Sonntag, 15. Dezember 2019

Mexiko-Stadt Ein Moloch erstickt

Ein Häusermeer mit 20 Millionen Einwohnern auf einer Fläche, dreimal so groß wie das Saarland: Mexiko-Stadt hat vier Millionen Autos und 11.000 Kilometer Straßen - aber weniger als 40 Kilometer Radwege. Die Stadtplaner sinnen auf Abhilfe.

Mexiko-Stadt - Sie bilden eine winzige Minderheit in Mexiko- Stadt, die Radfahrer. Nur wenige der 20 Millionen Einwohner benutzen ein Fahrrad, um allmorgendlich ins Büro, zur Schule oder in die Fabrik zu kommen. Kein Wunder, sieht man sich den Moloch Mexiko-Stadt genauer an: Vier Millionen Autos, zehntausende Lastwagen, 108.000 Taxis und 28.000 Busse verstopfen täglich die Straßen der Hauptstadt.

Einem Straßennetz von fast 11.000 Kilometern stehen nicht einmal 40 Kilometer Radwege gegenüber. Doch die Megacity hat noch viel größere Probleme als Radwege und Autoabgase. Jeder der 16 Stadtteile, Delegaciones genannt, wäre in Europa schon eine Großstadt und ist noch einmal in weitere, kleinere Einheiten unterteilt, die Colonias. Die schiere Masse der Stadt lässt im Ausland oft nur ein verheerendes Urteil zu: Mexiko-Stadt sei ein riesiges, stinkendes, lautes und gefährliches Ungeheuer. Unregierbar und im Griff von Chaos, Kriminalität, Willkür und Korruption.

Das Chaos unter Kontrolle bringen

Menschen würden überfallen, ausgeraubt, entführt und erschossen. Jeden Tag. Die seit zehn Monaten amtierende linksgerichtete Stadtregierung startete im Frühjahr eine Kampagne, um Mexiko-Stadt wieder lebenswert zu machen. "Unsere Priorität sind die Menschen. Wir wollen eine Kultur des Respekts gegenüber dem Fußgänger und dem Fahrradfahrer fördern und allen einen würdigen Zugang zu den öffentlichen Einrichtungen ermöglichen", sagte Bürgermeister Marcelo Ebrard bei seiner ersten Regierungserklärung.

Ebrard geht es vor allem darum, das Verkehrschaos unter Kontrolle zu bringen. Auf praktisch allen großen Straßen und den kleinen Schleichwegen herrscht allabendlich Stau. Zu bestimmten Zeiten bewegen sich die Autokarawanen nur im Schritttempo voran. Wenn dann noch an einer wichtigen Kreuzung demonstriert wird oder eine Übung für den Fall eines Erdbebens ansteht, kommen Tausende nicht rechtzeitig nach Hause, ins Büro, in die Schule.

Der Bürgermeister will daher unter anderem ein Netz von Radwegen aufbauen. "Jedes Jahr werden wir 60 Kilometer bauen", erklärt Tanja Müller, Direktorin für Umwelt in der Stadtregierung. Schon jetzt müssen alle 16.000 Behördenmitarbeiter jeden ersten Montag im Monat ins Amt radeln.

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