São Paulo Über den Wolken

São Paulo ist eine Stadt der Superlative - das ist sogar in der Luft zu spüren: Rund 700 Hubschrauber kreisen täglich über der Wirtschaftsmetropole, um dem Verkehrsinfarkt zu entgehen. Doch abseits von Straßenchaos, Armut und Kriminalität bietet die heimliche Hauptstadt Brasiliens auch ganz unerwartete Seiten.

São Paulo - Lucia schreckt wieder einmal auf. "An den Krach gewöhnt man sich nie", sagt die 54-jährige Hausfrau mit zorniger Stimme, nachdem der Hubschrauber am Küchenfenster vorbeigedonnert ist. Die Brasilianerin wohnt mit ihrem deutschen Mann im 12. Stock eines Wohnhauses im feinen Stadtviertel Itaim-Bibi. Im Durchschnitt flögen täglich 50 Hubschrauber hier vorbei, sagt sie. In São Paulo, mit knapp 20 Millionen Einwohnern der drittgrößte Ballungsraum der Welt, entkommt man dem Moloch selbst in luftigen Höhen nicht.

Nach New York soll São Paulo mit rund 700 Maschinen die Stadt mit den meisten Hubschraubern weltweit sein. Seit Jahren werden Bürohäuser nur noch mit Landeplatz gebaut. Topmanager und Show-Stars versuchen, dem Chaos und der Gewalt davonzufliegen, die in Brasiliens "heimlicher Hauptstadt" zum Alltag gehören. Der Rechtsanwalt Marco Castello gründete aber eine Bürgerinitiative gegen die "fliegenden Monster". "Man kann sich oft nicht einmal unterhalten. Viele Flüge und Heliports sind illegal, aber die Stadt tut nichts", klagt er.

Den Vorwurf, der Gesetzlosigkeit tatenlos zuzusehen, muss sich die Stadtverwaltung schon seit Jahrzehnten von Städteplanern, Architekten, Verkehrsexperten und Umweltschützern anhören. Besonders schlimm ist der Verkehr. "Er ist bei uns so gewalttätig und unmenschlich wie nirgendwo sonst", meint der Musiker Paulo Miklos. Rund sechs Millionen Autos sorgen täglich für mehr als 150 Kilometer Stau.

Tausende jugendliche "Motoboys", Kuriere auf Motorrädern, kurven derweil wie besessen zwischen den Autos hindurch, um Pizza, Sushi oder Verträge abzuliefern. Jeden Tag kommen zwei "Motoboys" ums Leben, jedes Jahr sterben insgesamt 1500 Menschen auf den Straßen São Paulos.

Experten warnen nicht nur vor einem Verkehrs-, sondern auch vor einem Müll- und Umweltkollaps. Die Metropole produziert täglich 14.000 Tonnen Abfall, das Fassungsvermögen der Deponien ist an seinen Grenzen angelangt. Weil die Luft so schmutzig ist und überall Lichter strahlen, sind Sterne von den Straßen São Paulos aus nicht mehr zu sehen. "Die Sterne meiner Kindheit vermisse ich sehr", sagt der Präsident des Verbandes der privaten Schulen, Jose Lourenço.

Als am schlimmsten empfinden die Stadtbewohner aber die Gewalt. Jedes Jahr werden in der Wirtschaftsmetropole bis zu 10.000 Menschen ermordet, mehr als 200.000 Überfälle versetzen die Bürger in Schrecken. "Wer hier überlebt, schafft Irak mit links", meint die Sängerin Rita Lee.

Krasse Gegensätze

Krasse Gegensätze

Die sozialen Gegensätze, die in Brasilien so krass sind wie in kaum einem anderen Land der Welt, nähren laut Experten die Kriminalität. Im Daslu, einem Luxuskaufhaus mit griechischen Säulen, kann man inzwischen sogar Ferraris und Hubschrauber erwerben. Ganz in der Nähe schlagen nachts Obdachlose ihre Papp- und Zeitungsbetten in einer Fußgängerzone auf. Rund 12.000 schlafen in der ganzen Stadt unter freiem Himmel.

Die Zahl der Slumbewohner schießt unterdessen unaufhaltsam in die Höhe. Rund zwei Millionen Menschen hausen unter schlimmsten hygienischen Bedingungen in den Bruchbuden der Elendsviertel, den Favelas. Das sind 38 Prozent mehr als vor vier Jahren. Der Staat habe sich aus den ärmsten Stadtgebieten praktisch zurückgezogen, klagt die angesehene Städteplanerin Regina Meyer. Das fördere die Gewalt.

Immer mehr Wohlhabende verschanzen sich dagegen in geschützten Wohnanlagen. Alphaville ist einer dieser Komplexe mit vollständiger eigener Infrastruktur: Einkaufszentren, Kliniken, Apotheken, Banken, Hotels, Kinos und vieles mehr.

Etwa 10 Kilometer außerhalb der Metropole leben dort rund 50.000 Menschen vollständig abgeschottet von der Außenwelt. Wenn sie nicht mit einem Hubschrauber fliegt, fährt die Unternehmerin Yara Baumgart in gepanzerten Wagen mit zwei Leibwächtern. "São Paulo ist verrückt, aber wenn ich länger auf Reisen bin, vermisse ich diese Verrücktheit", sagt sie.

São Paulo ist jedoch nicht nur in negativer Hinsicht eine Stadt der Superlative. Da sich dort im Laufe der vergangenen 50 Jahre mehr als 1000 Firmen deutschen Ursprungs niedergelassen haben, gilt die brasilianische Metropole als "größte deutsche Industriestadt".

Der städtische Park Ibirapuera steht dem Central Park von New York in nichts nach. Die Biennale ist die drittwichtigste Kunstausstellung der Welt. 70 Museen locken Touristen und Einheimische, rund 300 Kinos, 120 Theater und 12.500 Restaurants garantieren ein buntes Nachtleben.

Rund ein Drittel des brasilianischen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet die Metropole am Rio Tiete. Erzrivale Rio de Janeiro hinkt seit Jahren kulturell und wirtschaftlich weit hinterher. Dort macht man sich aber immer noch darüber lustig, dass die "Paulistas" 70 Kilometer bis zum Strand zurücklegen müssen.

Emilio Rappold, dpa

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