Äthiopien Wiege der Menschheit

Wie vor 1000 Jahren fahren Papyrusboote über den Tana-See. Auf dessen Inseln leben Mönche in völliger Abgeschiedenheit, und aus den Nebeln des Amhara-Hochlandes taucht das verwunschene Königsschloss von Gondar auf. Ein Besuch in Nordäthiopien, einer der ältesten Kulturregionen der Welt, ist eine faszinierende Zeitreise.

Bahir Dar - Der Blaue Nil, das Schloss von Kaiser Fasilidas und die grandiosen Simien-Berge: Schon die Namen der Attraktionen, die es in der nordäthiopischen Region Amhara zu sehen gibt, laden zum Träumen ein.

Selbst erfahrene Reisende wissen oft nicht, dass das Land am Horn von Afrika, das zu den ärmsten Staaten der Erde zählt, zahlreiche Natur- und Kulturschätze beherbergt. Was Touristen im Norden Äthiopiens finden, sind keine Safaris mit Löwen und Giraffen, sondern die Spuren einer jahrtausendealten Kultur. Das Land gilt nicht nur als Wiege der Menschheit, sondern auch als einer der ältesten durch das Christentum geprägten Staaten der Erde.

Anflug auf Bahir Dar: Die Maschine kreist durch den wolkenlosen afrikanischen Himmel, als plötzlich eine riesige Wasserlandschaft am Horizont auftaucht. Fast sieht das Gewässer aus wie ein Meer, so groß und weit liegt es da im äthiopischen Hochland. Der Tana-See ist mit 3600 Quadratkilometern Fläche der größte See Äthiopiens. Wer aus der meist kühlen Hauptstadt Addis Abeba anreist, der erfreut sich in Bahir Dar eines etwas wärmeren Klimas. Die Hauptstadt der Region Amhara strahlt gelassene Ruhe aus.

Zeitsprung ins 14. Jahrhundert

Im Garten des Tana-Hotels, das zu einer vom Staat geleiteten Hotelkette gehört, verstärkt sich der Eindruck der Stille. Leise plätschert der See ans Ufer, wie vor 1000 Jahren fahren Papyrusboote über das Wasser, und in den Bäumen zwitschern bunte Vögel, darunter leuchtendgrüne Taranta-Bergpapageien.

Mit Motorbooten können Urlauber von hier aus zu den zahlreichen Inseln des Tana-Sees fahren, auf denen Mönche noch heute in völliger Abgeschiedenheit leben. Eine Reise zu diesen spirituellen Orten ist wie ein Zeitsprung ins 14. Jahrhundert, kaum etwas erinnert an Zivilisation: Autos, Imbissbuden oder Lärm scheinen einer anderen Welt anzugehören.

Die Klöster und Kirchen heißen Debre Maryam, Narga Selassie oder Beta Giorgis. Sie verfügen über gut erhaltene, teilweise auch restaurierte Wandmalereien und kleinen Schatzkammern, in denen wertvolle Kronen, Gewänder oder koptische Kreuze aufbewahrt werden. Die eindrucksvollsten Klöster Dega Estefanos und Kebran Gabriel sind allerdings nur für Männer zugänglich.

Verwunschenes Königsschloss

Verwunschenes Königsschloss

Bei der Ankunft auf den Inseln werden Touristen meist sofort von Kindern umringt, die die Ankommenden zu den Verkaufsständen ihrer Familien bringen möchten. Ein Blick auf die Ware lohnt allemal: Hier werden Kettenanhänger und kleine religiöse Gemälde zu durchaus akzeptablen Preisen angeboten.

Auch ein Abstecher zu den "Blue Nile Falls", den Wasserfällen des blauen Nils, ist zu empfehlen. Die Quelle des Flusses liegt im Tana- See, von hier aus tritt der Blaue Nil seine lange Reise nach Khartoum im Sudan an, wo er sich mit dem Weißen Nil vereint und weiter zum Mittelmeer fließt. Ungefähr 30 Kilometer entfernt von seinem Ursprung stürzt der Fluss in einen Canyon, in der Regenzeit bietet der bis zu 400 Meter breite und 45 Meter hohe Wasserfall ein eindrucksvolles Spektakel.

In einer rund vierstündigen Fahrt geht es von Bahir Dar nach Gondar. Natürlich gibt es auch Flüge in die ehemalige äthiopische Hauptstadt, der Landweg ist jedoch die bessere Alternative, um einen Eindruck vom Hochland der Amhara-Region zu bekommen.

Vom Garten des auf einem kleinen Berg gelegenen "Goha"-Hotels bietet sich ein weiter Blick auf die heute rund 110.000 Einwohner zählende Stadt. Am Horizont zeichnet sich eine sanfte Hügellandschaft ab, Nebelschwaden ziehen vorbei und geben den Blick auf das Schloss des Kaisers Fasilidas preis. "Hier hat man das Gefühl, als würde gleich ein Ritter auf einem weißen Pferd aus dem Dunst auftauchen und am Schloss vorbei galoppieren", sagt eine Touristin. Nicht umsonst wird Gondar auch das "Camelot Äthiopiens" genannt.

Walia-Steinböcke und Simien-Füchse

Der Mitte des 17. Jahrhunderts gebaute Palast ist das Wahrzeichen von Gondar. Für einen Besuch der gesamten Anlage stehen Reiseführer bereit. Der Komplex umfasst etwa 7000 Quadratmeter und ist von einer breiten Mauer umgeben. Innerhalb der Mauer stehen noch sieben größere Gebäude der Gondar-Kaiser. In der Stadt, besonders rund um den Marktplatz, stoßen Besucher aber auch auf lebendige Gegenwart. Eselskarren dienen als Lastenträger, kleine Mopeds wurden zu Rikschas umgebaut und werden als Taxi genutzt, Bauern treiben lebhaften Handel mit Ziegen und Schafen.

Zum Abschluss eines Reise nach Amhara sollten Reisende nicht die Simien Mountains verpassen. Mehrtägige Trekking-Touren zu unterschiedlichen Orten des Nationalparks sind möglich. Fast mit Sicherheit bekommen Wanderer dabei auch Gelada-Paviane, Walia-Steinböcke und Simien-Füchse zu Gesicht. Schnell steigen die Wege auf eine Höhe von mehr als 3200 Metern an, hier liegt auch der 4620 Meter hohe Ras Dashen, der höchste Berg Äthiopiens. Die faszinierende Gebirgslandschaft lässt sich am besten mit "grüner Grand Canyon" beschreiben.

Carola Frentzen, dpa

Äthiopien: Afrika jenseits der Safaris

Praktische Reisetipps

Praktische Reisetipps für Amhara

Anreise: Amhara liegt im Norden Äthiopiens. Direktflüge von Deutschland in die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba bieten unter anderem Ethiopian Airlines und Lufthansa an. Inlandsflüge von Addis Abeba etwa nach Bahir Dar oder Gondar gibt es täglich. Deutsche benötigen für die Einreise nach Äthiopien ein Visum.

Reisezeit: Die beste Reisezeit ist zwischen Oktober und Mai.

Sprache: Die Landessprache ist Amharisch, Englisch wird in den Touristengebieten fast überall gesprochen

Informationen: www.tourismethiopia.org/ ; www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Laenderinformationen/01-Laender/Aethiopien.html .

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.