Tokio Leben auf dem Pulverfass

Der ständig lauernden Gefahr eines verheerenden Erdbebens sind sich die Bewohner Tokios durchaus bewusst. Schließlich wäre längst mal wieder eines fällig. Anlass genug für ein Regierungsprojekt gigantischen Ausmaßes.

Tokio - Zäh kriechen die Autoschlangen über hohe Betonstelzen hinein in das unendliche Häusermeer. Es ist ein überwiegend flaches Meer, das sich vor den Augen des Betrachters ausbreitet. Entgegen dem Klischee sind die meisten Häuser in Tokio nur zweistöckig. Dazwischen ragen jedoch zunehmend hochmoderne riesige Geschäfts- und Wohnkomplexe in den Himmel, die die Silhouette der Millionen-Hauptstadt in den vergangenen Jahren imposant verändert haben.

Was jedoch selbst viele Japaner nicht wissen, ist, dass ihre riesige Metropole jeden Tag auch unter der Erde weiter wächst. Um die Lebensadern dieses politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Machtzentrums der zweitgrößten Wirtschaftsnation der Welt gegen die ständig lauernde Gefahr verheerender Erdbeben besser zu schützen, lässt die Regierung unter Tage ein gigantisches Tunnelnetzwerk bauen.

Der Abstieg in Tokios Unterwelt beginnt nur wenige Meter vom Regierungssitz Kasumigaseki entfernt. Ein vergitterter Aufzug ruckelt in die Tiefe. Ringsherum hallt das Rattern von den betonierten Wänden. "Hier werden künftig die Strom-, Wasser-, Gas- und Telefonleitungen entlanglaufen", erklärt Takeshi Motozumi, zuständig für die Planungsarbeiten beim japanischen Ministerium für Land, Infrastruktur und Transport, und zeigt in eine mehrere Meter breite begehbare Betonröhre.

Wie hier, 40 Meter unter der Erde, werden auch an anderen zentralen Stellen die für den hochkomplexen urbanen Organismus der Stadt lebensnotwendigen "Lifelines" in kilometerlangen Betonröhren, den so genannten Kyodo-ko, gebündelt.

"Bei dem schweren Erdbeben 1995 im Raum der Hafenstadt Kobe hat sich gezeigt, dass die Leitungen, die sich in solchen Kyodo-ko befanden, so gut wie unbeschadet blieben", sagt Motozumi. Wie er wissen auch die übrigen Bewohner im Großraum Tokio, wo je nach Radius zwischen 15 und mehr als 30 Millionen Menschen konzentriert sind und die durchschnittliche Wohnungsgröße 64,5 Quadratmeter für 2,13 Personen beträgt, dass sie auf einem Pulverfass leben und jederzeit von einem Erdbeben heimgesucht werden können.

Seit 44 Jahren baut Japan schon an solchen Kyodo-ko, bisher sind 550 Kilometer in großen Städten wie Sendai, Fukuoka und Tokio fertig - in der japanischen Hauptstadt sind die Arbeiten weit fortgeschritten. "In den 23 Stadtbezirken von Tokio liegen fast alle der Leitungen unter der Erde, und zwar meistens unter den Straßen", erläutert Motozumi. Ein weiteres Ziel der Kyodo-ko ist es, die Zahl der Verkehrsstaus zu reduzieren.

Unterirdisches Megaprojekt gegen Überflutung

Unterirdisches Megaprojekt gegen Überflutung

Jedes Jahr gibt es in Japan 70.000 Straßenbauarbeiten, 70 Prozent davon wegen Reparaturen an den Lifelines, was in Ballungsgebieten wie Tokio schnell zu kilometerlangen Staus führt. Durch die Bündelung in den durch Gänge begehbaren Kyodo-ko brauchen künftig die Straßen nicht mehr aufgerissen zu werden, um an die Leitungen zu gelangen.

Auf diese Weise verschwinden zugleich immer mehr der hässlichen, platzraubenden und bei Erdbeben gefährlichen Strommasten aus dem Stadtbild. Da sich unter Tokio jedoch auch ein gigantisches Netzwerk an U-Bahn-Schächten, Einkaufszonen und Parkhäusern befindet, müssen die mehrere Meter breiten Tunnel für die Kyodo-ko in bis zu mehr als 40 Metern Tiefe gegraben werden. "1,5 Kilometer kosten uns 18 Milliarden Yen", sagt Motozumi - das sind 110 Millionen Euro.

Es gibt ein weiteres unterirdisches Megaprojekt, das Teile Tokios vor Naturgewalten wie Taifunen und starken Niederschlägen schützen soll, die angesichts der rapiden Bebauung und hohen Bevölkerungsdichte leicht zu Überflutungen führen können. Flutkontrollanlagen sollen diese Gefahr abwehren. Eine der größten Anlagen der Welt liegt im Norden der japanischen Hauptstadt.

"In diesen Schacht hier passt die Freiheitsstatue von New York oder ein Space Shuttle hinein", erläutert Direktor Kakehiko Kito. Fünf solcher runden Auffangschächte, die bis in eine Tiefe von 71 Metern reichen, sind mit einem 6,3 Kilometer langen unterirdischen Tunnelkanal verbunden. Mit einem Durchmesser von zehn Metern leitet dieser Tunnel die Wassermassen zunächst in einen gigantischen Tank.

Von dieser Auffanghalle, in die eine Treppe von der Höhe eines siebenstöckigen Hochhauses herabführt und die mit ihren 59 jeweils 500 Tonnen schweren Pfeilern wie aus einem Science-Fiction-Film wirkt, werden die gesammelten Wassermassen schließlich in den breiten Edogawa-Fluss geleitet. Hierzu wird das Wasser mit Hilfe eines umgebauten Triebwerks eines Jumbojets abgepumpt.

"In einer Sekunde können 200 Tonnen gepumpt werden", erläutert Kito. Insgesamt fassen Röhren und Tunnel 670 000 Tonnen Wasser. Mit den ersten drei der Abflussröhren hatte man vor sechs Jahren begonnen, seither wurde das System bereits 37 Mal aktiviert. Mittlerweile wurde die Flutkontrollanlage fertiggestellt. Sie soll dazu beitragen, dass die Menschen in Tokio sicherer leben können.

Lars Nicolaysen, dpa

Zahlen, Daten, Fakten zu Tokio

Zahlen, Daten, Fakten zu Tokio

Einwohnerzahl 2005: Großraum 35,2 Millionen

Entwicklung: 1950 11,3 Millionen; Prognose für 2015 35,5 Millionen

Fläche: 13.100 Quadratkilometer

Bevölkerungsdichte: 2687 Menschen pro Quadratkilometer

Immobilien: in Region 100 Millionen Quadratmeter Büroflächen, allein 21,6 Millionen Quadratmeter in fünf Innenstadtbezirken

U-Bahn: täglich 7,8 Millionen Fahrgäste

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