Götakanal Schwedens blaues Band

Der Götakanal gilt als eine der schönsten Wasserstraßen Europas. Das knapp 200 Kilometer lange blaue Band verbindet Nord- und Ostsee. Wer Muße hat, legt die Strecke gemächlich auf einem nostalgischen Passagierschiff zurück.

Stockholm/Göteborg - Lenny aus Milwaukee singt gerne. Deswegen singt er oft - beim Erkundungsrundgang an Deck der "MS Juno" zum Beispiel. Der Amerikaner ist gebürtiger Schwede und macht gerade einen Nostalgietrip durch seine alte Heimat. Dazu passt eine Reise auf einem der alten Flusskreuzfahrtschiffe des Götakanals.

Zu dem traditionsreichen Wasserweg zwischen Stockholm und Göteborg haben die meisten Schweden eine fast schon sentimentale Beziehung - er bedeutet die Erfüllung des alten Traums, Nord- und Ostsee zu verbinden. Dabei werden ein Fluss durchquert, drei Kanäle, acht Seen und 66 Schleusen.

Dass es den nun 176 Jahre alten Götakanal überhaupt gibt, ist einem Dickkopf zu verdanken: Baltzar von Platen, einem der ersten großen Unternehmer Schwedens. Vier Jahrhunderte lang war immer wieder über den Bau einer Verbindung quer durch das Land zwischen Göteborg an der Westküste und Mem an der Ostküste nachgedacht worden. Aber erst von Platen hatte genug Durchsetzungskraft, mit der Erlaubnis des Königs Carl XIII. den Spaten auch tatsächlich ansetzen zu können.

58.000 Männer gruben den Kanal von Hand

Mehr als 20 Jahre wurde am Kanal gebaut, 58.000 Mann - überwiegend schwedische Soldaten - gruben die Fahrrinne von Hand. 87 Kilometer sind künstlicher Wasserweg, die übrigen Passagen der insgesamt 190,5 Kilometer langen Strecke gehen durch Flüsse und Seen. Fertigstellung und Einweihung durch König Carl XIV. Johan erlebte von Platen jedoch nicht mehr. Aber heute noch schießen einige Schiffe auf dem Kanal Salut, wenn sie an seinem monumentalen Grabmal bei Motala vorbeifahren.

Zwar machte die Eisenbahn dem Götakanal bereits kurz nach seiner Fertigstellung Konkurrenz. Doch rund 100 Jahre lang blieb er ein wichtiger Transportweg. Mitunter zieht sich der Wasserweg durch verwunschen anmutende Gegenden. Und da er auch noch den Vättersee, den Vänersee - den drittgrößten See Europas - und den Malärsee einbezieht, entdeckten schnell auch Lustreisende das "Blaue Band Schwedens". Und bald wurden die ersten Personenschiffe gebaut, auf denen auch Berühmtheiten wie Dänemarks Märchendichter Hans Christian Andersen gemächlich durch Schweden reisten.

Heute gilt der Götakanal als eine der schönsten Wasserstraßen Europas. Er zieht Touristen und Hobbysportler an - zum Radfahren entlang der Strecke, Segeln und Fischen. Am liebsten aber klettern sie auf eines der nostalgischen Schiffe, die zwischen Stockholm und Göteborg pendeln. Wie Lenny, der so glücklich auf der "Juno" ist, dass er bereits morgens um 5.00 Uhr auf dem Weg zur Außentoilette auf dem Brückendeck ein Lied anstimmt. Mit kräftiger Stimme.

Seekrank auf dem Kanal

Seekrank auf dem Kanal

Es gibt nur drei dieser Schiffe auf dem Kanal: Die "MS Juno" wurde bereits 1874 gebaut und ist das weltweit älteste noch betriebene Schiff mit Übernachtungsmöglichkeit. Die "MS Wilhelm Tham" wurde 1912 gefertigt, die "MS Diana" 1931. Alle drei haben 28 Kabinen, einen Gesellschaftsraum für Regentage und Korbstühle an Deck für Tage mit Sonnenschein.

Die Duschen und Toiletten müssen sich die Passagiere teilen, was für den verwöhnten Reisenden von heute schon sehr gewöhnungsbedürftig ist. Komischerweise bleiben alle an Bord völlig entspannt: keine Staus vor dem wichtigsten Örtchen, kein Gedrängel an den Duschen, nur beim Frühstücksbüfett wird ein wenig geknufft. Es ist aber auch wirklich eng an Bord, vor allem in den Kabinen.

Sie sind alle nur gut drei Quadratmeter groß, die Betten zierliche 1,85 Meter lang und schmal - es gibt mitleidige Blicke für alle groß gewachsenen Passagiere. Bei gutem Wetter ist der Platzmangel nicht schlimm, da tummeln sich alle an Deck. Man steht an der Reling und ratscht, oder kuschelt sich in einen der gemütlichen Korbstühle und liest ein bisschen, oder guckt einfach in die Gegend.

Aber bei schlechtem Wetter verschärft sich die Situation. Eigentlich bleibt dann nur, mit den anderen Passagieren im Gemeinschaftssalon zusammenzurücken, den Kapitän auf der Brücke mit Fragen zum Schleusen zu nerven oder sich auf das Bett zu legen und die schöne Landschaft zu verschlafen.

Zander mit Kräuterkruste und Blaubeertarte

Ins Bett legen sich bei rauer See einige, denn bei den Fahrten über die größeren Seen kann es bei schlechtem Wetter ganz schön schaukeln. Die alten Schiffe haben keine Stabilisatoren. Und dann stellt so mancher Passagier fest, dass man durchaus auch bei einer vermeintlich gemütlichen Kanalfahrt seekrank werden kann.

Bis zur nächsten Mahlzeit sind aber alle meist wieder fit, denn die ist jedes Mal perfekt. Die Mannschaft in der Minikombüse kann ganz sicher zaubern. Auf liebevoll dekorierten Tellern liegen Zander mit Kräuterkruste, gefülltes Rinderfilet oder Blaubeertarte. Lenny verrät, dass er sein Glück in den USA mit abgepackter Butter gemacht hat. Fast alle Päckchen im Lande kommen aus seiner Fabrik. Der Mann ist eindeutig eine gute Partie. Seine Lebensgefährtin sitzt aber ganz dicht neben ihm.

Butter gibt es wenig an Bord. Gekocht wird eher schlank, denn mit dem Sport ist es nicht weit her. Wen der Bewegungsdrang überfällt, kann aber vor einer der Schleusen einfach von Bord klettern und ein Weilchen neben dem Schiff herlaufen. Das geht auf weiten Abschnitten des Kanals und macht großen Spaß, weil das Schiff auf dem Wasserweg herumtrödelt wie ein verträumter Golden Retriever: nett, aber ein wenig langsam wegen der vielen Ablenkungen auf dem Weg.

Malerische Schleusentreppe

Schlachtengetümmel aus Lautsprechern

Immerhin gilt es 66 Schleusen zu überwinden. Und das dauert: Schiff rein, Wasser rein oder raus, Schiff raus. Wieder 50 Meter geschafft. Da ist viel Zeit für einen Flirt mit dem hübschen Schleusenwärter Johannes - den Job machen im Sommer oft Studenten - oder für ein anspruchsvolles Foto einer Wasserlilie.

Lenny geht lieber wieder singen. Er hat am Anleger von Trosa einen betagten Akkordeonspieler erspäht, der auf die Gäste der "Juno" wartet. Der ist nun fällig. Lenny singt vor und neigt sich dann zum Akkordeon herab, um zu hören, ob der alte Schwede die richtige Melodie aufgegriffen hat. Fast stimmt sie. Nach einer kleinen Nachschulung legt Lenny los und singt mit kräftiger Stimme und schwungvollen Bewegungen "Vem kan segla förutan vind", ein altes schwedisches Volkslied aus Åland. Er ist eindeutig wieder zu Hause.

Jeder Passagier entdeckt während der Fahrt etwas, was ihn besonders anspricht. Fans des Königshauses etwa bewundern Schloss Drottningholm, das zum Unesco-Weltkulturerbe zählt. Der Badeort Trosa, erstmals bereits im 14. Jahrhundert erwähnt, bietet hübsche pastellfarbene Ferienhäuser aus Holz und ansprechende Cafés und Restaurants. Lenny, den die Gäste des Schiffes inzwischen den Spitznamen "Mr. Butter" gegeben haben, gefällt es in der Kirche des ehemaligen Nonnenklosters Vreta, dem ersten Schwedens. Dort gibt es eine Orgel, einen Orgelspieler - und flugs steht fest: Lenny kennt auch Kirchenlieder.

Schleusentreppe mit sieben Stufen

Die "Hauptstadt des Götakanals" ist Motala, die ebenfalls von Baltzar von Platen konzipiert wurde. Sie gilt als Wiege der schwedischen Industrie. Das Motormuseum der Stadt umfasst Hunderte von antiquarischen Autos und Motorrädern, aber auch Radios und Spielzeug werden gezeigt.

Nicht gerade ein Muss dagegen ist die Karlsborg: Die riesige Festungsanlage, ebenfalls von Platen initiiert, wurde niemals angegriffen. Aber die Touristen werden in stockdunkle Gänge geführt, wo aus Lautsprechern Schlachtengetümmel dröhnt und "tote" Soldatenpuppen herumliegen. Manche "leben" auch noch und "schnarchen" in ihren Betten, "pinkeln" in die Ecke oder "schießen" aus den Scharten. Das Ganze ist laut und unnütz und bestenfalls etwas für Militaristen. Auch Lenny ist hier ganz still.

Da interessiert doch die älteste Schleuse des Kanals viel mehr, sie liegt gleich um die Ecke der Karlsborg, in Forsvik. Überhaupt sind die Schleusen faszinierend, keine ähnelt der anderen. Die Södertälje-Schleuse ist mit 135 Metern die längste Skandinaviens, und bei Borensberg gibt es noch eine von Hand zu bedienende Schleuse.

Die optisch interessanteste ist die Carl Johans-Schleusentreppe: Hier klettert das Schiff knapp hintereinander über sieben miteinander verbundene Schleusen. Die Treppe ist das längste Schleusensystem des Kanals, auch wenn der Verbund von Berg insgesamt sogar 15 Schleusen hat und dazu noch einige Aquädukte. Die älteste Schleuse Schwedens ist die letzte Schleuse im Götakanal in Richtung Göteborg - die ursprüngliche Anlage wurde 1607 eingeweiht und war die erste, die es überhaupt in Schweden gab. Ob Lenny dazu wohl auch ein Lied kennt?

Hilke Segbers, dpa

Praktische Reisetipps

Praktische Reisetipps für den Götakanal

Anreise: Die Reise auf dem Götakanal startet entweder in Stockholm, wo die Kanalschiffe einen eigenen Anleger haben, oder von Göteborg aus. Beide Städte werden von Deutschland aus von mehreren Fluggesellschaften täglich angeflogen.

Reisezeit: Die Saison der Traditionsschiffe auf dem Götakanal dauert von Anfang Mai bis Ende September. Angeboten werden zwei-, vier- und sechstägige Touren. Wer es nicht zu kühl an Bord haben möchte, sollte eine Reise im Juli oder August buchen. Rund um das Mittsommerfest am 21. Juni ist das Wetter fast jedes Jahr sehr unbeständig.

Gesundheit: In Schweden gibt es im Sommer viele Mücken, vor allem in der Nähe von Gewässern. Insektenschutz sollte mitgenommen werden, ebenso warme Kleidung für kühle Sommerabende und Wetterumschwünge.

Währung: Für einen Euro gibt es knapp 9,50 Schwedische Kronen.

Informationen: Hurtigruten GmbH, Kleine Johannisstraße 10, 20457 Hamburg (Tel.: 040/37 69 30); VisitSweden, Stortorget 2-4, SE-83130 Östersund (Tel. in Deutschland: 069/22 22 34 96). Internet: www.visitsweden.com , www.hurtigruten.de , www.gotacanal.se .

Kanalkreuzfahrt: Zwischen Schleusen und Schlössern

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