Namibia Ein Paradies für Tiere

Elefanten, Zebras, Löwen und Nashörner haben hier ein Zuhause gefunden. Der Etoscha-Park begeistert jedes Jahr zahlreiche Touristen. Nun feiert der bedeutendste Nationalpark Namibias seinen 100. Geburtstag. Anlass genug, die Camps des Reservoirs mit ein wenig mehr Luxus auszustatten.
Von Harald Stutte

Sie sind längst alle wieder da: Elefanten, Spitzmaulnashörner, Löwen. Selbst das Schwarznasenimpala, welches nur in dieser Region Afrikas lebt und beinahe ausgestorben war, hat hier im Norden Namibias seinen Lebensraum von einst zurückerobert. Der 100-jährige Geburtstag des Etoscha-Parks, der am kommenden Freitag mit einem zentralen Festakt gefeiert wird, erzählt eine der selten gewordenen Erfolgsgeschichten vom Öko-Patienten Erde – ein Märchen von einem 22.000 Quadratkilometer großen Flecken, was etwa der Größe Hessens entspricht, der ausschließlich für Tiere reserviert ist und wo der Mensch nur Gast ist.

Dabei galt "Südwest", wie Namibia einst hieß, nach nur 13 Jahren deutscher Kolonialherrschaft 1907 als nahezu "befreit" – und zwar von all jenen Tieren, die schon Kinder mit Afrika in Verbindung bringen. Deutsche Siedler, gelangweilte Soldaten der seit dem Herero-Aufstand 1904 aufgestockten Kolonialtruppe und Verwaltungsbeamte hatten ganze Arbeit geleistet.

Die Buschleute sind die Verlierer

In schön illustrierten Büchern aus der Kaiserzeit – verfasst "Für die Jugend" – kann nachgelesen werden, was Preußens Söhne im fernen Afrika in ihrer Freizeit trieben: "Farmer Janson in Franzfontain hat allein in der nächsten Umgebung seiner Besitzung etwa fünfzig Leoparden zur Strecke gebracht", ohne dass eine Abnahme "dieses Raubzeugs" zu bemerken wäre, heißt im Buch "Eine Reise durch die deutschen Kolonien", Band IV. Das vegetationsarme, riesige Areal machte es den schießwütigen Freizeitjägern zudem leicht, ihrem Hobby nachzugehen: Denn anders als in der Savanne Südafrikas ließ sich in weiten Teilen von Südwest eine Elefantenherde mit bloßem Auge schon aus weiter Ferne erspähen.

Gouverneur Friedrich von Lindequist reagierte mit deutscher Gründlichkeit auf die drohende Ausrottung von Dickhäutern, Raub- und Huftieren. Er erklärte 1907 gleich ein Viertel der gesamten Kolonie – fast 100.000 Quadratkilometer, was etwa der heutigen Größe Ostdeutschlands entspricht – zum Naturschutzgebiet. Mit durchschlagendem Erfolg.

Die erfolgreiche "Rückkunft" von Schwarznasenimpala, Rhinozeros und Co., so heißt das wohl in der Beamtensprache, sei "der bedeutendste Meilenstein in den letzten 100 Jahren", erklärte stolz Namibias Umwelt- und Tourismusminister Willem Konjore zu Beginn der 100-Jahr-Feiern des Parks, der mittlerweile die größte touristische Attraktion des Landes geworden ist. Namibia profitiert davon: allein 61.000 Deutsche besuchten im letzten Jahr das Land, und die Zahl der Gäste wächst jährlich um etwa fünf Prozent.

Aus den Herren der Steppen wurden Tagelöhner

Verlierer und Gewinner

Doch da, wo heute wieder Elefanten, Spitzmaulnashörner und Löwen zu Hunderten leben, wohnten vor 100 Jahren auch Menschen. Und so ist die Geschichte des Etoscha-Parks zwar ein Glücksfall für Afrikas gefährdete Fauna, doch sie kennt auch Verlierer. Verloren hat das Volk, dem der 29-jährige Bandu Komob angehört – und zwar seine Heimat, in der es vermutlich seit Jahrtausenden siedelte.

Die Buschleute vom Stamme der Hai//om, wobei das "//" für den typischen Klicklaut in der Sprache dieses Volkes steht, lebten einst in dem Gebiet, welches Namibias weiße Herrscher ausschließlich für Tiere reserviert hatten.

Noch bis in die vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurden bis zu 1000 Hai//om von der inzwischen südafrikanischen Mandatsverwaltung als "fester Bestandteil" des Parks geduldet, wie sich der Native Commissioner von Ovamboland ausdrückte. Man sah in ihnen eine skurrile humanoide Bereicherung des tierischen Ensembles. Sie galten weder als Bedrohung des Wildbestandes, noch empfand man sie als störend für den allmählichen einsetzenden Tourismus. Und trotz strikten Jagdverbotes im Park durften die Hai//om für den Eigenbedarf weiter Tiere fangen, sie wurden lediglich bei der Jagd von seltenen Wildarten eingeschränkt.

Aus den Herren der Steppen wurden Tagelöhner

Doch das änderte sich, als nach 1948 in Südafrika und damit auch im Mandatsgebiet die Apartheid-Ideologie der Rassentrennung offizielle Regierungspolitik wurde. Die Rechte der nicht-weißen Bevölkerung wurden weiter eingeschränkt. Mitte 1954 mussten auch die Letzten im Park verbliebenen Hai//om ihre Sachen packen und das Gebiet verlassen. Das letzte Kapitel der Vertreibung wurde eingeläutet. Die einstigen Jäger und Sammler sollten "umerzogen" werden und mussten auf den Farmen der weißen Siedler arbeiten.

Die Hai//om taten, wie ihnen geheißen. Auch weil den Ureinwohnern im südlichen Afrika, einst verächtlich Buschmänner genannt, jeglicher aggressiver Charakterzug fehlt. Sie verlernten ihre mit Klicklauten durchsetzte Sprache, ihre Mythen, Traditionen und das Überleben im Einklang mit einer lebensfeindlichen Natur. Aus den Herren der Steppen, Wüsten und Savannen wurde ein Volk von Tagelöhnern und Bittstellern. Das sind sie bis heute geblieben, denn auch von den großen schwarzen Bantu-Völkern des Landes, den vor Jahrhunderten aus Zentralafrika eingewanderten Ovambo, Herero, Kavango und Himba, wurden sie ausgegrenzt und unterdrückt.

Und so änderte sich auch nichts, als Namibia 1990 endlich unabhängig und frei wurde: Die Tiere blieben im Park, die Hai//om draußen. Der 29-jährige Bandu Komob ist einer von wenigen Hai//om, die im Etoscha-Park wieder ihren Lebensmittelpunkt gefunden haben: Er ist Personal-Manager im Küchenbereich des im Park gelegenen Rast-Camps Okaukuejo, welches vom "Nambian Wildlife Resort" (NWR) betrieben wird. Nur dem staatlichen Unternehmen ist es erlaubt, im Park Camps für Touristen zu unterhalten.

Neuer Luxus in den staatlichen Camps

Neuer Luxus in den staatlichen Camps

Bandu Komob lebt vom Safari-Tourismus, der in Namibia, so wie auch in anderen Gebieten des südlichen Afrika, ein Wachstumssektor ist. Und so sieht er das Parkjubiläum mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Er freut sich, dass die drei staatlichen Lodges im Park – Okaukuejo, Halali und Namutoni – aufwendig renoviert wurden und jetzt pünktlich zur 100-Jahr-Feier im neuen Licht erstrahlen. Lange Zeit galten die staatlichen Camps im Unterschied zu privaten Lodges, die sich rund um den Park angesiedelt haben, als heruntergekommene Service-Wüsten.

Den neuen Luxus verdanken die Unterkünfte dem neuen NWR-Chef Tobi Aupindi, und das Land verspricht sich davon höhere Einnahmen. Aber profitieren endlich auch die Hai//om davon? Bandu Komob kritisiert, dass den Angehörigen seines Volkes nicht längst Gerechtigkeit widerfahren ist – und sei es durch Entschädigungszahlungen oder Bereitstellung von Ersatzländereien.

Doch es gibt Anlass zur Hoffnung, dass zum Jubiläum des Parks auch den einstigen Herren Genugtuung widerfährt. Denn inzwischen hat das namibische Kabinett Plänen zugestimmt, Farmen an der Süd- und Ostgrenze des Parks durch das Ministerium für Ländereien und Neusiedlung zu erwerben, um dort Hai//om anzusiedeln. "Wir stellen uns vor, dass dort zwei Hegegebiete für die Hai//om geschaffen werden, die von den Angestellten des Ministeriums im Etoscha-Nationalpark unterstützt werden", verkündete jüngst Tourismusminister Konjore.

Die Ureinwohner des südlichen Afrikas wären dann zumindest wieder in der Nähe ihrer heiligen Gründe. Und die Erfolgsgeschichte des Etoscha-Parks wäre um ein menschliches Kapitel reicher.

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