Norwegen Hinter dem Polarkreis

Berge, Fjorde, Schären und kleine Fischerorte mit knallroten Holzhäusern - die Landschaft Norwegens scheint oft wie aus dem Bilderbuch. Angesichts feinsandiger Badebuchten müssen selbst Badefreuden bei einer Reise ans Nordkap nicht auf der Strecke bleiben.

Tromsø - Oft wird es von Stürmen heimgesucht und manchmal ist es zum Leidwesen der Besucher auch nebelverhangen: Genau auf 71 Grad 10 Minuten und 21 Sekunden nördlicher Breite befindet sich das legendäre Nordkap. Seinen Namen erhielt es 1553 vom englischen Seefahrer Richard Chancellor, der sich am nördlichsten Punkt Europas wähnte - was allerdings nicht ganz der Fall war.

Seitdem zieht das 307 Meter hohe Plateau Menschen an. Mancher ist auf den ersten Blick etwas enttäuscht, weil er sich das Nordkap spektakulärer vorgestellt hatte. Doch man muss ihm Zeit geben, diesem beinahe nördlichsten Punkt Europas. Erst dann, wenn man dem Wind lauscht, den Wellen zuhört und sich in der Weite des arktischen Meeres verliert, kann der Zauber wirken.

Verzaubert wirkt so einiges in Nordnorwegen: Die Landschaft mit ihren schroffen Bergen und tiefen Fjorden scheint aus einer anderen Welt zu stammen. Vielleicht ist an der Sache mit den Trollen doch was dran. Unzählige Geschichten erzählen von den Fabelwesen, die - egal ob daumengroß oder riesig wie ein Berg - uns Menschen nicht besonders zu mögen scheinen.

Wenn man auch nicht unbedingt auf Trolle trifft, so doch auf einen immer wiederkehrenden Superlativ: der nördlichste Golfplatz, die nördlichste Brauerei, die nördlichste Stadt. Letzterer, nämlich Hammerfest, geht es allerdings nicht besser als dem Nordkap: sie ist nicht mehr die nördlichste Stadt Europas. Das ist jetzt Honningsvåg, welches 1998 die Stadtrechte erhalten hat. Eine Vereinbarung der beiden Städte erlaubt Hammerfest jedoch, sich nach wie vor als nördlichste Stadt Europas zu präsentieren.

Die Atmosphäre ist so ruhig und gelassen wie eigentlich überall im Land. Nur wenn ein Hurtigruten-Postschiff anlegt, wird es etwas geschäftiger: Waren werden entladen, die Passagiere gehen von Bord, um durch die kleine Stadt zu streifen. Auch wenn die Linienschiffe zwischen Kirkenes und Bergen einen straffen Fahrplan haben: Hektik kommt in dem kleinen Hafen nicht auf.

Die Häuser in den Orten an der Nordmeerküste strahlen in leuchtenden Farben, so als wollten sie der langen Dunkelheit im Winter trotzen. Gemütlichkeit blinzelt aus den Fenstern heraus, vor denen in kleinen Gärten bunte Blumen blühen. Der Golfstrom macht es möglich. Denn obwohl man sich hier auf dem gleichen Breitengrad wie das nördliche Sibirien befindet, sind die Temperaturen gemäßigt. Im Sommer wurde auch schon die 30-Grad-Marke geknackt.

Während der Fahrt über die Inselgruppe der Vesterålen sind hier und da feinsandige Badebuchten zu sehen. Badespaß gibt es also auch nördlich des Polarkreises. Auf den Inseln haben sich alle Landschaftsformen des Nordens versammelt: 1200 Meter hohe Berge, Fjorde, Schären, Flüsse und Seen.

Whalewatching direkt vor der Haustür

Whalewatching direkt vor der Haustür

Andøy tanzt etwas aus der Reihe: die Hälfte ihrer Fläche besteht aus Mooren, in denen sich das flauschige Wollgras im Wind wiegt und die beliebten Moltebeeren wachsen. An der Nordspitze liegt der Fischerort Andenes. Früher startete man hier zum Walfang, heute zum Walegucken.

Nur wenige Kilometer vor der Küste beginnt die Tiefsee. Ideale Bedingungen für Pottwale. Vor dem Ausflug steht erstmal die Theorie. Eine Führung durch das Walmuseum, in dem auch ein Pottwal-Skelett zu sehen ist, bereitet die Walfreunde auf das Abenteuer vor - welches eine ziemlich wackelige Angelegenheit wird. Die Schiffe sind ehemalige Robbenfänger. Damit sie durch Eis fahren konnten, haben sie einen runden Schiffsrumpf und schaukeln wie Stehaufmännchen hin und her.

Die Wahrscheinlichkeit, auf einen Pottwal zu treffen, soll bei 95 Prozent liegen. Das ist nicht übertrieben: schon bald ist in der Ferne eine Blasfontäne zu sehen. Und wenig später taucht in der Nähe einer der Wale auf. Er prustet, tankt Sauerstoff für seinen nächsten Tauchgang. Dann ist es soweit: er krümmt seinen Rücken und zeigt das Motiv, auf das alle warten: die riesige Schwanzflosse.

Gleich südlich der Vesterålen liegen die Lofoten. Die dramatische Szenerie mit den steil aus dem Meer ragenden, zerklüfteten Bergen lässt sich am besten vom Schiff aus bewundern. Bei der Annäherung durch den Raftsund darf ein Abstecher in den Trollfjord nicht fehlen. Durch den schmalen Eingang des nur zwei Kilometer langen Fjords schieben sich zur Freude der Gäste auch die Hurtigrutenschiffe. Passagiere kleinerer Boote haben überall Botschaften auf den steilen Felswänden hinterlassen. Und hatten es mit dem Hinausfahren sicher einfacher als der Kapitän des großen Postschiffs, das am Ende des Fjords auf der Stelle wenden muss.

Die Landschaft der Lofoten ist von beeindruckender Dramatik, dazwischen wie Farbtupfer kleine Fischerorte mit knallroten Holzhäusern. Meterhohe Holzgestelle zum Trocken von Fisch erinnern daran, dass dieser die Haupteinnahmequelle der Insulaner ist. In Å, dem Ort mit dem kürzesten Namen in Norwegen, kann man im Fischereimuseum me

hr darüber erfahren, im hübschen Henningsvær noch viel von der Atmosphäre erleben. Solvær ist der Hauptort der Lofoten. Gefangen zwischen 700 Meter hohen Bergen, ist er in die Schären hinausgewachsen: einige der Häuser am Hafen stehen auf Stelzen. Und hoch oben über der Stadt sieht man zwei Gestalten von einem Felsen zum nächsten springen. Sind das Menschen - oder doch Trolle?

Elke Gersmann, ddp

Norwegen: Kühle Schönheit in Bildern

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