Südafrika Ein Land im Fußballfieber

Die Fußball-WM 2010 in Südafrika verspricht eine einzigartige Atmosphäre: Der Sport ist tief in den Townships verwurzelt, wo ehrgeizige junge Kicker ihrer Entdeckung harren. Für das Dokumentarfilmprojekt "Südafrika 2010 - Glaube, Liebe, Hoffnung" von Steffen Söhner war Kameramann Martin Spieß vor Ort.

Kapstadt - "Es wird bunt, es wird laut und manchmal chaotisch, es wird ein Fest der afrikanischen Kultur - und eins ist sicher: Diese Chance haben wir nur einmal," sagt Dr. Udesh Pillay, Direktor am Südafrikanischen Institut für soziologische Studien in Pretoria. Wie vieler Afrikaner hofft er auf einen ökonomischen Aufschwung im Zuge der Weltmeísterschaft.

Unter anderem erhofft sich Pillay eine verbesserte Infrastruktur. Kein Wunder, denn als Berufspendler zwischen Johannesburg und Pretoria verbringt er auf der 56 Kilometer langen Strecke jeden Tag bis zu drei Stunden im Stau. "Es gibt keine Bahn- oder Busverbindung zwischen den beiden Metropolen", erläutert Pillay, "der öffentliche Nahverkehr besteht ausschließlich aus Kleinbussen, die wie Taxis keinem Fahrplan folgen, sondern nach Bedarf fahren."

Die Oberschicht des Landes, zu der Pillay gehört, lebt meist geschützt hinter hohen Mauern, die mit Kameras und Stacheldraht bestückt sind. Aber die Aussichten, eines Tages ohne diese Maßnahmen auszukommen, sind gut. Südafrika erlebt mit etwa 8 Prozent jährlichem Wirtschaftswachstum einen Boom wie kein anderes afrikanisches Land. Dank der demokratisch gewählten Regierung hilft das auch den armen Bevölkerungsschichten.

Rudolph Giuliani sorgt für Sicherheit

Dennoch ist die Wahrscheinlichkeit, in Johannesburg Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden, etwa 59-mal höher als in Europa. Südafrika liegt damit in den Statistiken sogar noch vor Kolumbien. Als Tourist kann man sich in Johannesburg kaum frei bewegen, schon gar nicht nachts. Es gibt aber auch keinen Grund, nachts auf die Straße zu gehen, denn die meisten Restaurants und Bars sind abends geschlossen.

In manchen Stadtteilen sind die Bürgersteige voll von Obdachlosen, die hier mit Decken und Lumpen notdürftig zugedeckt die Nächte verbringen. Auf der Suche nach Arbeit und Essen leben sie zu Tausenden in den Innenstädten. Die meisten kommen aus dem Kongo, von wo sie vor dem Bürgerkrieg geflüchtet sind.

Schwer vorstellbar, wie sich in dieser Stadt Touristen und Fans aus aller Welt bewegen und vor allem Spaß am Fußball haben sollen. Die hohe Kriminalität gilt als Hauptproblem im Vorfeld der WM. Um sie in den Griff zu bekommen, wurde prominente Hilfe engagiert: New Yorks ehemaliger Bürgermeister Rudolph Giuliani tritt den Johannesburgern beratend zur Seite. Tatsächlich lassen sich erste Erfolge verzeichnen.

Ziegen im Strafraum

Ziegen im Strafraum

Die Südafrikaner sehen die hohe Kriminalität als Folge der Armut im Land. Sie zweifeln aber nicht, dass sie die Probleme in den Griff bekommen werden. In den Townships um Kapstadt hat sich die Lage schon verbessert. Hier lebt der Großteil der schwarzen Bevölkerung der Stadt, und die Lebensbedingungen sind vergleichsweise gut.

Es gibt Toiletten, Strom und Licht - und es gibt Fußballplätze. Gleich nachdem die meisten Einwohner mit einem Dach über dem Kopf versorgt waren, wurden Sportplätze gebaut und sind seitdem Zentrum des sozialen Lebens vor allem für die Kinder. Die Townships sind die Keimzelle des afrikanischen Fußballs. Fußball ist in Südafrika der Sport der Schwarzen.

"Es bedeutet den Kindern viel, sie träumen alle von einer Karriere in den großen Clubs in Übersee", sagt Thulani Njili, Manager und Jugendtrainer des Fußballklubs im Township von Kapstadt. Es ist Sonntag, und die "Khayelitsha Soccer Boys" spielen gegen ein Team aus dem Nachbartownship. Die Mannschaften sind wie in Deutschland in verschiedenen Ligen organisiert. Der Platz ist eben, es gibt Eckfahnen, Schieds- und Linienrichter, schreiende Trainer und eine Tribüne, die in Größe und Bauart in etwa einem deutschen Regionalligaclub entspricht.

Eine Ziege kreuzt hin und wieder den Strafraum auf der Suche nach etwas Essbarem, wird aber auf dem staubigen Platz nicht fündig. Die Trikots der Spieler sehen noch recht neu aus, die Tore sind schief und ohne Netze. Meist werden die Trikots nach dem Abpfiff an die nächste Mannschaft weitergegeben, denn Ausrüstung ist ein großes Problem, sagt Thulani: "Wir haben nicht genug Schuhe für alle Spieler. Die Trikots passen den Spieler meist auch nicht, aber das macht uns nichts. Hauptproblem sind die Schuhe."

Hoffen auf den Talentsucher

Xolisa, der Spieler mit der Nummer 13, misst gerade mal 1,50 Meter und ist mit elf Jahren der jüngste Spieler auf dem Platz. Sein Trikot hängt ihm bis zu den Kniekehlen und schließt fast nahtlos mit den Stutzen ab. Xolisa hat dafür fast neue Fußballschuhe. Einige Spieler tragen Straßenschuhe, aber keiner spielt barfuß.

"Wenn ein Talentsucher kommt, werde ich alles geben", sagt Xolisa, "eines Tages wird ich dann vielleicht bei den Kaizer Chiefs spielen und viel Geld verdienen. Es sind oft Talentsucher in den Townships und suchen Spieler für die großen Clubs." An diesem Tag war kein Talentsucher da. Xolisas Chance, entdeckt zu werden, entspricht in etwa der eines Jugendspielers unserer Gefilde, ist also genauso groß oder klein wie überall auf der Welt. Das ist Motivation genug.

"Die Kids von den Straßen holen"

"Die Kids von den Straßen holen"

"Unser Hauptziel ist es, die Kids von den Straßen fernzuhalten, weg von Drogen und Gewalt, und ihnen zu zeigen, dass es Menschen gibt, die sich für sie interessieren", sagt Thulani Njili. Der Polizist weiß, wovon er spricht. Er stammt aus dem Township und hat die Trikots aus seiner eigenen Tasche bezahlt. Es sind Leute wie Njili, die das Land verändern.

Direkt an der wunderschönen Küste und etwa 20 Kilometer Luftlinie vom Khayelitsha Township entfernt liegt das Green Point Stadium Kapstadt - oder besser gesagt: Die Baustelle, auf der es entsteht. Die Arbeiter sind mit Ausnahme einiger Vorarbeiter schwarz, und es sind viele. Alle tragen Helme und sind auch sonst gut ausgerüstet. Es wird zügig gearbeitet. Die ganze Baustelle macht einen sehr geordneten Eindruck.

Ein Baggerführer hebt gerade das Fundament einer der Stützen aus, die einmal das Stadiondach tragen sollen. Wir treffen nur auf lachende Gesichter, die Arbeit scheint Spaß zu machen, wahrscheinlich noch etwas mehr, seit die Arbeiter sich in einem spontanen Streik einen Dollar mehr pro Tag erkämpft haben. Wie hier in Kapstadt sind auch die anderen Baustellen im Land im Zeitplan. Man kann davon ausgehen, dass alle Stadien rechtzeitig fertig werden.

Die Politiker besuchen nur Vorzeigeklubs

Ob Xolisa und seine Freunde wirtschaftlich von der WM profitieren werden? Im Moment sieht es eher nicht danach aus, denn der FIFA World Cup 2010 ist wie die meisten Weltmeisterschaften zuvor auch fest in der Hand von internationalen Konzernen. Zwar geben sich Politiker aus aller Herren Länder in Südafrika die Klinke in die Hand, jedoch besuchen sie meist nur Vorzeigeklubs.

In die Townships wagt sich kaum einer, wegen der Sicherheit und weil die Fußballplätze dort eben nicht so schön aussehen. Dennoch darf man auf eine einzigartige Weltmeisterschaft gespannt sein. Bunt, laut und eventuell manchmal etwas chaotisch. Etwas Besonderes eben. Wer weiß, vielleicht springen dabei auch ein paar Fußballschuhe für die Jungs von den Khayelitsha Soccer Boys heraus.

Fotostrecke: Südafrika im Fußballfieber

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.