Venedig Besser gut benehmen

Seit Jahren suchen die Venezianer nach einem Konzept, den Touristenansturm zu kanalisieren. Nun wollen sie den Besuchern auch noch gutes Benehmen beibringen. Touristen, die sich auf dem Boden des Markusplatzes lümmeln, womöglich an einem Brötchen kauen, soll es künftig nicht mehr geben. Eine "Benimm-Polizei" geht extra Streife.

Rom/Venedig - Das Bild ist allseits bekannt - ob in Rom, Wien, München oder New York: Junge Leute sitzen Brötchen kauend mitten auf den berühmtesten Plätzen, müde Touristen fläzen sich auf marmornen Treppenstufen, und in der größten Mittagshitze läuft so mancher schwitzende Mann mit freiem Oberkörper durch die Innenstadt.

Während derartiges Verhalten fast überall ohne Murren geduldet wird, hat Venedig jetzt einen Großangriff auf schlechte Manieren und rüpelhaftes Benehmen gestartet: Seit einigen Tagen hat die Stadtverwaltung 70 zivile "Ordnungshüter" rund um den Markusplatz eingesetzt, die den Passanten Benimm-Regeln eintrichtern sollen.

Präsidentin der Freiwilligen-Truppe, die sich unter anderem aus Rentnern, Studenten, Hausfrauen und Gondolieri zusammensetzt, ist Maria Teresa Babanicas, eine eingefleischte Venezianerin: "Wir wollen den bedeutendsten Platz der Welt - die Piazza San Marco - schützen, und es sind die Venezianer selbst, die ihre Stadt verteidigen", sagt sie.

Die "Engel vom Markusplatz"

In grell orangefarbene Westen gehüllt läuft die "Benimm-Polizei" täglich von 12 bis 14 Uhr über den Platz und klärt Einwohner und Touristen darüber auf, was am Canal Grande in Sachen gute Kinderstube geht und was nicht. Zudem werden Flugblätter verteilt, auf denen die Regeln in fünf Sprachen erklärt sind.

Unter anderem ist es seit einigen Monaten untersagt, auf der weltberühmten Piazza und rund um den Markus-Dom zu picknicken. Auch nackte Oberkörper sowie Kirchenbesuche in zu weit ausgeschnittenen oder zu kurzen Kleidern sind verboten. Noch weniger gern ist es in der Lagunenstadt gesehen, wenn Passanten Abfälle einfach herumliegen lassen, Häuserwände bekritzeln und sich zum Ausruhen auf den Boden oder auf Stufen legen. Die Stadt hatte bereits vor Monaten Verbotsschilder aufgestellt - aber ohne großen Erfolg.

Deshalb sollen jetzt die "Engel vom Markusplatz" - wie die freiwillige Einsatztruppe liebevoll genannt wird - in persönlichen Gesprächen für Manieren sorgen. Die Idee stammt von Tourismus-Assessor Augusto Salvadori. "Normalerweise stehen die Leute gleich auf und folgen unseren Ratschlägen", erklärt Signora Babanicas.

Bußgelder bis zu 250 Euro möglich

Bußgelder bis zu 250 Euro möglich

Besonders Touristen seien sehr brav und einsichtig. "Wenn jemand uns nicht zuhören will, dann ist das meist jemand aus Venedig." Bei besonders aufmüpfigen Fällen ruft die "Benimm-Polizei" die Kollegen von der echten Polizei. Und die verteilt, je nach Härtegrad des Vergehens, Bußgelder zwischen 25 und 250 Euro.

Ziel der Stadtväter ist es dabei gar nicht, streng oder megapenibel zu wirken. Ohne drastische Maßnahmen in puncto gutes Benehmen würde die romantische, 270.000 Einwohner zählende Lagunenstadt angesichts von über 20 Millionen Besuchern pro Jahr bald ihr einmaliges Flair einbüßen, so die Meinung. "Die gute Stube Venedigs muss geschützt werden, koste es, was es wolle", kommentiert ein Bewohner.

Deshalb soll es jetzt auch den Tauben auf dem Markusplatz an den Kragen gehen. Bürgermeister Massimo Cacciari hat angeordnet, dass die Verkäufer von Taubenfutter von der Piazza verschwinden sollen. Schließlich hatte eine Untersuchung zuletzt ergeben, dass die durch den Dreck der Vögel verursachten Schäden jeden Einwohner jährlich stolze 275 Euro kosten. Und schön anzusehen ist der Taubenschmutz auch nicht - ebenso wenig wie beschmierte Häuserwände und nackte schwitzende Oberkörper.

Carola Frentzen, dpa

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