Parks in Paris Wo die Boulekugel rollt

Den Jardin du Luxembourg oder den Bois de Boulogne kennt so gut wie jeder Paris-Tourist. Aber ist Ihnen auch der Saint-Gille-Grand-Veneur im Marais ein Begriff - oder der Jardin du Palais Royal? manager-magazin.de sagt, wo man sich in der französischen Hauptstadt stilecht vom Sightseeing und Shoppen erholen kann.

Paris - Der Pariser ist von Natur aus ein Snob, wenn es so etwas gibt: Der Eiffelturm interessiert ihn nur von unten, und die Kathedrale Notre-Dame auf der Île de la Cité mag er allein von außen. Von innen attraktiv sind für den französischen Hauptstädter nur Bistros und die eine oder andere Kunstausstellung, die gerade in ist. Doch halt, eines reißt ihn noch aus seinem Louis-XV-Sessel: Der Spaziergang am Wochenende durch einen der Gärten und Parks von Paris. Denn in den grünen Oasen inmitten der Weltstadt tankt er auf und fühlt sich gut. Nicht zuletzt stehen etliche "Jardins" auch für die alte Größe Frankreichs, von der man sagt, sie sei vorbei.

Vor allem aber ist der Pariser gestresst, hektisch, reizbar - ein Weltstadtmensch eben. Die tägliche Flut der Millionen von Autos, die auch der sozialistische Bürgermeister Bertrand Delanoë nicht richtig in den Griff bekommt, bringen verschmutzte Luft und einen ständig an der Schmerzgrenze liegenden Lärmpegel mit sich. Da haben Orte Hochkonjunktur, an denen man absolute Ruhe findet und die Vögel zwitschern hört - die Blechlawine für ein paar Stunden vergessen, Paris mit buddhistischem Zen-Gefühl erleben. Beim Drang in diese Natur "intra muros" stört dann auch der Tourist nicht so sehr, der weiß, welche Gärten geschichtsschwanger und sehenswert sind.

So packt der Pariser Postbeamte Jean-Yves nach Feierabend seine Boule-Kugeln ein und sucht im weitläufigen Jardin du Luxembourg nach Mitspielern - möglichst im Schatten natürlich und fern des zentralen Bassins. Denn das lieben zu viele wegen des Rundumblicks auf den Garten und den Palais du Luxembourg.

Im Schatten knorriger Bäume

Im Schatten knorriger Bäume

Unzählige Statuen bevölkern den Jardin du Luxembourg, an warmen Sommerabenden nur von der Zahl der verliebten Paare übertroffen. Die Stühle am Becken sind wie meist alle besetzt, viele Parkbesucher lesen, sehen den ausgeliehenen kleinen Booten auf dem Wasser zu, schreiben Postkarten. Trotz der Menschenmassen liegt eine friedliche Atmosphäre über dem französisch angelegten Garten mit italienischen Einsprengseln. In wie vielen Romanen ist er Schauplatz? Das gilt auch für die Tuilerien mit ihren Wasserspielen, den Skulpturen am Rande der breiten Alleen - und jenem einzigartigen Blick über die Place de la Concorde, die Champs-Élysées und dann den Triumphbogen hinaus bis zur neuzeitlichen Grande Arche.

Nachdem auch das Orangerie-Museum in dem Garten aufwendig restauriert worden ist, holt man sich in diesem beschaulichen Naturkunstwerk des königlichen Gartenbaumeisters André Le Nôtre keinen kunsthistorischen Katzenjammer mehr, sondern allein noch die obligatorischen staubigen Schuhe. Wo einst Ziegeleien - Tuilerien - standen, lädt nun eine Reihe von Cafés den von der geballten Kunst im Louvre "erschlagenen" Kulturfreund zum kontemplativen Verweilen im Schatten der Bäume ein.

Er kann vom Louvre aus aber auch in ein paar Schritten - vorbei an der altehrwürdigen Comédie Française - ein wenig bekanntes und dafür umso heller strahlendes Juwel der französischen Gartenbauarchitektur aufsuchen: Der in sich abgeschlossene Jardin du Palais Royal mit Galerien, kleinen Geschäften und feinen Restaurants ist ein Hort der Ruhe im Herzen von Paris. Seine klassizistische Schönheit und Strenge vermitteln dem Flaneur eine fast erhabene Geborgenheit. Da ist es kein Wunder, dass Künstler wie Jean Cocteau oder Colette, die hier wohnten, das elegante Ambiente des Gartens besonders schätzten.

Schon nach diesen ersten Spaziergängen und Erholungspausen könnte die verwunderte Frage auftauchen, warum die Seine-Stadt eigentlich als eine der am wenigsten "grünen" europäischen Metropolen gilt. Wenn das Wetter gnädig ist, sind die Jogger und Hundebesitzer, die Familienoberhäupter mit ihrem Nachwuchs oder auch die Einsamen im Parc Monceau unterwegs. Oder im Parc Montsouris am Südzipfel von Paris. Und im hügeligen Parc des Buttes-Chaumont im Nordosten. Es werden Kunst, Konzerte und Verkaufsausstellungen unter den Kastanien und Platanen geboten. Allerlei Getier taucht auf, und auch seltene Pflanzen wollen hier in den Himmel wachsen. Auf etwa 400 ist die Zahl der Parks und Grünanlagen im Steindschungel angewachsen.

Da gilt es, die kleinen wie die großen grünen Paradiese zu finden, um eine Siesta einzulegen, eine Lektüre fortzusetzen oder sein Wissen zu vertiefen. Nicht zuletzt der Rosenfreund kommt auf seine Kosten, etwa in der "Roseraie" des Jardin des Plantes zwischen Panthéon und Gare d'Austerlitz. Gewächshäuser mit tropischen und subtropischen Pflanzen aus aller Welt laden den Besucher ein, aber auch ein Alpingarten mit 2000 Gebirgspflanzen und ein botanischer Lehrgarten. Im weitläufigen Jardin des Plantes mit seinem Tierpark stehen die ältesten, knorrigsten Pariser Bäume.

Romantisch und verwunschen

Romantisch und verwunschen

Mit der Saison gehen muss der Blumenfreund auch im traumhaft angelegten, englischen Bagatelle-Park im Bois de Boulogne. Denn die Lilien dürften schon weitgehend verblüht sein, wenn im Juli und August die Rosen alle anderen - wahrlich auch farbenprächtigen - Konkurrenten in den Schatten stellen. Der Ende des 18. Jahrhunderts angelegte Bagatelle-Park mit Trianon und Orangerie gilt wegen seiner verschlungenen Wege als besonders romantisch und verwunschen. Und er wäre nicht ein Teil der Pariser Kulturtradition, würden nicht auch verspielte Kunstausstellungen in die Gartenlandschaft eingebunden.

Es geht aber auch modern und muss nicht immer das Auftragswerk eines Adeligen sein, der dem König oder auch seiner Mätresse imponieren wollte: Wo früher Autos gebaut wurden, lädt heute der eigenwillige André-Citroën-Park mit futuristischem Gepräge das junge Paris zum Feiern unter freien Himmel ein - wenn es nicht das weit geräumigere Marsfeld im Schatten des Eiffelturms für ein Rockkonzert sein soll. Wie der Citroën-Park im Südwesten von Paris gelegen, bietet auch der nach dem Chansonnier Georges Brassens benannte Park ein modernes Bild: Bienenhäuser, ein Weinberg und ein Bücher-Antiquariat im Park gehören zu den Attraktionen des Geländes.

Doch der Pariser sucht - ob Bistro, Galerie, Boutique oder lauschiges Plätzchen - immer auch nach dem, was der "letzte Schrei" ist und möglichst nicht allen bekannt. Und solche "geheimen Gärten" voller Charme und Ruhe gibt es in jedem Arrondissement. Im beliebten Marais-Viertel etwa ist es der Jardin Saint-Gille-Grand-Veneur und im 7. Stadtbezirk auf dem linken Seine-Ufer der verschwiegene Square Récamier und der kleine Jardin Catherine-Labourée. So wie Pariser Medien immer wieder die besten Croissants, Baguettes und Sandwiches der Stadt küren, ist es auch mit den Orten der Stille: "Wo man Ruhe in Paris findet", "Unter den Bäumen von Paris" oder "Paris - 100 einzigartige Gärten" versprechen viel gefragte Bücher.

Diese Fülle könnte fast vergessen machen, dass die unter starker Luftverschmutzung leidende Stadt immerhin zwei riesige Lungenflügel hat. Beide ziehen mit ihren Wäldern, Seen und Teichen, aber auch mit Zirkussen, Jazz-Konzerten und Theater, vor allem am Wochenende die Massen an: Der Bois de Vincennes ganz im Osten, knapp 1000 Hektar groß, und der nur wenig kleinere Bois de Boulogne im Westen sind die Naherholungsgebiete par excellence für den gestressten Pariser.

Hier kann man einkehren, sich an den Hängen der Seen die richtige Bräune für den Büroalltag holen und die Schönen auf ihren Badehandtüchern bewundern. Und wie schon in vergangenen Jahrhunderten sind die beiden großen "Bois" das geeignete Gelände für ein Picknick im Grünen mit der Familie - es gibt also genug Möglichkeiten, im Großstadtdschungel gut zu überleben.

Hanns-Jochen Kaffsack, dpa

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