Osten. Die Region ist insgesamt hügeliger, als man es in Norddeutschland erwartet. In der Ferne ist vom Kutschbock aus auch die Wingst zu sehen, ein bis zu 74 Meter hoher Geestrücken, auf dem es einen Zoo und andere Freizeiteinrichtungen gibt.

Einen guten Überblick über die Gegend bis zur Nordsee und über die Elbe hinweg nach Schleswig-Holstein bietet auf der Wingst seit 1973 ein 29 Meter hoher Aussichtsturm. Mit seiner Betonplatten-Bauweise erinnert er an einen DDR-Grenzposten, und die Gaststätte "Deutscher Olymp" zu seinen Füßen steht schon seit 2004 leer. Die Kneipe sei einsturzgefährdet, sagt der junge Mann am Ticketschalter des Turms lakonisch, ehe er sich wieder seinem Videospiel widmet - hier droht eine Attraktion den Anschluss im Tourismus zu verlieren.

Der größte Steingarten Niedersachsens

Wer auf seinem Ausflug noch etwas Zeit hat, kann westlich der Oste noch andere sehenswerte Orte ansteuern. Bei Lamstedt etwa wartet der größte Steingarten Niedersachsens auf Besucher - zu sehen sind dort 108 Findlinge, die während der Eiszeiten von den Gletschern aus Skandinavien hier in die Niederelbe-Region getragen worden sind. Viel Granit ist darunter, einzelne "dicke Brocken" sind satte 45 Tonnen schwer - vor allem Kinder staunen über die Größe dieser Giganten.

Einen Abstecher wert ist auch Bad Bederkesa mit seinem See, auf dem sich segeln und Tretboot fahren lässt. Die mittelalterliche Burg mitten im Ort zeigt als archäologisches Museum die Geschichte dieser Region, und vor dem Eingang treffen Besucher auch den Roland wieder. Hier aber ist die Ritterfigur auf dem Sockel nicht aus Holz gefertigt wie in Brobergen, sondern aus Stein - und sie steht hier auch schon seit mehr als 400 Jahren: In den Burghof kam sie bereits 1602 - also in der "guten, alten Zeit", an die das Osteland so oft erinnert.

Christian Röwekamp, dpa

Fotostrecke: Nostalgietouren im Osteland

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