Florida Hummerwahnsinn

Pünktlich zu Beginn der so genannten "Minisaison" fallen sie in Florida ein: zehntausende Hummertouristen, die sich vor der Küste des Landes auf die Jagd nach der Delikatesse begeben. Zwei Tage lang herrscht im ganzen Landstrich Ausnahmezustand. Die Einheimischen gehen währen des Happenings sicherheitshalber in Deckung.

Miami/Key Largo - Der Anblick ist spektakulär: In schillernden Neonfarben zeichnet sich die Skyline von Downtown Miami vor dem nächtlichen Himmel ab. Aber auch im Wasser funkeln Lichter. Der Hummer-Countdown läuft. Auf Booten aller Größenordnung fiebern Amateurfischer dem großen Moment entgegen: jedes Jahr am letzten Mittwoch im Juli um punkt 00.00 Uhr beginnt in Florida die "Minisaison".

Zwei Tage lang darf die Allgemeinheit die begehrte Delikatesse aus dem Meer holen, bevor ein einziger Profifischer zulangen kann. Die Stimmung könnte zu Silvester nicht besser sein, denn die Voraussetzungen sind ideal. Der Hummer ist nachtaktiv, und seit März durfte er nicht mehr angefasst werden.

Jetzt im Hochsommer, wandert er weiter in den Atlantik hinein. Der Meeresboden ist übersät mit den begehrten "Käfern", wie die großen Krebse hier genannt werden.Punkt Mitternacht gehen die Hobbytaucher von Bord. Eine halbe Stunde später kann der Spaß allerdings schon vorbei sein, denn die Küstenwache behält die Freizeitfischer im Auge.

Mit dem Fernglas hält Officer Dan Groski auf seinem Patrouillenboot Ausschau nach potenziellen Gesetzesbrechern. Die Regeln sind strikt: Erlaubt sind zwölf Tiere pro Person und pro Tag der "Minisaison". Die Hummer müssen das Erwachsenenstadium erreicht haben, das heißt, der Schwanz mit dem begehrten Fleisch muss mindestens 14 Zentimeter lang sein.

Zur Ausrüstung von Amateuren und Polizisten gehört das Hummerlineal aus Plastik oder Metall. Es wird zwischen Hals- und Schwanzende angelegt und spielt eine entscheidende Rolle dabei, ob eine saftige Strafe verhängt wird oder nicht. Kleinere Tiere, aber auch trächtige Weibchen, müssen ins Wasser zurückgeworfen werden. Außerdem muss der Fang lebend an Land gebracht werden. Officer Groskis Toleranzschwelle ist niedrig.

"Der Hummer raubt den Leuten jedes Jahr den Verstand", bemerkt er trocken. "Ständig werden Taucher als vermisst gemeldet, Boote kollidieren. Das kann die 'Minisaison' einfach nicht wert sein." Letztes Jahr gab es fünf Tote. Ein Hobbyfischer fand beim Auftauchen seine Yacht nicht mehr, so viele Boote waren im Wasser.

"Das ist eine Sucht"

"Das ist eine Sucht"

Groski kontrolliert als erstes eine Jolle mit acht Bauarbeitern. Alle haben ihre Fisch-Lizenzen ordnungsgemäß für knapp zwölf Dollar erworben, und auch an den "Käfern" kann Groski nichts aussetzen: Acht Stück, also weit unter dem Limit, allesamt goldbraune Prachtstücke, und sie wackeln quietschlebendig in ihrem Wassercontainer mit Antennen und Schwanz.

Die Männer auf dem Boot sind in Hochstimmung. "Hummerjagd das ist eine Sucht", schwärmen sie mit verklärtem Blick und heben die Bierflasche. "Wir haben es uns gemütlich gemacht und den ganzen Abend draußen auf Mitternacht gewartet."

Groski horcht auf. Sind die Männer etwa betrunken? Der Bootsführer scheint ihm etwas zu fröhlich. Der Officer bringt ihn erst einmal für einen Alkoholtest an Land. "Die konsumieren auf ihren Booten alle möglichen Drogen, von Marihuana bis Kokain", erklärt er. "Abgesehen davon, dass das strafbar ist, bringen sie so auch noch andere in Gefahr." Die Bauarbeiter sind spätestens jetzt wieder ziemlich nüchtern. Die Nacht ist gelaufen, und jetzt müssen sie womöglich ewig warten, bis der Polizist ihren Kapitän wieder frei gibt.

Jessica Mantoyas Stimmung ist zur selben Zeit noch völlig ungetrübt. Mit sechs Verwandten campiert die 24-jährige Sekretärin schon seit Tagen unter der Key Long Brücke auf den Florida Keys, knapp 70 Meilen südlich von Miami. Die sonst zu dieser Jahreszeit eher ruhige Inselgruppe wird zur "Minisaison" regelmäßig überschwemmt von Hummertouristen, obwohl die Vorschriften hier noch strenger sind: nur sechs Tiere pro Person und Tag sind erlaubt, und viele küstennahe Korallenriffe sind gänzlich von der Hummertaucherei ausgeschlossen. Die Hotels sind teuer und wildes Zelten ist verboten.

Doch Jessica und ihre Großfamilie nehmen all das gern in Kauf. Meist sind alle im Wasser, auf der Jagd. Ihre Tante, Cathy Tetreault, gönnt sich gerade ein Nickerchen im dünnen Schlafsack auf dem blanken Boden. Der ist glitschig und stinkt nach Fisch. Aber Jessica strahlt. "Heute Morgen saß eine Riesenkrabbe auf meinem Bauch. Ich habe sie erst beim Aufwachen bemerkt", erzählt sie lachend und steckt sich eine Zigarette an. "Aber die Ameisen haben wir erfolgreich mit Insektenvernichter gekillt. Und an die Ratten gewöhnt man sich."

Nur etwas für Hartgesottene

Nur etwas für Hartgesottene

Seit Jahren beansprucht die Familie aus der drei Stunden Autofahrt entfernten Stadt Hollywood den Platz unter der Brücke für sich. Ein einsamer Landstreicher hat sich in eine Ecke verzogen und beobachtet das Geschehen mit ungläubigem Blick. Oben donnert der Verkehr, Jessica spricht lauter. "Die Klippen und Betonpfeiler sind voller Hummer", erklärt sie. "Wir beobachten sie schon am Tag vor der "Minisaison". Dann müssen wir sie nur noch einsammeln."

Ein Blitz unterbricht sie, gleich darauf kommt einer von Floridas typischen Platzregen herunter. Das Wasser rinnt in Strömen über die Schlafsäcke. "Nette Abkühlung", grinst Jessica nur, während die Männer der Familie vom Schnorcheln an Land krabbeln. Nichts bringt sie hier weg - bis zum Ende der "Minisaison". Bis der Regen vorbei ist, genehmigen sich alle erst mal ein Bier.

Um 11.00 Uhr vormittags ist die erste blaue Familienkühlbox bereits voll. Irgendjemand wird an der nächsten Tankstelle gleich wieder Eis kaufen müssen, denn das Krabbelgetier wird natürlich nicht hier gegessen, sondern mit heimgenommen. Rund 20 weitere Mitglieder der großen Familie freuen sich daheim schon auf die nächsten Grillabende. 98 Hummer dürfen Jessica und ihre Cousins, Onkel und Tanten am zweiten Tag mit nach Hause nehmen. Bisher haben sie 21.

Doch die Hobbyfischer haben reichlich Konkurrenz. 47.000 Lizenzen hat die Behörde für Fisch und Wild dieses Jahr ausgestellt. Im Wasser wimmelt es von Schnorchlern und Tauchern. Hummerfans reisen aus den ganzen USA an, aus New York, Georgia, sogar aus dem sieben Flugstunden entfernten Kalifornien.

Viele bringen ihr eigenes Boot mit und verärgern die Insulaner, wenn sie mitsamt Hänger oder Riesen- Wohnmobil die Parkplätze der Supermärkte verstopfen. Die Preise schnellen für zwei Tage in die Höhe, und an den öffentlichen Bootsrampen herrscht jedes Jahr Stau. Im Städtchen Marathon dürfen Touristen direkt neben dem privaten Yachthafen zu Wasser gehen.

Im Yachtclub selbst herrscht an den zwei verrückten Tagen Flaute, und Barkeeperin Kate Moncrief hat Langeweile. "Kein Einheimischer mischt sich an so einem Tag unter die da draußen", sagt sie. "Wir kaufen Essen und Wein für zwei Tage und schließen uns zu Hause ein."

Entfachte Abenteuerlust

Entfachte Abenteuerlust

Den ganzen Trubel um den Hummer kann sie nicht nachvollziehen. Schließlich herrscht hier kein Mangel: aus dem Bundesstaat Maine und aus der nahen Karibik wird ununterbrochen geliefert. "Inklusive Benzin- und Übernachtungskosten kostet ein selbst gefangener Hummer im ungünstigsten Fall um die 100 Dollar pro Pfund. Im Supermarkt an der Ecke kostet er neun", rechnet sie vor und greift sich an den Kopf.

Aber es geht ja nicht um den Preis - es ist das Abenteuer, das die Leute ins Wasser treibt. Bob Reynolds, Versicherungsmakler aus Georgia, ist mit Zelt, Boot und Ehefrau Anita 13 Stunden angereist. Auf dem Campingplatz macht er sich fertig für die Jagd. Dazu gehört der Metallstab, mit dem er den Hummer aus seinem Versteck "kitzelt". Die groben Handschuhe helfen, den stacheligen Kerl zu greifen und ins Netz zu packen, bevor er sich davon macht. An den Füßen trägt Reynolds orangefarbene Wasserschuhe. Das ganze Set hat er unterwegs im Drogeriemarkt für 15 Dollar gekauft.

"Hummer fangen ist ein Nervenkitzel", beschreibt Reynolds seine Erfahrung. "Es ist eine Herausforderung und jedes Mal ein großer Sieg, wenn man tatsächlich einen gefasst hat." Die einheimischen Fischer finden seine Technik ziemlich dilettantisch. Sie stellen Käfige auf den Meeresgrund, die von den Hummern irrtümlich als schützendes Versteck angesehen werden. Mit einer solchen Falle ziehen sie nach ein paar Tagen bis zu 15 Tiere an Bord.

Tausende von Käfigen sind noch auf den Fischergrundstücken entlang der einzigen Straße über die Keys nach Süden gestapelt. Den Profis gehen die Hobbytaucher jedes Jahr mächtig auf die Nerven, auch wenn die "Minisaison" ursprünglich in den 70ern auch zu ihrer Entlastung eingeführt wurde.

Die offizielle Hummersaison begann damals einheitlich für Sportfischer und Profis im August. Doch jedes Mal kam es zu unzähligen Zusammenstößen. Die Fischerboote mit ihren hoch gestapelten Käfigfallen waren schwer zu rangieren, und im Wasser tummelte sich die unkontrollierbare Masse mit Taucherbrille.

Auch heute beginnt die allgemeine Fangsaison im August. Die "Minisaison" eine Woche vorher nimmt aber den ersten Tagen die Spitze. Doch die Touristen räumen den Meeresboden auch erst einmal leer. "Vergewaltiger und Plünderer sind das", schimpft Fischer John Molnar, der noch acht Tage warten muss, bis er seine Fallen aussetzen darf. "Die rücken hier mit Tiefkühltruhen in ihren Wohnmobilen an. Die meisten fangen bestimmt viel mehr als erlaubt und schmuggeln es irgendwie nach Hause."

Strafzettelflut

Strafzettelflut

Das könnte richtig teuer werden. Denn auch auf den Florida Keys stellt die Küstenwache klar, dass die Regeln eingehalten werden müssen. Spätestens bei der Abreise werden an Kontrollstationen gezielt Autos herausgewinkt und Kühlboxen untersucht. Hundeführer mit ihren Tieren werden aus anderen Staaten eingeflogen, und über den Buchten kreisen Hubschrauber. Die Wasserpolizei patrouilliert rund um die Uhr und stellt einen Strafzettel nach dem anderen aus.

"Die meisten messen ihren Fang nicht richtig", stellt Officer Robert Dube fest. Er legt seinen Hummermesser genau zwischen Kopfende und Schwanzansatz an. Wenn das Tier zu klein oder ein trächtiges Weibchen ist, wirft er es eigenhändig zurück ins Wasser.

Das Vergehen kostet mindestens 295 Dollar. "Ich persönlich finde das zu teuer", gesteht er, und deswegen drückt er auch mal ein Auge zu. Schließlich geht er zur Hauptsaison selbst gern Hummer jagen. Er weiß, was die Amateurfischer bewegt. Gerade hat er den gesamten Fang einiger junger Leute aus Orlando zurück in die Fluten gekippt. "Alle zu klein, zwei sogar schon tot", sagt er.

Die vier Urlauber versuchen, sich den Frust nicht anmerken zu lassen. Für die zwei Tage Mietboot, Benzin und Hotel haben sie pro Kopf mehr als 500 Dollar ausgegeben. Seit Stunden suchen sie schon nach Hummern, und noch vor ein paar Minuten waren sie stolz, endlich ein paar gefangen zu haben. Dube entdeckt einen weiteren Mangel: die Tauchflagge ist nicht richtig am Boot befestigt. Doch er will es nicht noch schlimmer machen. "Diesmal gibt's nur einen Strafzettel", entscheidet er. "65 Dollar für die Flagge. Vergessen wir die 295 Dollar für die kleinen Hummer."

Die jungen Leute lächeln verkrampft. "Für uns ist die Saison beendet", beschließen sie. "Wir geben das Boot zurück und kaufen unseren Hummer im Supermarkt." Auch die Mitglieder der Großfamilie unter der Key Long Brücke hat's erwischt. Sie geben zum ersten Mal seit Jahren frühzeitig auf. Mit grimmigen Gesichtern räumen die Männer die Campingsachen ins Auto.

"Es ist einfach zu viel los hier", erklärt die immer strahlende Jessica. "Wir haben wirklich versucht, die Regeln einzuhalten. Alle zehn Minuten kam eine andere Patrouille vorbei. Am Ende gab's dann endlich einen Strafzettel - für unerlaubtes Heraushängen der Füße vom Boot! 61 Dollar es reicht." Die Familie fährt heim, immerhin mit 66 Hummern im Gepäck. Ihren Platz unter der Brücke hat schon ein anderer Taucher in Beschlag genommen.

Am Ende des zweiten Tages haben knapp eine Million Hummer ihr Leben gelassen. Doch für die Menschen haben sich die strengen Kontrollen ausgezahlt. Es gibt keine schweren Unfälle. Nur ein Taucher hat einen Herzinfarkt erlitten - noch bevor er den ersten Hummer packen konnte.

Carolin Reiter, dpa

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