US-Motorradtour Zehn Harleys, zehn Kollegen, 1750 Meilen

Auf schweren Maschinen über endlose Landstraßen durch Arizona und Utah - zehn Mitarbeiter der SPIEGEL-Gruppe haben sich diesen Traum erfüllt. Das Ergebnis: Motorradfahren birgt zuweilen meditative Momente, und es gibt kaum eine bessere Art, Land und Leute kennenzulernen.
Von Andreas Nölting

Las Vegas - 117 Grad Fahrenheit. 47 Grad Celsius! Es ist heiß, ziemlich heiß. Die Hitze flimmert von oben und unten. Es gibt kein Entrinnen. Wir sitzen auf unseren blubbernden Harleys - doch das so erhoffte Gefühl von Freiheit und Abenteuer stellt sich noch nicht ein. Im Gegenteil. Es ist, als sperre uns die Hitze in einen Käfig - selbst der Fahrtwind erdrückt uns wie eine Feuerwalze.

Eine Szene wie aus einem modernen Westernfilm: Beinharte Burschen, monströse Maschinen, stechende Sonne und das Monument Valley.

Eine Szene wie aus einem modernen Westernfilm: Beinharte Burschen, monströse Maschinen, stechende Sonne und das Monument Valley.

Foto: manager-magazin.de

Dabei hatten wir uns so auf diesen Moment gefreut. Nach 20 Stunden Anreise (Flug: Hamburg - New York - Las Vegas) und einer kurzen Nacht im Renaissance Las Vegas Hotel (www.renaissancelasvegas.com)  können wir zehn Kollegen aus der SPIEGEL-Gruppe (Verlag, Vertrieb, Spiegel TV, Storyhouse, manager-magazin.de) endlich auf unsere bei Eaglerider (www.eagleriderlasvegas.com)  reservierten Harleys (blitzblank und teilweise mit nur 20 Meilen auf dem Tacho) steigen und losbrummen. Und dann das: Keiner hat uns gesagt, dass wir unsere Reise an einem der heißesten Orte der USA beginnen.

Schnell ziehen wir uns um, wechseln die schwere Motorradhose in eine Jeans, packen die Protektorenjacke ein und begnügen uns mit dem flatterigen T-Shirt. Das ist natürlich leichtsinnig, doch wer will uns das bei dieser Hitze verdenken. Immerhin behalten wir den Helm auf, obwohl es hier nicht einmal die gesetzliche Helmpflicht gibt, und der typische Harleyfahrer nur ein lässiges Tuch um die Stirn trägt.

Tag 1. Wir starten unseren 1750-Meilen-Trip (etwa 2800 Kilometer) durch Arizona und Utah auf der Route 95 gen Süden. Schon wenige Kilometer hinter Las Vegas beginnt die Einöde. Die schnurgerade Straße führt mitten durch eine wüstenartige Steppe. Zäune, Sand und Büsche. Abwechslung bringen nur die bunten, aufgemotzten Monstertrucks und die typisch amerikanischen McDonald's-Tankstellen.

Hier treffen wir auch Klaus, einen Harley-Tourguide aus Karlsruhe, der in Arizona lebt. Er erzählt uns von einem vollklimatisierten Hotel in Laughlin am Colorado-River. Genau das brauchen wir jetzt, und so beschließen wir, den ersten Fahrtag bereits nach 130 Meilen ausklingen zu lassen.

Vor dem Hotel ist ein schöner 18-Loch-Golfplatz mitten in die Wüste gesetzt. Das Gras ist satt und knallgrün, alle Fairs werden ständig bewässert - ein absurdes Bild in einer Gegend, in der das Wasser knapp ist. Das Hotel (www.avicasino.com) , es wird von den Mojave-Indianern betrieben, ist im Prinzip eine riesige Spielhalle - einarmige Banditen, Poker- und Roulettetische ermöglichen das Glücksspiel rund um die Uhr. Immerhin ist es in den Zimmern kühl und ruhig.

Ein lässiger Harley-Fahrer mit Pistole

Zerbeuelte Schildern, antike Kühlschränke

Tag 2. Wir rollen östlich Richtung Kingman und dann endlich auf die legendäre Route 66. Die Hitze lässt nach, die Natur wird abwechslungsreicher, das Harley-Gefühl stellt sich ein. Wir brummen dem Horizont entgegen, die Straße ist kaum befahren, und so ist es auch nicht schwer, in einer Gruppe aus zehn Motorrädern zusammenzubleiben.

In Hackberry halten wir am "General Store" (www.arizonas-world.de/html/route_66.html) . Hier hat ein gewisser Roy Waldmire aus einem Gemischtwarenladen ein witziges Route-66-Museum gemacht. Vor dem Store stehen ausrangierte Autos - etwa eine Corvette Stingray  -, zerbeulte Schilder oder antike Cola-Kühlschränke. Und natürlich sind auch hier viele Harley-Fahrer. Einer trägt sogar lässig eine Pistole am Gürtel, auch das ist in Arizona erlaubt.

Weiter geht es auf der 66 über Seligman nach Ask Force. Neben uns auf den Gleisen fährt ein unendlich langer Güterzug mit zwei Lokomotiven. Der Lokführer grüßt uns freundlich und betätigt das Horn. Ich falle vor Schreck fast vom Bike. Dann biegen wir Richtung Süden ab, nach Prescott Valley und Jerome, einer ehemaligen Bergarbeiterstadt in den Hügeln Arizonas, in der heute viele Hippies leben. Wir übernachten bei einer freundlichen alten Dame im Connor Hotel (www.connorhotel.com)  und fallen nur einmal kurz auf, als wir auf dem Bürgersteig entspannt Bier trinken und sogleich mehrfach auf unser Vergehen hingewiesen werden: Kein Alkohol in der Öffentlichkeit.

Tag 3. Am nächsten Morgen wieder strahlende Sonne. Wir besuchen Sedona (www.visitsedona.com)  und schauen uns die berühmten roten Felsen an (Red Rock Country). Angeblich ist die Stadt ein Zentrum der New-Age-Bewegung, weil die Berge "spirituelle Kräfte" haben sollen. Wir halten uns eher an weltliche Bedürfnisse und tanken unsere Maschinen auf. Bei einem Radius von nicht viel mehr als 200 Meilen ist es jedes Mal eine amüsante Szene, wenn zehn schwere Harleys vor die Zapfsäulen rollen, man sich mit der ungewohnten Technik der amerikanischen Tankstellen beschäftigt und das gesamte Gelände von dem Brummen und Blubbern erfasst wird.

Dann rollen wir gen Flagstaff. Hier fängt es an, zu regnen - zum ersten und einzigen Mal auf unserer Tour. Wir stoppen unter einer Brücke, ziehen uns die Regenkleidung über - und halten durch, natürlich! Nur noch hundert Meilen zum Grand Canyon, einem der größten Naturwunder der Welt. Noch am Abend schauen wir in die Schlucht - ein wahnsinniges Bild. Rot glühen die Felsen im Sonnenuntergang, erhaben präsentiert sich der Canyon, der bis zu 1800 Meter in die Tiefe geht und den Colorado River beherbergt.

Bei den Navajos gibt es kein Bier

Strenggläubige Mormonen, schnurgerade Landsstraßen

Tag 4. Keine Frage, am Morgen stehen wir wieder am Canyon und erleben den mit Hunderten anderer Touristen den Sonnenaufgang. Gespanntes Warten. Plötzlich fallen die Sonnenstrahlen seitwärts in das Tal und der Canyon leuchtet auf. Ein magischer Moment. Viele Touristen jubeln auf und klatschen - wie bei der Landung eines Pauschalfliegers auf Mallorca.

Schnell brechen wir auf, rollen entlang der gewaltigen Schlucht Richtung Cameron ins Navajo-Land, Indianergebiet. Eine endlose Landstraße mit tristen Wohncontainern und ausrangierten Autos am Straßenrand. Wir übernachten in Window Rock und mich trifft der Schock: Im Hotel, an der Tanke, im gesamten Ort gibt es kein Bier. So regelt es die Indianerverwaltung. Eine Apfelschorle nach zehn Stunden auf der Harley - das ist recht gewöhnungsbedürftig.

Tag 5. Wir fahren über Chinle und Many Farms weiter durch das Navajo-Land. Die Landschaft ist ziemlich trist, die Böden sind staubig und trocken. Die Navajos leben in einfachen, verfallenen Häusern - kein Indianerleben wie es unserem Karl-May-Bild entspricht. Hinter Kayenta erreichen wir das zweite Großspektakel unserer Tour: Das legendäre Monument Valley (www.monumentvalley.com) .

Die Hotels sind leider voll. Wir finden aber ein Motel nur zwölf Meilen entfernt, packen unsere Taschen ab und machen uns auf in das Monument Valley. Eine Szene wie aus einem Westernfilm: Es ist trocken, staubig und sandig, vor uns türmen sich bis zu 300 Meter hohe Felsengebilde auf, die Millionen Jahre alt sind und deren rötliche Farbe uns im Sonnenuntergang förmlich anspringt. Mit unseren schweren Motorrädern kommen wir auf den Sandstraßen nicht weit, und so machen wir eine Tour auf einem Pick-up.

Am Abend die Überraschung: Zwei Kollegen haben einen 50-Meilen-Abstecher nach Mexican Hat im Staat Utah gemacht, um eine ordentliche Ladung Bier zu holen. Der Mormonen-Staat mag strenggläubig sein, aber immerhin erlaubt er den Verkauf von Bier.

Tage 6, 7, 8. Noch drei Fahrtage liegen vor uns. Wir machen einen großen Bogen durch Utah und fahren nördlich des Grand Canyon wieder Richtung Las Vegas. Auch die Straßen in Utah sind traumhaft und meist leer. Die Landschaft ist sehr abwechslungsreich. Es gibt diverse Canyons (etwa den Glen Canyon, Bryce Canyon), Sehenswürdigkeiten (Natural Bridges, Zion National Park) und vor allem schnurgerade Landstraßen. Stundenlang rollen wir dahin, Geist, Körper und Maschine werden eins, Motorradfahren hat tatsächlich meditative Elemente. Wir sind völlig entspannt und glücklich!

Zehn Männer und zehn Harleys - es hat perfekt funktioniert: Nie kam es in unserer Gruppe zu einem Streit, gar zu lauteren Diskussionen. Wir waren uns fast immer einig und haben die Dinge demokratisch entschieden, niemand hat irgendwie dominiert, niemand wurde ausgeschlossen. Keiner von uns hatte glücklicherweise einen Unfall, kein Mitfahrer ging verloren, alle Maschinen blieben heil. Diese Reise hat uns allen unheimlich viel Spaß bereitet, sie schreit nach einer Wiederholung.

Fotos: Auf der Harley durch Arizona und Utah

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