Cognac In der Wolke der Engel

Ganz Cognac ist durchtränkt von Cognac: Der 20.000-Einwohner-Ort in Südfrankreich lebt und atmet im Dunst der edlen Spirituose, die hier in Eichenfässern zur Perfektion reift. Wer sich ein paar Tage Zeit nimmt, kann in der Region kulturelle und kulinarische Entdeckungen machen.

Cognac - Wie ein schweres Parfum klebt die Wolke der Engel über der kleinen Stadt mit dem großen Namen. Wolke der Engel: So nennen die Cognac-Fabrikanten den Weinbrand-Dunst, der unaufhaltsam durch die Poren und Ritzen tausender eingekellerter Eichenfässer dringt und alsbald durch die Gassen der alten südfranzösischen Stadt Cognac wabert.

Man riecht diesen Duft nicht nur, man kann seine Spuren auch mit dem Auge erkennen. Denn wo die Weinbrand-Wolke sich ausbreitet, ist der sonderbare Pilz "Torula Compniacencis" nicht weit, der sich wie ein schwarzer Pelz auf die Gemäuer von Cognac legt.

Ganz Cognac ist mit Cognac getränkt. Die 20.000-Einwohner-Stadt am Fluss Charente, etwa 90 Autominuten nördlich von Bordeaux im Herzen der Cognac-Weinberge gelegen, gab der weltberühmten Edel-Spirituose ihren Namen. Hennessy, Rémy Martin, Martell, Camus oder Courvoisier - alle großen und unzählige kleine Cognac-Häuser haben ihre Heimat hier oder im Nachbarort Jarnac wenige Kilometer flussaufwärts. Ihre Kellermeister, die wie Parfümeure mit feiner Nase aus einer Vielzahl jahrelang gereifter Weinbrände das Endprodukt namens Cognac komponieren, gelten als wahre Zauberer.

Rötliche Erde und sattgrüne Täler

Doch es ist auch die besondere Bodenbeschaffenheit der Charente-Weinberge, die den Wein und seine Destillate so einzigartig machen: offene Felder mit Kreideböden, Lehm und Feuerstein, Ebenen mit rötlicher, steiniger Erde, sattgrüne Täler zwischen den Hügeln mit Sumpfgebieten und Mischwäldern. Hinzu kommt ein weinfreundliches Klima in Meeresnähe mit optimalen Niederschlägen, 13 Grad Durchschnittstemperatur und idealer Sonneneinstrahlung.

Bereits im 13. Jahrhundert wurde von hier Wein nach England, Holland und Skandinavien verschifft, im 17. Jahrhundert begann die Verarbeitung zu Branntwein und die Lagerung in Eichenfässern bis zur Cognac-Reife. 1909 wurde das Anbau- und Produktionsgebiet für das Getränk namens Cognac gesetzlich festgelegt und in sechs Lagen unterteilt. Auch die Verarbeitung unterliegt strengen Richtlinien: Bis zum 30. September muss der Wein gelesen, bis zum 31. März doppelt destilliert sein. Gelagert und gereift werden darf das Produkt ausschließlich in Eichenfässern.

Die meisten Gäste kommen auf der Durchreise hierher, besuchen vielleicht eines der Cognac-Häuser und bleiben bestenfalls für einen halben Tag. Die kleinen Feinheiten der Stadt und der Charente-Region bleiben demjenigen vorbehalten, der ein paar Tage Zeit mitbringt.

Fangfrische Austern und roter Pineau

Fangfrische Austern und roter Pineau

Jeden Vormittag sind mitten in der Altstadt die wohl schönsten Markthallen der Region geöffnet. Sie wurden nach dem Vorbild französischer Markthallen des 19. Jahrhunderts entworfen und bieten dem Besucher neben einer reichhaltigen Auswahl an Obst, Gemüse und Fisch auch fangfrische Austern zu günstigen Preisen.

Ohnehin sind das Städtchen Cognac und seine Umgebung eine kulinarische Entdeckungsreise wert. Zu den regionalen Spezialitäten gehören gebratene Froschschenkel, Tartare de Beuf und als Dessert ein Schälchen mit kugelrund geschnittener Charente-Melone in rotem Pineau. Das ist ein Getränk aus Cognac und Traubensaft, welches von den örtlichen Weinbauern und Winzern nach ebenso ausgeklügelten Rezepturen hergestellt wird wie der Cognac selbst.

Im Cognac-Museum erfahren Besucher, wie die Praktiken, Maschinen und das Wissen um den Cognac sich seit dem 19. Jahrhundert immer weiter entwickelt haben. Dabei ergänzt sich der Respekt gegenüber der Tradition mit der Offenheit gegenüber neuen Techniken. Eine moderne Präsentation, die Multimedia, Töne und Gerüche spielerisch verbindet, gibt Einblicke in die Geschichte der Cognac-Kultur. Auch eine Sammlung Flaschen, die für ihr Design ausgezeichnet wurden, ist ausgestellt.

Die Kellermeister suchen die Eichen für die Fässer aus

Selbst ein Schloss mit historischer Bedeutung hat Cognac zu bieten. Frankreichs König Franz I. wurde im Jahr 1494 hier geboren. Heute beherbergt das altehrwürdige Gemäuer ein großes Cognac-Lager. Bereits im Jahr 1796 entdeckte Baron Jean-Antoine Otard das für die Reifung optimale Raumklima in den Kellergewölben und gründete hier das nach ihm benannte Cognac-Haus.

Für den Besucher ist es empfehlenswert, mehrere Cognac-Häuser zu besichtigen. Denn die Hersteller unterscheiden sich deutlich in Traditionspflege und Unternehmensphilosophie. So hat Martell das ehemalige Wohn- und Kontorhaus seines Gründers Jean Martell bis heute originalgetreu erhalten und präsentiert es als Museum. Die Firma Courvoisier in Jarnac legt dagegen Wert auf die Feststellung, dass sie nichts dem Zufall überlässt. Ihre Kellermeister streifen sogar durch die Laubwälder und suchen gemeinsam mit dem Förster die Eichen aus, die für die Fassproduktion gefällt werden sollen.

Wer einmal Schritt für Schritt erleben möchte, wie so ein Eichenfass entsteht, der hat in der Böttcherei Vicard in Cognac dazu Gelegenheit. Ebenso sinnvoll als Ergänzung der Bildungsreise in Sachen Cognac ist ein Besuch der Glasfabrik von Saint-Gobain. Bis zu zwei Millionen Flaschen werden hier täglich produziert und an die Hersteller von Cognac, Bordeauxwein, Pineau und Armagnac geliefert.

Thomas Voigt, ddp

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