Dänemark Drachenflieger und Dünenwälder

Ferienparadies im Wattenmeer: Schmale Gassen zwischen malerischen Katen, viel unberührte Natur und breite Sandstrände zeichnen die dänische Insel Fanø aus. Ein schlauer Coup der Einwohner machte im 18. Jahrhundert der Armut der Fischerdörfer ein Ende - das Flair der folgenden Blütejahre ist bis heute erhalten geblieben.

Nordby/Sønderho - Gemächlich brummt der blaugelbe Omnibus der Linie 631 zwischen Rindby Strand und Fanø Bad den Strand entlang. Platz ist genug: Mehr als einen halben Kilometer breit und 15 Kilometer lang ist die feste Sandfläche an der Westküste von Fanø, und so fahren auch Schwimmer und Surfer oft mit dem Auto bis direkt an das Wasser.

Die Insel im dänischen Wattenmeer hat allerdings noch mehr zu bieten als Badeurlaub und Wassersport: Zwischen den beiden Hauptorten Nordby im Norden und Sønderho im Süden liegt eine abwechslungsreiche Landschaft mit Feldern, Dünen und kleinen Wäldern, die ihr ursprüngliches Gesicht trotz der Touristenströme bewahrt hat.

Etwa zwölf Minuten braucht die Fähre vom Festlandshafen Esbjerg in Westjütland bis nach Nordby, wo die meisten der rund 3200 Einwohner Fanøs leben. Schmale Gässchen führen zum Hafen hinunter, eine autofreie Geschäftsstraße mit Boutiquen, Kunsthandwerkläden und Eisdielen lädt zum Bummeln ein.

Großer Coup der kleinen Leute

Ein Museum in der alten Villa der "Fanø Skibsrederforening" zeigt Schiffsmodelle und Trachten, und im Juli erwacht die Vergangenheit zu neuem Leben: Bei den "Fannikertagen" tragen viele Frauen die alte Inseltracht. Festlich wirken die dunklen Kleider, die Hauben sind mit einer großen bunten Schleife geschmückt.

Fanø war ursprünglich eine arme Insel, die zum Privatbesitz des dänischen Königs gehörte. Die Bewohner fuhren als Fischer zur See oder bearbeiteten als Pachtbauern den kargen Boden. Doch dann gelang den Inselbewohnern 1741 der große Coup: Als der König die Insel versteigerte, drohte sie in die Hand eines berüchtigten Großgrundbesitzers zu fallen.

Doch die Insulaner legten ihr Erspartes zusammen, bestachen den Auktionator und kauften kurzerhand ihre eigene Heimat. Damit erwarben sie zugleich Schifffahrts- und Handelsrechte - und Fanø erlebte ab 1800 einen regelrechten Wirtschaftsboom. Im 19. Jahrhundert war die Insel Heimathafen für die zweitgrößte Handelsflotte Dänemarks, Hunderte von Schiffen wurden dort gebaut. Erst mit dem Bau des Dampfschiffhafens in Esbjerg endete diese Epoche. Ihr Flair ist vor allem in Sønderho lebendig geblieben.

Windschiefe Häuser, mondäne Villen

Windschiefe Häuser, mondäne Villen

Das Örtchen im Süden, dessen alte Windmühle schon von weitem zu sehen ist, steht zum Großteil unter Denkmalschutz. Bei einem Gang durch die schmalen Pfade zwischen den reetgedeckten Katen mit ihren rosa und gelb gekalkten Wänden fühlen Besucher sich schnell um 100 oder 200 Jahre zurückversetzt.

Hübsche Gärtchen umgeben die windschiefen Häuser, manches Tor ist mit einer Galionsfigur oder anderen maritimen Schmuckstücken verziert. In der Dorfkirche künden mehr als ein Dutzend Schiffsmodelle von der großen Zeit, als die Männer der Insel die Weltmeere befuhren. Mit "Hannes Hus" ist sogar noch ein komplett eingerichtetes Inselhaus aus jener Epoche zu sehen.

Im Süden des Dorfes beginnt die Neuzeit: Zahllose Ferienhäuser schmiegen sich in die Dünen, manche sind alten Bauernkaten nachempfunden, andere sind schlichte Bungalows. Der Südstrand ist rauer und malerischer als der breite Strand im Nordwesten: Bernsteinsammler wandern suchenden Blicks an den hohen Dünen vorbei, Kinder spielen in den halbversunkenen Kleinbunkern - den letzten Überbleibseln von Hitlers "Atlantikwall".

Mehr als 2500 Ferienhäuser

Wer schwimmen will, fährt nach Fanø Bad im Westen der Insel. Hier begann schon um 1870 der Badebetrieb, 20 Jahre später wurden mondäne Villen für die Besucher aus Hamburg, Wien und St. Petersburg errichtet. Der Erste Weltkrieg beendete diese Epoche, die türmchengeschmückten Hotels versanken im Dornröschenschlaf, erst in den 1970er Jahren wurde eine neue Hotelanlage errichtet. Doch der hässliche Klotz blieb eine Ausnahme - schließlich wohnen Fanø-Besucher in der Regel im Ferienhaus. Mehr als 2500 gibt es inzwischen auf der Insel - in der Hauptsaison kosten sie meist zwischen 500 und 1000 Euro pro Woche.

Viel los ist vor allem im Juni - dann gehört der Strand den Drachen. Zum Internationalen Drachenfliegertreffen reisen jährlich rund 5000 Besitzer der bunten Flugobjekte an, hinzu kommen zahlreiche Schaulustige. In diesem Jahr beginnt das mehrtägige Fest am 19. Juni. Aufblasbare Seehunde und Riesensalamander, bunte Schirme und Ballons steigen dann in den Himmel über Fanø.

Schmale Pfade im Dünenwald

Schmale Pfade im Dünenwald

Wer solchen Spektakeln nichts abgewinnen kann, findet zum Glück Rückzugsmöglichkeiten. Ein besonderes Kleinod in der Mitte der Insel ist die "Klitplantage". Der Dünenwald wurde ab 1892 auf dem mageren Boden angelegt, um den Flugsand zu stoppen. Schmale Wege schlängeln sich durch das etwa 1000 Hektar große Gelände. Knorrige Bergkiefern, aber auch Birken, Buchen und Eichen lassen Wanderer einen Moment lang fast vergessen, dass sie auf einer Insel sind.

Im Osten schließt sich das Wildschutzgebiet rund um zwei Vogelkojen an. An diesen künstlichen Rastplätzen erlegten die Insulaner früher durchziehende Eiderenten und Ringelgänse. Heute ist das natürlich verboten - nur die Sumpfheidelbeeren dürfen noch gesammelt werden.

-Und schließlich kommen Vogelbeobachter im Norden Fanøs auf ihre Kosten: Auf Grønningen, einem ausgedehnten Wiesengelände, ließen die Inselbauern einst ihre Kühe weiden. Heute können Besucher hier Kiebitze, Rotschenkel, Regenpfeifer, Brachvögel und sogar Wanderfalken beobachten.

Thomas Kärst, dpa

Fotostrecke: Fanø, ein Kleinod im Wattenmeer

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