Queen Mary 2 Königliche Überfahrt

Auch bei ihrem für dieses Jahr letzten Besuch des Hamburger Hafens am heutigen Donnerstag begeistert die Queen Mary 2 wieder die Massen. Kein Wunder: Wer mit dem Atlantikliner fährt, taucht in eine luxuriöse Welt ein - mit livrierten Kellnern, Silbertabletts und Gentlemen Hosts zum Tanztee.
Von Sabine Koell

Hamburg - "You want to go to the boat?", fragt uns der New Yorker Taxifahrer, als wir ihm das Fahrziel Brooklyn Terminal nennen. Ein wenig untertrieben für das Schiff der Reederei Cunard, das uns dann kurze Zeit darauf im Hafen erwartet. Denn mit einer Länge von 345 Metern, einer Breite von 41 und einer Höhe von 72 Metern ist die Queen Mary 2 (QM2) das zurzeit zweitgrößte Passagierschiff der Welt. Mit ihrem blau-schwarzen Rumpf, den weißen Aufbauten und einer feinen weißen Linie über dem roten Unterschiff erinnert sie an die Oceanliner vergangener Tage, lässt aber deren Eleganz doch ein wenig vermissen.

Sie bietet 2620 Passagieren Platz, die nun hier im Kreuzfahrtterminal einchecken. Da für das Schiff über die amtlichen Sicherheitsbestimmungen hinaus zusätzliche Regelungen gelten, haben sich lange Schlangen vor den einzelnen Einschiffungsschaltern gebildet. Dennoch geht es zügig voran, nachdem unser Handgepäck durchleuchtet, unsere Reisepässe gescannt und die Fragebogen zu Krankheiten überprüft wurden, erhalten wir unsere Bordausweise mit Lichtbild, die in den nächsten Tagen Kreditkarte und Pass zugleich sein werden.

Beim Betreten der Grand Lobby mit ihrem sechsstöckigen Atrium sind alle Warteschlangen vergessen; in der riesigen Empfangshalle die sich über zwei Decks erstreckt, erwartet uns das Bordpersonal und erklärt den Weg zur Kabine. Begleitet werden wir nicht, dafür anschließend von unserem Kabinensteward Mel umso netter begrüßt.

Unsere Außenkabine verfügt über einen Balkon - wie 952 weitere der insgesamt 1300 Kabinen - die Einrichtung ist in bestem Zustand und bietet genügend Platz für eine Reise, die über eine sechstägige Transatlantikfahrt hinausgeht. Eine gefüllte Minibar und ein Safe stehen ebenso zur Verfügung wie ein interaktiver Fernseher mit unterschiedlichen TV- und Musikprogrammen in mehreren Sprachen, E-Mail-Zugang und Anschluss für Digitalkameras sowie ein Direktwahltelefon, Laptop-Anschluss und eine individuell regulierbare Klimaanlage. Alle Schränke und Schubladen verfügen über Magnete, sodass sich auch bei starkem Seegang nichts öffnet.

3125 Seemeilen bis Hamburg

3125 Seemeilen bis Hamburg

Noch vor dem Ablegen kommt das Pflichtprogramm: die Sicherheitsübung. Eigentlich sollte die Queen Mary 2 um 17 Uhr ablegen, doch da einige Passagiere nicht rechtzeitig an Bord gegangen sind, ertönt der tiefe Ton aus den beiden Schiffshörnern - von denen eins bereits auf der Vorgängerin Queen Mary im Einsatz war - , der das Auslaufen ankündigt, eine gute Stunde später als geplant.

Schön für uns, denn der Regen hat sich in dieser Zeit verzogen, und wir können somit an Deck beobachten, wie sich das Schiff langsam vom Kai entfernt, ein paar Sonnenstrahlen spiegeln sich in den Wolkenkratzern Manhattans, die Freiheitsstatue gleitet im Dunst an uns vorüber. Kurz vor der Verrazano Bridge kommt leichte Unruhe auf, natürlich wird die Durchfahrt problemlos gelingen, doch so unmittelbar vor der Brücke, kommen so manchem da Zweifel, dass alle Aufbauten und der Schornstein unbeschadet bleiben werden.

3125 Seemeilen liegen nun vor uns, also viel Zeit, die Queen Mary 2 kennenzulernen. Wir beginnen damit direkt am Abend beim Dinner im Britannia Restaurant, dem größten Restaurant des Schiffes, das sich über zwei Ebenen erstreckt, die durch eine breite Freitreppe verbunden sind. Hier wird in zwei Sitzungen mit jeweils über 1000 Passagieren gespeist. Darüber hinaus gibt es das Princess Grill und das Queens Grill Restaurant, Letzteres für Passagiere, die sich die Reise in den teuersten Kategorien für bis zu 32.040 Euro gönnen.

Dafür erhalten sie dann auch allen Komfort, den die Reederei zu bieten hat, Apartments auf zwei Ebenen, mit eigenem Bar- und Arbeitsbereich, Marmorbäder mit Whirlpool, begehbare, klimatisierte Kleiderschränke und einen persönlichen Butler- und Conciergeservice. Da sich diese Suiten ausschließlich auf den oberen Decks befinden, verfügen sie über einen offen Balkon. Je wohlhabender, desto Meer-Blick.

Die für unseren Tisch zuständigen Stewards Eddie und Anthony kümmern sich aufmerksam und zuvorkommend um uns, nicht nur an diesem Abend. Auch an den folgenden wird uns die Serviette auf den Schoß gelegt, Pfeffer aus der großen Mühle übers Essen gestreut, die Zitrone mit Vorlegebesteck über dem Fisch ausgedrückt und die Tischdecke von Brotkrümeln befreit.

Speisen wie Baby Shrimp Thermidor in Walnuss-Brioche, Ente à l'orange mit Haselnusskroketten und Grand-Marnier-Sauce oder Seezungenfilet mit Lauch-Fenchel-Ragout lassen da jedes Mal aufs Neue die Entscheidung schwer werden. Bewundernswert, wie bei dieser Masse an Gästen, die auf einen Schlag versorgt sein wollen, noch auf Sonderwünsche eingegangen wird, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

Täglich 14.000 Essen

Täglich 14.000 Essen

Wer auf diesen "Schnickschnack" keine Lust hat, kann sich rund um die Uhr in einem der Buffetrestaurants ganz leger nach Herzenslust bedienen (lassen). Ob nun asiatisch, italienisch oder britisch, die Speisen sind gut, reichlich und vor allem fast immer erhältlich.

14.000 Mahlzeiten werden täglich serviert, zusätzlich wollen 1254 Crew-Mitglieder versorgt werden; das bedarf einer professionellen Logistik, und somit ist das wichtigste Gerät für den elsässischen Küchenchef Jean-Marie Zimmermann nicht der Herd, sondern der Computer. Der zeigt an, in welchem Restaurant gerade welche Menüs geordert werden. Auf großen Leuchttafeln wird der Status der einzelnen Gerichte angezeigt, in langen Schlangen nehmen die Stewards Tabletts, fahren mit Rolltreppen ins Britannia Restaurant, um dann, ziemlich entspannt wirkend, ihren Gästen das Gewünschte zu servieren.

Aber das alles nimmt auch Platz in Anspruch; in den riesigen Vorratsräumen im Bauch des Schiffes lagern Tonnen von Fleisch, Fisch und Gemüse. Darüber hinaus findet sich hier der größte Weinkeller auf See mit einer Auswahl von 343 Sorten, von denen jährlich 230.000 Flaschen verbraucht werden. Um sich auch in diesem Bereich absoluter Sicherheit gewiss zu sein, wurden alle Lebensmittel vor dem Beladen von Sicherheitskräften mit Spürhunden geprüft.

Was die Küche verspricht, kann das Abendprogramm nicht halten, die im Royal Court Theater gebotenen Shows, könnten bis auf Ausnahmen, abwechslungsreicher, unterhaltender oder einfach anspruchsvoller sein. Doch auch hier ist ja für Alternativen gesorgt, sei es im typisch britischen Lion's Club mit Karaoke, beim Streichkonzert in der Grand Lobby, beim Black Jack im Empire Casino oder im Wintergarten mit Pianomusik.

Auch tagsüber gibt es viel zu tun, eine Transatlantikreise ist schließlich - so scheint es beim Blick auf das tägliche Bordprogramm - nichts für Faulenzer. Ob nun Bridge, Bingo, Schauspiel- oder Tanzunterricht, Kunstauktionen, Wein- oder Whiskyproben, Kochshows oder Golftraining, für jeden ist etwas geboten. Doch will man das wirklich? Draußen an Deck gibt es schließlich viel zu sehen, sei es auch immer nur der gleiche Horizont, doch das Spiel der Wellen und die auf dem Meer reflektierenden Mini-Regenbogen faszinieren mehr als die Erläuterungen von Tina Brown zu ihrem neuen Diana-Buch.

Keine Chance für Monsterwellen

Leere Liegestühle weit und breit, das Wetter lässt ein Sonnenbad nicht zu. Es ist stürmisch, doch dank der hochmodernen Stabilisatoren entsteht kein Rollen. Die Queen Mary 2 wurde speziell für den stürmischen, von Treibeis durchzogenen Nordatlantik gebaut.

Bug- und Heckbereich sind durch Stahlplatten verstärkt. Die neuartige Azipod-Technik (Azimuthing Electronic Drive) erhöht die Manövrierfähigkeit der QM2. Die riesigen hochmodernen Rolls-Royce-Elektromotoren, welche das Schiff nicht stoßen, sondern ziehen, verfügen über eine Leistung von 21,5 Megawatt.

Die Brücke liegt auf Deck 12, 40 Meter über dem Meer, hoch genug, um nicht von Monsterwellen getroffen zu werden, wie es ihrem Schwesterschiff der Queen Elizabeth 2 vor zwölf Jahren erging, als zwei 30 Meter hohe Wellen die Brücke fast komplett zerstörten.

Auf der Brücke der Queen Mary 2 zeigen sich insgesamt 27 Offiziere rund um die Uhr für eine sichere Reise ihrer Passagiere verantwortlich. Da wundert es nicht, dass Kapitän Rynd wegen Nebels nicht auf der Party erscheint, zu der er persönlich eingeladen hatte, sondern selbst das Kommando übernimmt.

Im Inneren arbeitet ein Kraftwerk, das die 150.000 Bruttoregistertonnen des Luxusliners mit maximal 30 Knoten übers Meer treibt und zugleich den Strom für das gesamte Schiff liefert. Darüber hinaus produzieren vier hausgroße Dieselmotoren und zwei Gasturbinen 157.000 PS - ausreichend für eine Stadt mit 200.000 Einwohnern.

Ein Widerspruch in sich? Technik auf höchstem Niveau, um sechs Tage für die Fahrt über dem Atlantik zu benötigen, wo man in Zeiten moderner Düsenjets in gerade mal acht Stunden die Strecke bewältigen könnte?

Der Weg ist das Ziel

Der Weg ist das Ziel

Aber hier ist der Weg das Ziel. Wäre Cunard sich nicht der Attraktivität dieser Reiseform bewusst, hätte die Reederei die Queen Mary 2, die von Königin Elizabeth II. am 8. Januar 2004 getauft wurde, wohl nicht in dieser Form bei der französischen Werft Chantiers de l'Atlantique in St. Nazaire in Auftrag gegeben.

Außerdem entgeht der Reisende dem Jetlag. Jeden Tag wird die Uhr lediglich um eine Stunde vorgestellt, das lässt sich verkraften, bringt es allerdings auch den ein oder anderen durcheinander. Selbst Wetterexperte Jörg Kachelmann, als Redner für die deutschsprachigen Passagiere mit an Bord, verschläft und kommt erst nach Aufforderung durch den Bordlautsprecher zu seinem Vortrag. Entsprechend derangiert fällt dieser daraufhin auch aus, ein zusammengebrochener Flipchart sowie fehlende Stifte verwandeln seine Wetterkunde zur Comedyshow. Aber wen stört's, wir sind ja nicht beim Fernsehen, sondern an Bord eines Passagierschiffs und haben ganz einfach unseren Spaß.

Keine Hektik dagegen beim Kollegen Jörg Wontorra, der völlig entspannt zwei Vorträge über die Verbindungen von Sport und Wirtschaft hält. Der Sportmoderator amüsiert sich am Abend mit Freunden in der Commodore Bar und hat plötzlich Probleme wie du und ich: Welche Schuhe sind am geeignetesten für den Landgang beim Zwischenstopp in Southampton auf dieser Passage nach Hamburg am folgenden Tag?

Sollte er nicht die passenden dabei haben, wird er sicher in einem der zahlreichen Shops an Bord fündig. Harrods, Chopard, Hermés, Stern und andere bieten in einzelnen Geschäften das ein oder andere Accessoire, sei es nun als Souvenir oder doch für Ergänzung der Abendgarderobe.

Die, die es günstiger mögen, lockt der fast tägliche "Schnäppchenmarkt", auf langen Tischen werden Uhren, Schmuck, Düfte und Baseball-Caps zum Sonderpreis geboten. Keine Sonderpreise kennt dagegen der Bordfotograf. Kaum ein Tag, an dem nicht in der Grand Lobby, an Deck oder vor kitschigen Leinwänden geknipst wird. Zu bewundern sind die Fotos mit zusätzlichen Zierelementen auf zahlreichen Tafeln und für stattliche 27,50 Dollar käuflich zu erwerben.

Weltraumfeeling auf hoher See

Weltraumfeeling auf hoher See

Unverkäuflich dagegen die zahlreichen Fotos der vielen prominenten Gäste, die bisher an Bord der Queen Mary waren: Porträts von Cary Grant, Audrey Hepburn, Stan Laurel und Oliver Hardy, Präsident Eisenhower, General Montgomery und anderen säumen den Weg zum Planetarium, dem weltweit einzigen auf See. Mithilfe moderner Technik werden im Illuminations Theater, das sich über drei Decks erstreckt, Sternenbilder in einen virtuellen Weltraum projiziert. Planeten steuern in 3D-Anmutung auf den Betrachter zu, Kometen kreisen im Kuppeldach und faszinierende Bilder geben das Gefühl sich im Weltraum zu befinden.

Und noch einen Superlativ hat der Luxusliner zu bieten: Die weltweit größte Bibliothek mit direktem Blick aufs Meer verfügt über mehr als 8000 Bücher.

Für diejenigen, die sich nicht nur geistig, sondern auch körperlich fit halten wollen, empfiehlt sich ein Besuch des Fitnesscenters, das sich gemeinsam mit dem Wellnessbereich über 1860 Quadratmeter erstreckt. Moderne Geräte helfen, die Kalorienzufuhr wieder abzubauen und guten Gewissens noch einmal beim Fünf-Uhr-Tee im Queens Room vorbeizuschauen.

Weiß livrierte Kellner servieren Tee, wässrigen Kaffee sowie kleine Sandwiches, Törtchen und die typisch britischen Scones von Silbertabletts. Dazu spielt das bordeigene Orchester und Gentlemen Hosts fordern alleinreisende Damen zum Tanz auf. Der Taufpatin des Schiffs Königin Elizabeth II. wird mit zahlreichen Porträts und Büsten gehuldigt. Wie beliebt dieses tägliche Spektakel ist, zeigt, dass kaum ein Platz zu bekommen ist und sich die Tanzfläche erst leert, wenn der letzte Ton des Orchesters verklungen ist.

Die Kleinen an Bord zieht der sogenannte High Tea allerdings nicht an, sie haben ihr eigenes Programm und werden, sofern die Eltern dies wünschen, den ganz Tag von ausgebildeten Erzieherinnen bespaßt. Nicht ohne Eigennutz wird die Reederei diese Einrichtung derart attraktiv ausgebaut haben: Die kleinen Mitreisenden von heute sind die hoffentlich wohlbetuchten Passagiere von morgen.

Viel zu schnell vergehen die Tage, wir sind Teil dieser ganz eigenen QM2-Welt geworden und müssen nun bald wieder das Schiff verlassen. Am letzten Abend erreichen wir Cuxhaven, der Lotse kommt an Bord. Unter dessen Leitung geht es dann die Elbe aufwärts nach Hamburg. Um drei Uhr morgens dreht der Bug im Parkhafen, um danach rückwärts an den hell erleuchteten Containerterminals, den Landungsbrücken und der gerade entstehenden Elbphilharmonie vorbei zum Kreuzfahrtterminal zu gleiten. Nachdem alle Formalitäten mit der Hafenbehörde abgewickelt sind, heißt es von Bord zu gehen. Noch ein bisschen wackelig auf den Beinen, aber erfüllt von zahlreichen Eindrücken.

Queen Mary 2: Eine Königin in Bildern Fotostrecke: Unterhaltung auf der QM2

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